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Einrichtung weist Gerüchte zurück

Die Betreibergesellschaft der Kinder- und Jugendpsychiatrie muss sparen. Das soll aber nicht durch eine Schließung des Standorts Riesa passieren.

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© Sebastian Schultz

Von Christoph Scharf

Riesa. Ein Platz zum Toben: Riesige bunte Bälle gibt es im Bewegungsraum, eine Kletterwand, gepolsterte Bauelemente zum Burgenbau. Auf den ersten Blick wirkt die Einrichtung der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Riesa wie in einem Hort: Es gibt Sporträume, Essensräume, Ruheräume.

Ruhe allerdings hatten die Mitarbeiter in den vergangenen Tagen nicht. Denn ein Beitrag in der SZ war eingeschlagen wie eine Bombe. „Wir bekamen entsetzte Anrufe von Eltern und Bekannten“, sagt Oberärztin Gabriele Wiesner. Unter dem Titel „Kinderpsychiatrie in Riesa auf dem Prüfstand“ war von einem Sonderkreistag in Freiberg berichtet worden. Dort hatte der Chef der Landkreis-Mittweida-Krankenhaus-Gesellschaft (LMK), zu der auch die Riesaer Einrichtung gehört, darüber berichtet, dass die Gesellschaft rote Zahlen schreibt – monatlich fällt ein Verlust von 220 000 Euro an. Deshalb, so hieß es dort, werde man auch am Konzept der Kinder- und Jugendpsychiatrie etwas ändern müssen, die sich derzeit auf die Standorte Riesa, Mittweida und Chemnitz verteilt. Von denen ist Riesa der räumlich Kleinste: Das Gebäude, das früher von der Kripo genutzt wurde, bietet Räume für zehn Patienten. Die anderen beiden Standorte haben jeweils 30 Plätze.

Dennoch habe der Standort Riesa auf jeden Fall eine Zukunft, sagt Oberärztin Gabriele Wiesner, nachdem sie Rücksprache mit der Geschäftsführung gehalten hat. Dafür sprächen nicht nur die hundertprozentige Auslastung und die Tatsache, dass sich der Standort wirtschaftlich trage, sondern auch die Lage. „Wir betreuen Kinder und Jugendliche aus dem ganzen Kreis Meißen, aus dem Raum Oschatz und einem Teil Südbrandenburgs“, sagt die Fachärztin für Kinderheilkunde. Und bei einer Tagesklinik seien die Fahrtwege wichtig: So kommen die jungen Patienten täglich um 7.30 Uhr ins Haus und verlassen es 16 Uhr wieder. „Fahrtwege von mehr als 40 Minuten wollen wir deshalb vermeiden“, sagt die Oberärztin. Schon deshalb sei der Standort Riesa unverzichtbar.

Nachfrage gibt es genug

Ganz im Gegenteil: Man denke eher daran, sich in Riesa zu erweitern. Denn Nachfrage gibt es genug. Doch was für Kinder und Jugendliche sind es eigentlich, die in dem Gebäude hinter dem Amtsgericht von Medizinern, Therapeuten, Erziehern und Kinderkrankenschwestern betreut werden? „Ein klassischer Fall wäre ein Zwölfjähriger, der einen massiven Leistungsabfall an der Schule hat, keine Hausaufgaben mehr macht, nicht mehr auf die Eltern hört und mit keinem mehr redet“, sagt die Medizinerin. Wenn die Eltern merken, dass mit ihrem Kind irgendwas nicht stimmt, gehen sie entweder zum Hausarzt – oder kommen gleich in die Klinik. Dort gibt es erst ein Vorgespräch, dann im Regelfall einige Monate Wartezeit. Je nach Dringlichkeit: wer etwa schon seit Monaten den Schulbesuch verweigert, geht vor.

Dann folgt eine Aufnahmeprozedur, die es in sich hat: mit körperlichen, neurologischen, psychologischen Untersuchungen. Daran schließt sich eine drei bis vier Wochen dauernde Diagnostikphase an, in der auch die Familie und das Umfeld untersucht werden: Oft findet sich dort ein Schlüssel für das Problem der Kinder und Jugendlichen. „Wir machen Hausbesuche bei den Eltern und sprechen auch mit den Lehrern.“ Denn es kommt gar nicht so selten vor, dass Kinder „null Bock“ auf Schule haben. In Riesa geht es darum, den Kindern wieder ein Interesse an Schule zu vermitteln. Deshalb gibt es vom ersten Tag an Schulunterricht in kleinen Gruppen – für Grundschüler genauso wie für Oberschüler. Nach der im Regelfall zwei weitere Monate dauernden Therapiephase wird dann versucht, die Kinder wieder stundenweise an ihrer „Heimatschule“ zu integrieren.

Im Idealfall ist die Behandlung nach drei Monaten vorbei. Dann besucht der Zwölfjährige wieder regulär die Schule – und erzählt plötzlich auch wieder Zuhause, was er den Tag über gemacht hat – obwohl er vorher vielleicht immer nur sagte: „Frag nicht so viel.“ Gerade erst hat sich eine Schülerin mit einer gereimten Abschiedsrede aus der Einrichtung verabschiedet, die sich zuvor tatsächlich mit Händen und Füßen gewehrt hatte, dort behandelt zu werden. Mittlerweile sind sogar Vorschulkinder in Behandlung – weil manche Kinder so verhaltensauffällig sind, dass sie sogar vom Kindergartenbesuch suspendiert werden.

Solche Betroffenen sollen auch weiter eine Anlaufstelle in Riesa haben. Ein positives Signal aus der Geschäftsführung: Für die bald in Ruhestand gehende Oberärztin wird bereits ein Nachfolger gesucht.