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Ist dieses alte Gasthaus noch zu retten?

Nach dem Dacheinsturz an einem historischen Gebäude in Gaußig muss der neue Eigentümer handeln. Ein gewaltige Aufgabe.

Im Ballsaal des ehemaligen Parkgasthauses in Gaußig herrscht ein Bild der Verwüstung, nachdem das Dach eingestürzt ist.
Im Ballsaal des ehemaligen Parkgasthauses in Gaußig herrscht ein Bild der Verwüstung, nachdem das Dach eingestürzt ist. © privat

Gaußig. Erst hätte es geknistert. Am Donnerstag, den 30. April, habe es gegen 14.30 Uhr dann einen lauten Knall gegeben und das Dach des historischen Parkgasthauses in Gaußig sei in sich zusammengesackt – so haben es Anwohner Pfarrer Thomas Schädlich erzählt. Bürgermeister Alexander Fischer (CDU) hört dessen Ausführungen zwei Wochen später am Ort des Geschehens aufmerksam zu, nickt zustimmend, blickt an der Fassade hoch. "Das ist das Gute an Holz. Es spricht, bevor es bricht", sagt der ehrenamtliche Feuerwehrmann nachdenklich.

Doch nicht nur dank des flüsternden Baumaterials habe der Einsturz abgesehen von Schäden an einem parkenden Auto keine weiteren schlimmen Folgen gehabt: "Durch die Corona-Krise hatten wir an diesem Tag in der benachbarten Kita nur Notbetreuung. Es war wenig Betrieb rund um das Gebäude", sagt Thomas Schädlich. 

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Weil weitere Dachziegel und Gebäudeteile herabzustürzen drohten, hat die Gemeinde sofort nach Bekanntwerden des Einsturzes das Gelände rund um das etwa 270 Jahre alte Gebäude absperren lassen. Bis der Eigentümer, der die Immobilie im Dezember 2019 für 1.000 Euro bei einer Versteigerung erwarb, seiner Sicherungspflicht nachgekommen ist und die Bauaufsicht des Landkreises die Fläche wieder freigibt,  sind die schmale Gasse zum Pfarrweg, die Haupteingang für den Kindergarten ist, genau wie die Parkfläche vor dem Gasthaus nicht mehr nutzbar.

Das wird zwei Wochen nach dem Einsturz zum Problem: "Am Montag geht die Schule wieder los. Unsere erste Klasse wird im Hort unterrichtet. Die Gasse ist außerdem der Zuweg für die Feuerwehr, falls es im Kindergarten ein Problem gibt. Der Gemüsehändler, der einmal pro Woche seinen mobilen Stand vor der Park-Gaststätte aufbaut, kann derzeit nicht kommen", zählt Schädlich, der auch Vorstand des evangelischen Schulvereins ist, die Einschränkungen auf, die sich durch den Einsturz für die Bewohner des Ortes ergeben. Das dringlichste Anliegen von Bürgermeister Alexander Fischer ist daher: "Zuerst die Sicherheit, dann die Nutzbarkeit des Weges wiederherstellen."

Pfarrer Thomas Schädlich (l.) und der Bürgermeister von Doberschau-Gaußig, Alexander Fischer, stehen vor der ehemaligen Parkgaststätte in Gaußig. Sie sind froh, dass der Einsturz des Daches - abgesehen von Schäden an einem parkenden Auto - keine weiteren
Pfarrer Thomas Schädlich (l.) und der Bürgermeister von Doberschau-Gaußig, Alexander Fischer, stehen vor der ehemaligen Parkgaststätte in Gaußig. Sie sind froh, dass der Einsturz des Daches - abgesehen von Schäden an einem parkenden Auto - keine weiteren © SZ/Uwe Soeder

Daran wird im Hintergrund bereits gearbeitet: In der vergangenen Woche sei der Eigentümer der Immobilie, eine Projektentwicklungsgesellschaft aus Berlin, über den teilweisen Einsturz des Daches informiert worden, heißt es dazu aus dem Bautzener Landratsamt. "Daraufhin hat der neue Eigentümer umgehend Handlungsbereitschaft signalisiert, mit dem Ziel, schnellstmöglich die öffentlichen Wege beziehungsweise aktuell versperrte Zugänge zu anderen Grundstücken wieder frei zu bekommen. Bereits Ende letzter Woche war ein regionales Fachunternehmen vor Ort, um einen Vorschlag für kurzfristige Gefahrenabwehrmaßnahmen zu erarbeiten", berichtet Landkreis-Pressesprecherin Cynthia Thor und stellt für die nächsten Tage weitere Sicherungsmaßnahmen an der Immobilie in Aussicht.

Weiter teilt sie mit: "Der neue Eigentümer hat betont, dass Maßgabe bei allen Sicherungsmaßnahmen die maximal mögliche Erhaltung der historischen, denkmalgeschützen Bausubstanz ist."

Welche Pläne es in Berlin für das Gebäudeensemble, das seit 1990 leersteht, gibt, weiß auch Alexander Fischer nicht. Wohl aber hat er einen Eindruck davon, welche Herausforderungen auf den Käufer zukommen, wenn dieser das denkmalgeschützte Haupthaus wirklich erhalten will.

Wie groß die Schäden sind, zeigt sich auf der Rückseite des angebauten Saales.
Wie groß die Schäden sind, zeigt sich auf der Rückseite des angebauten Saales. © SZ/Uwe Soeder

Fischer zählt auf: Für den Saal, der erst nachträglich im Jahr 1867 an das Gasthaus angebaut wurde, läge eine Abrissgenehmigung vor. Er sei jedoch direkt an das Haupthaus angefügt, wofür seinerzeit tragende Wände des Gasthauses beseitigt worden wären. Darüber hinaus lehne sich an den Saal ein weiteres, noch bewohntes Haus an, das bei einem Abriss ebenfalls einstürzen würde.

Hinzu käme die ungünstige Grundstücksaufteilung: "Gebäude- und Grundstücksfläche sind identisch", sagt der Bürgermeister. Das mache die Umsetzung verschiedener Nutzungsideen schwierig. Darüber hinaus sind die Kosten für den Abriss des Saals und die Rettung des Haupthauses Schätzungen zufolge hoch: "Vor zehn Jahren hat eine Kostenschätzung eine notwendige Investitionssumme von etwa 3,5 Millionen Euro ergeben", sagt Thomas Schädlich. Seinerseits hatte sich der Schulverein für das Gebäude interessiert.

Gemeinde hatte auf den Kauf verzichtet

Auch die Gemeinde hatte auf den Erwerb der ortsbildprägenden Immobilie geschielt. Alexander Fischer ist die Bedeutung der Park-Gaststätte, mit der viele Gaußiger Erinnerungen an vergnügliche Tanzabende verbinden, bewusst. Im Ort habe es große Bestürzung über den Einsturz gegeben, sagt er. Dennoch hätte sich ein Erwerb der Fläche für die Gemeinde nicht gerechnet.

Die Idee, das gesamte Gebäude abzureißen und Parkflächen zu errichten, sei vom Amt für Denkmalschutz abgelehnt worden, sagt er. Ebenso wie das Vorhaben, die Fläche nach Abriss als Dorfplatz zu nutzen, um etwa den Weihnachtsmarkt hier abzuhalten. "Das sprach auch unserer Gestaltungssatzung zuwider, die das gesamte Gebäudeensemble in Gaußigs Zentrum als erhaltenswert ansieht", sagt der Bürgermeister und ergänzt: "Außerdem hantieren wir hier mit öffentlichen Geldern. Man muss immer bedenken, inwiefern solche Ausgaben sich vertreten lassen."

Den neuen Eigentümer mit seinen Aufgaben allein lassen, will Alexander Fischer aber  nicht. "Wir wollen hier definitiv eine Entwicklung zulassen. Eine neue Nutzung für das Objekt zu finden, ist jetzt Dreh- und Angelpunkt", sagt er und stellt dem Eigentümer in Aussicht, mit sich über die gemeindeeigene Parkfläche vor dem Gasthaus sprechen zu lassen. "So könnte das Grundstück wenigstens ein bisschen größer werden", sagt er.

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