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Manchmal hilft die Kokospalme gegen Einsamkeit

Wird man einsamer, je älter man wird? Wie man mit dem Alleinsein lebt und dennoch nicht aufgibt, davon erzählt der Dresdner Künstler und Rentner Dietmar Halbhuber.

Gerade in der Pandemie empfinden viele Menschen Einsamkeit.
Gerade in der Pandemie empfinden viele Menschen Einsamkeit. © David Zorrakino/Europa Press/dpa

Herr Halbhuber, Sie sind 72 und zählen zur Risikogruppe der älteren Menschen. Haben Sie die Corona-Zeit als sehr einsam erlebt?

Für mich war das keine Katastrophe, es war eigentlich wie immer. Sogar eher lustig. Plötzlich haben alle ihre Solidarität mit mir geübt und so gelebt, wie ich immer lebe, sozusagen eingesperrt in der Wohnung und weitgehend allein.

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Wo ist Ihre Familie?

Ich bin geschieden und lebe seit vielen Jahren in meiner „Alleinsamkeit“, wie ich das nenne. Meine Tochter wohnt in der Schweiz und mein Sohn in Holland. Ich habe vier Enkel, die ich nur einmal im Jahr sehe. Das ist furchtbar.

Reden Sie miteinander übers Internet?

Per Skype sehe ich meine Enkel manchmal, da kann ich sie dann sogar auf den Schoß nehmen, mit dem Laptop.

Ist das ein Ersatz?

Na ja. Ein ganz kleiner. Ich hab eine kleine Enkelin, die Louna, die strahlt so, wenn wir uns richtig sehen. Diese Entfernung ist schon ganz schön schlimm.

Wie kamen Sie in diese Situation?

Ich bin aus Frankenberg, war in Karl-Marx-Stadt in der Schule, habe in Leipzig Journalistik studiert und danach in Berlin bei der Jungen Welt gearbeitet. Ich bin da aber weg, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, die Welt jeden Tag so zu beschreiben, wie sie nicht war. Mit meiner Familie bin ich nach Mecklenburg gezogen, in eine alte Ziegelei im Wald. Dort habe ich mir den ganzen Frust vom Leib geschrieben, weshalb ich beim sozialistischen Journalismus abgehauen war. Einer dieser Texte wurde von einem Schauspieler vertont und bei einem Liedermacher-Treffen vorgetragen. Und dann kamen Anfragen von Liedermachern aus dem ganzen Land, ob ich nicht mit ihnen auftreten wollte.

Wollten Sie?

Na klar! Nur in der Einöde konnte ich da dann nicht mehr bleiben. Ich musste zurück nach Berlin. Meine Frau wollte bleiben. Wir haben keinen Mittelweg gefunden. Also bin ich fort und mit Liedermachern durchs Land gezogen. Vor vollen Häusern haben wir gespielt, vor Massen von tobenden Menschen.

Und dann, nach der Wende?

Im Herbst 1989 hat sich einer nach dem anderen unserer Texte erledigt. Immer weniger Leute kamen, und irgendwann war es vorbei. Ich wurde arbeitslos. Eines Tages kam mir ein Buch von Lene Voigt unter, der sächsischen Dichterin. Ich saß mitten in Berlin, und sofort war die sächsische Heimat wieder da. Lene Voigt war so eine geniale Künstlerin. Lustig, links und hochintelligent. Unter den Nazis wurde sie verboten, landete in der Psychiatrie. Auch in der DDR war sie verboten und lange Zeit vergessen. Ich habe angefangen, Lene Voigt-Programme zu machen in Kur- und Rehakliniken. Bin von Berlin regelmäßig nach Sachsen gefahren. Manchmal war die Bude voll, manchmal saßen da nur sechs Leute, aber es lief ganz gut. Schließlich bin ich wieder ganz nach Sachsen gezogen.

Dietmar Halbhuber denkt viel über das Alleinsein nach. Damit abfinden mag er sich aber nicht.
Dietmar Halbhuber denkt viel über das Alleinsein nach. Damit abfinden mag er sich aber nicht. © Matthias Rietschel

Ziehen Sie immer noch mit Ihrem Lene Voigt-Programm umher?

Nein, das geht nicht mehr. Ich hatte vor Kurzem eine Operation und kann das nun körperlich nicht mehr.

War es leichter mit dem Alleinsein, solange Sie arbeiten konnten?

Ja, man hatte immer noch Kontakte, hat mit den unterschiedlichsten Menschen gesprochen. Ich musste aber auch meine Rente aufbessern. Ich war ja aus dem sozialistischen Journalismus rausgegangen. Diese Jahre fehlen mir jetzt.

Wie viel Rente bekommen Sie?

Knapp 700 Euro. Etwa 400 Euro kostet meine Wohnung.

Kultur kann man sich damit wohl kaum leisten. Was machen Sie, um dem Alleinsein zu entkommen?

Ich besuche manchmal Freunde, die auf dem Land leben. Und ich versuche immer wieder, Menschen kennenzulernen. Sogar ein Wohnprojekt mit mehreren Generationen wollte ich gründen. Wir hatten Räumlichkeiten gefunden, aber es hat menschlich zwischen uns dann doch nicht gepasst. Letztes Jahr habe ich begonnen, ältere, alleinstehende Menschen beim Neustad(T)raum zusammenzubringen.

War es schwer, sie zu finden?

Ich habe einen Raum gesucht und aus einem schönen sonnengelben Papier Flyer gemacht. Bin dann durch die Neustadt gegangen, und immer, wenn ich einen von den wenigen älteren Menschen sah, die hier leben, hab ich es ihm oder ihr in die Hand gedrückt. Manche waren begeistert. Manche haben nur gesagt: „Hau ab!“ Aber zum ersten Treffen kamen so 20, 30 Leute. Ich hab ein bisschen Programm gemacht und die Schlager unserer Jugend gespielt, die Leute etwas raten und gewinnen lassen. Dann haben wir an Tischen gesessen und uns unterhalten. Das war wunderbar.

Gibt es die Treffs nicht mehr?

Leider nicht. Unser Treffpunkt, die „veränderbar“, hat im Sommer zu. Wir mussten auf andere Orte ausweichen. Da gab es viel Hin und Her. Immer weniger Leute kamen, bis es ganz vorbei war. Eins aber ist geblieben: Bei den Treffs habe ich Franz kennengelernt. Wir machen häufig Spaziergänge und reden. Außerdem hoffe ich, dass ab Herbst der ABC-Tisch in der Luther-Kirche nach der Corona-Pause wieder stattfindet.

Was machen Sie dort?

Da kommen Flüchtlinge hin, und jeweils ein Deutscher spricht mit einem Ausländer oder einer kleinen Gruppe. Ich habe viel mit einem jungen Zahnarzt aus Syrien geübt und geredet. Wir sind oft zusammen spazieren gegangen. Er hatte keine Familie und wenig Anschluss. Hat dann Arbeit gefunden und ist weggezogen.

Sie wollen aber nicht weg von hier?

Neeee! Neeee! Ich bleib hier! Und ich plane ja schon ein neues Projekt. Aufgeben ist nicht. Ich möchte im Raum Dresden in Pflegeheimen mein Programm anbieten. Märchen von Lene Voigt vorlesen, bissel alte Schlager hören, gemütlich beisammen sein, reden.

Hilft Technik, um mit Ihrer Alleinsamkeit zurechtzukommen?

Ja! Ich schreibe mein Leben auf, am Computer. Das macht mir so viel Freude, das ist so herrlich. Jeden Tag ein bisschen. Außerdem mache ich gern Wort-Bild-Spiele und Schüttelreime. Vormittags bin ich sehr produktiv, da brauche ich niemanden. Nachmittags guck ich herum. Im Alaunpark beispielsweise, da gibt es einen Rede- und einen Musiktreff.

Wie hilfreich ist eine Gesellschaft, die den ewig jungen, ewig fitten und gesunden Menschen postuliert?

Das ist wenig hilfreich. So wenig wie diese, wie ich sie nenne, „Ichifizierung“. Früher hieß es: Vom Ich zum Wir. Nach der Wende war es umgekehrt: Vom Wir zum Ich. Wir wurden in der DDR in viele Kollektive hineingezwungen. Ja, aber wir haben eben auch für uns etwas daraus gemacht, uns getroffen und geholfen. In meinem Mietshaus im Prenzlauer Berg kannte ich zu DDR-Zeiten alle. In meinem Haus in der Dresdner Neustadt kenne ich fast niemanden. Ich habe zum Beispiel vorgeschlagen, ob wir uns mal treffen könnten, um etwas zu reden, aber es klappt nicht. In der DDR habe ich mich nach mehr Freiheit gesehnt, aber jetzt in den neuen Zeiten fehlen mir die engen menschlichen Beziehungen.

Was hilft Ihnen in dunklen Momenten?

Nächste Woche sehe ich meine Kinder und Enkel in Mecklenburg, darauf freue ich mich. Und auch Lene Voigt hilft mir. Einmal brauchte ich dringend eine Wohnung. Es gab aber vier Bewerber. Da habe ich gefragt: „Kennen Sie die Lene Voigt? Die wohnt doch jetzt im Himmel, und ich mache Programme von ihr. Und da hat die liebe Lene gesagt, ich soll Ihnen mal was vortragen, darf ich das?“

Durften Sie?

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Petra Köpping bringt ein Thema in die sächsische Politik, das bislang kaum vorkam. Was hat sie vor?

Ja, und da hab ich dann die Geschichte von der Kokospalme vorgetragen: „In mei Blumdobb reggd de Halme enne gleene Gogosbalme, un die denkt so vor sich hin: Eeschentlich hads gar geen Sinn, daß ich draurich hier in Sachsen mich so schinde mit’n Wachsen. Streng ich mich ooch noch so an, Nisse wärn scha doch nich dran. Das gibts Glima hier nich här. Also wachs ich ooch nich mähr. Druff, zu enden ihre Bein, ging de gleene Balme ein.“

Und dann?

Meinte ich: „Die Lene hat gesagt, Sie sollen mir helfen, damit es mir nicht so geht wie der Kokospalme.“ Der Vermieter sagte: „Die Wohnung kriegen Sie!“

Das Gespräch führte Christina Wittig-Tausch

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