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Dampfer: Als Heizer auf der "Diesbar"

Der Dresdner Bert Scharnhorst macht der Dampfschiffahrt in schwerer Zeit ein besonderes Geschenk - und bekommt einen hitzigen Job.

Bert Scharnhorst (l.) lässt sich von Profi-Heizer René Herold zeigen, was beim Kohleschaufeln zu beachten ist. Im Heizraum wird es bis zu 70 Grad heiß.
Bert Scharnhorst (l.) lässt sich von Profi-Heizer René Herold zeigen, was beim Kohleschaufeln zu beachten ist. Im Heizraum wird es bis zu 70 Grad heiß. ©  Rene Meinig

Dresden. Es ist ein ungewöhnliches Geschenk: zwei Tonnen Kohle, dunkel und schwer. Das staubige Präsent macht sich Bert Scharnhorst allerdings nicht selbst, sondern dem Dampfer "Diesbar". Er ist das einzige Schiff der Sächsischen Dampfschiffahrt (SDS), das noch mit Kohlebriketts betrieben wird. Die Ladung von zwei Tonnen ist die heutige Tagesration, die per Hand in den Kessel der "Diesbar" geschaufelt werden muss. Bei dieser Arbeit hilft Bert Scharnhorst an diesem Samstag - als Gegenleistung zum tonnenschweren Geschenk quasi. 

"Ich habe einfach per Mail bei der Dampfschiffahrt angefragt, ob das möglich ist", erzählt der Dresdner. 512 Euro für die Kohlen lässt er sich das "Vergnügen" kosten, bei schweißtreibenden Temperaturen die Dampfmaschine, die 1841 in England gebaut wurde, anzuheizen. Dem Technikfan geht angesichts der vielen Besonderheiten dieses Schiffes spürbar das Herz auf. Scharnhorst kennt sich aus mit dessen Geschichte, berichtet, wie Dresdner den heruntergekommenen Dampfer, der 1884 vom Stapel lief, nach der Wende wieder auf Vordermann gebracht haben, nennt Jahreszahlen und technische Daten. Dass er heute als Praktikant dabei sein darf, mache ihn unheimlich glücklich, betont er immer wieder.

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Mit Fingerspitzengefühl am Dampfkessel

Bert Scharnhorst, 61 Jahre alt, als Kind mit den Dampfern groß geworden, ist bis heute regelmäßig Gast an Bord der Weißen Flotte. An diesem Sonnabend bestreitet er seine vierte Dampfertour in diesem Jahr. Dieses Mal allerdings nicht auf Deck, sondern unten im Heizraum. 9.30 Uhr steigt Scharnhorst hinab in den Schiffsbauch, dort, wo sonst eigentlich kein Fahrgast hinein darf. Die Metalltreppe ist steil und eng.

Wasserflasche, Basecap, Kamera mit Stativ - der Dresdner ist gut vorbereitet auf seinen Einsatz, er will nichts dem Zufall überlassen, vor allem nichts falsch machen. An der Seite von Heizer René Herold wird Scharnhorst später Kohlen in den Kofferkessel schippen. "Aber erst, wenn wir volle Fahrt haben", sagt Herold. Denn beim Heizen komme es auf Fingerspitzengefühl an, darauf, den Druck im Kessel pünktlich bis zum Ablegen auf zwei Bar zu bekommen, damit sich die "Diesbar" in Bewegung setzen kann.

Am Abend vorher wird angeheizt

Die Vorbereitungen dafür haben schon am Freitag begonnen, auch da war Bert Scharnhorst bereits vor Ort. Der Kessel muss zwölf bis 14 Stunden vor dem Start angeheizt werden, zunächst auf 60 bis 70 Grad Celsius, damit die alten Bauteile langsam warm werden. Herold erklärt seinem Praktikanten, wie alles genau funktioniert, durch welche Rohre der Dampf geht, welche Sicherheitsvorkehrungen beim Kohleschaufeln zu beachten sind. Briketts, die den Kohlebunker einmal auf der Schaufel  verlassen haben, dürfen nicht wieder dorthin zurückgeschüttet werden. Zu groß ist die Gefahr, dass vor der offenen Luke mit dem Feuer ein Funke übergesprungen ist. 

Einen Brand gab es auf der "Diesbar" schon einmal, als sich im September 2016 über Nacht unbemerkt Kohlebriketts entzündet hatten. Die Dresdner Feuerwehr konnte den Flammentod des historischen Dampfers noch verhindern, weil das Feuer rechtzeitig bemerkt worden war. "Zum Glück", sagt Bert Scharnhorst. Für ihn sei es unvorstellbar, dass auch nur eines der Schiffe aus der Weißen Flotte verschwindet. Deshalb sei die Angst groß, dass mit einem neuen Eigentümer, der ja bis September gefunden werden und das Unternehmen aus der Krise führen soll, die Flotte verkleinert wird. 

Gemeinsam mit Lucas Pechstein (r.) engagiert sich Bert Scharnhorst beim Verein "Freunde der Sächsischen Dampfschiffahrt". Pechstein ist begeistert von der Idee, Kohle für die "Diesbar" zu schenken.
Gemeinsam mit Lucas Pechstein (r.) engagiert sich Bert Scharnhorst beim Verein "Freunde der Sächsischen Dampfschiffahrt". Pechstein ist begeistert von der Idee, Kohle für die "Diesbar" zu schenken. © René Meinig
Zu den Aufgaben als Praktikant gehört auch das Putzen und Polieren der Windhutzen auf dem dach des Dampfers.
Zu den Aufgaben als Praktikant gehört auch das Putzen und Polieren der Windhutzen auf dem dach des Dampfers. © René Meinig
Am Morgen liegt die "Diesbar" noch am Anleger 18, später wird sie an Terrassenufer wechseln und dort die Fahrgäste zur Canaletto-Tour abholen.
Am Morgen liegt die "Diesbar" noch am Anleger 18, später wird sie an Terrassenufer wechseln und dort die Fahrgäste zur Canaletto-Tour abholen. © René Meinig
Die Dampfmaschine von 1841 soll die älteste Maschine weltweit sein, die noch im Streckeneinsatz ist. Sie braucht immer gute Pflege.
Die Dampfmaschine von 1841 soll die älteste Maschine weltweit sein, die noch im Streckeneinsatz ist. Sie braucht immer gute Pflege. © René Meinig

"Kohle-Geschenk" als Vorbild

Scharnhorst will auf die Situation der SDS aufmerksam machen, will helfen, wo immer es geht - auch mit seiner Idee, die Kosten für die Kohle zu übernehmen. Seit letztem Jahr ist er Mitglied im Verein "Freunde der Sächsischen Dampfschiffahrt", 80 Mitstreiter engagieren sich inzwischen dort für die Rettung der Weißen Flotte. Geld habe er nicht viel, sagt Scharnhorst, er beziehe eine kleine Opferrente, weil er zu DDR-Zeiten im Stasi-Gefängnis auf der Bautzner Straße inhaftiert war. Als Zeitzeuge macht er dort heute Führungen, um an das Geschehene zu erinnern. Es sei der Teil der Geschichte und dürfe nicht vergessen werden. 

Wie die Dampfer, die einfach zu Dresden gehören, und für die so viele Touristen hierherkommen, wie Scharnhorst aus Gesprächen mit den Fahrgästen weiß. Die wird er an diesem Samstag nicht führen. Er bleibt im Verborgenen, sorgt mit Heizer René Herold dafür, dass die Maschine läuft und die Kohlen nicht ausgehen. Bis zu 70 Grad kann es heiß werden vor den Feuerluken, der Schweiß rinnt, die Arme werden schwer vom Schaufeln. Das nimmt Bert Scharnhorst gern auf sich.

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Jetzt geht es los. Die Canaletto-Tour steht auf dem Programm, dreimal. Vom Terrassenufer geht es vorbei an der Dresdner Altstadt bis nach Übigau und zurück. Wenn die "Diesbar" am Abend wieder am Terrassenufer anlegt, sind die zwei Tonnen Kohle Geschichte. Aber vielleicht, so hofft Bert Scharnhorst, finden sich ja weitere Dampferfans, die wie er der "Diesbar" mal eine Tagesration spenden. 

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