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Eintauchen in eine andere Welt

Ein Austauschjahr birgt meist viele Überraschungen. Jährlich stürzen sich zahlreiche Jugendliche in dieses Abenteuer.

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Von Clara Haubold und Kevin Schwarzbach

Manuel Santamaria steht hoch oben an der Kante des Zehn-Meter-Turmes, atmet tief durch und stürzt sich mit einem Salto kopfwärts in das Becken der Schwimmhalle. Sein waghalsiger Sprung steht symbolisch für sein Austauschjahr: Mit vollstem Vertrauen stürzt er sich in das Abenteuer – er taucht ein in eine fremde Kultur.

Der aus Argentinien stammende Manuel Santamaria verbringt als Teilnehmer des Rotary-Austauschprogrammes ein Jahr in Riesa. Schon seit drei Monaten wohnt er bei Familie Wittig und besucht die 10. Klasse des Werner-Heisenberg-Gymnasiums.

„Am ersten Tag hatte ich Orientierungsschwierigkeiten, weil ich aus Argentinien nur die gitterförmige Anordnung der Straßen gewohnt war. Hier schlängeln sich die Straßen mehr“, berichtet der 17-jährige Santamaria. Auch sonst unterscheide sich Riesa sehr von der hauptsächlich spanisch geprägten Architektur seines Heimatortes. „Und ich musste mich erst darauf einstellen, dass ich meine Süßigkeiten nicht mehr nach 22 Uhr besorgen kann“, merkt Cheng-Lin Hsieh aus Taiwan an. Er wurde ebenfalls durch Rotary nach Riesa vermittelt.

Eine einmalige Chance

Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft sind sich die beiden in einem Punkt einig. „Wir sind hier in einer sehr schönen Stadt gelandet“, erzählen sie. Vor allem schätzen sie das kulturell breitgefächerte Angebot innerhalb der Stadt. „Ich war schon in der Kirche, dem Museum und der Stadtbibliothek“, sagt der 16-jährige Hsieh. „In Taiwan werden nicht so viele Aktivitäten angeboten“, ergänzt er. Nur das Kino können sie noch nicht nutzen, weil ihre Deutschkenntnisse dafür bis jetzt nicht ausreichend sind. Jedoch besuchen beide zusammen mit anderen Rotary-Austauschschülern wöchentlich die Dönerläden Riesas. Die gemeinsamen Treffen sind für sie etwas ganz Besonderes.

Doch auch mit den Einheimischen verstehen sie sich größtenteils blendend – meist werden sie von ihnen interessiert angesprochen. Auf welche Fehlinformationen sie dabei manchmal stoßen, verwundert beide sehr. „Im Englischunterricht war ich entsetzt darüber, dass gelehrt wurde, dass Beziehungen von unter 16-Jährigen in Argentinien verboten sind. Das ist totaler Quatsch“, erzählt Manuel Santamaria. Doch genau deswegen nimmt er an diesem Austausch teil. Er wolle Vorurteile ausräumen und über sein Land informieren. Zudem sei es eine einzigartige Erfahrung – eine Chance, die er nie wieder bekommen wird.

Diese Chance hat auch die 17-jährige Maxi Saft aus Strehla ergriffen – sie verbringt derzeit ein Jahr in Manchester im US-Bundesstaat New Hampshire. Bei ihrem Sprung ins Unbekannte hat ihr vor allem geholfen, dass sie so gut aufgefangen wurde. „In meinem ersten Zeugnis steht, dass ich eine Bereicherung für die Klasse bin und als eine freundliche Schülerin betrachtet werde“, erzählt Maxi Saft stolz.

Auch an die vielen Unterschiede gegenüber ihrer Heimat beginne sie sich zu gewöhnen. „Im Gegensatz zu Riesa ist hier nicht alles so zentriert. Es gibt hier an jeder Ecke Einkaufsmöglichkeiten“, sagt sie. Etwas schade findet sie es aber, dass sie nicht so viel wie Cheng-Lin und Manuel in ihrer Freizeit unternehmen kann. Zwar sind ausreichend Angebote vorhanden, doch aufgrund des Fehlens des öffentlichen Personennahverkehrs kann sie diese nicht nutzen.

Obwohl sie die Unabhängigkeit vermisse, die ihr Deutschland bietet, bereue sie ihre Entscheidung, an diesem Austausch teilzunehmen, keineswegs. „Dieses Jahr ist unheimlich gut für mein Englisch. Zudem kann ich mich austesten und mich für mein späteres Leben bereits früh in Selbstständigkeit üben“, erklärt Maxi Saft. Für die verbleibenden fünf Monate erhofft sie sich, dass sie nicht nur ihre Noten und Sprachfähigkeiten verbessern kann, sondern nach ihrem abenteuerlichen Sprung weiterhin von vielen neuen Freunden über Wasser gehalten wird.