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Eintopf und Blumen für die FDGB-Urlauber Annemone Kadner

Ich bin, wie man heute sagen würde, in einem Mehrgenerationenhaus in Cunnersdorf bei Königstein aufgewachsen. Damals lebten hier meine Schwester und ich mit unseren Eltern, Großeltern, einer Tante, zwei Onkeln und einem Cousin.

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Ich bin, wie man heute sagen würde, in einem Mehrgenerationenhaus in Cunnersdorf bei Königstein aufgewachsen. Damals lebten hier meine Schwester und ich mit unseren Eltern, Großeltern, einer Tante, zwei Onkeln und einem Cousin. Das war wunderschön. Vor allem meine Oma war ein Ruhepol, sie war immer da, sorgte für Ruhe und Behaglichkeit. Und sie kochte so wunderbare Eintöpfe mit allem, was im Garten wuchs. Und damit es sich lohnte, stand immer gleich ein großer Topf auf dem Ofen. Wer kam, bekam etwas – auch die FDGB-Urlauber, an die meine Großeltern vermieteten.

Für die habe ich auch immer Blumen gepflückt. Die Urlauber hießen bei uns im Dorf die „Fremden“. Das war aber nicht irgendwie böse gemeint, nein, ganz im Gegenteil. Ich erinnere mich an viele Berliner. Die waren für uns auf dem Dorf immer ein Stück von der großen weiten Welt. Viele Kontakte haben sich über Jahre gehalten. Einmal kam sogar ein Pärchen wandernd aus Berlin zu uns.

Mein Großvater war ein Gartenfreak. Tees und Kräuter, da wusste er Bescheid. Wir Kinder haben alles mögliche dafür gesammelt. Die Birkenblätter zum Beispiel wurden auf dem Boden unseres an einer Seite offenen Innenhofes getrocknet. Opa war auch in der Kirche engagiert. Da halfen wir Kinder immer beim Schmücken für Feste. Aus Filtertüten haben wir Christsterne gebastelt. Er hat uns immer einbezogen. Das war kein Muss, es gehörte einfach dazu. Und wir haben es gern gemacht.

Die herrlichen und langen Winter verbrachten wir Kinder meist auf der Rodelbahn. An mindestens drei erinnere ich mich bei uns. Da war richtig Betrieb. Stundenlang sind wir gerodelt. Ich hatte einen kleinen Schlitten, Hitsche genannt. Da fehlten hinten schon ein paar Streben. Einmal bin ich beim Rodeln auf Eis so hingefallen, dass ich jahrelang Probleme mit dem Rücken hatte. Auch Nachtrodeln haben wir veranstaltet. Mit Taschenlampen. Das war ein echtes Abenteuer für uns Dorfkinder, zu dem wir uns geheim verabredeten.

Der Sommer war beschwerlich, so lange wir kein eigenes Bad hatten. Da mussten wir immer nach Gohrisch laufen. Eine Freundin von mir, sie waren sieben Geschwister, brachte immer Essigwasser zum Trinken mit. Sie hatten kein Geld und damit das Wasser wenigstens nach etwas schmeckte, kam ein Spritzer Essig hinein. Mich hat es immer geschüttelt, wenn sie mir einen Schluck angeboten haben.

Irgendwann dachten wir uns, kein Bad, das ist schon Mist. Ein paar Jungs hatten die Idee, den Dorfbach zu stauen. Das wurde eine richtig große Aktion. Jedes Jahr im Mai begannen wir mit dem Dammbau. Wir hatten sogar eine richtige Liegewiese. Und in diesem kleinen Bad habe ich dann auch schwimmen gelernt. Das Tollste aber war, dass der Vater eines Mädchens aus unserer Gruppe den Bau des richtigen Cunnersdorfer Bades anschob. Er hatte uns immer beobachtet, und vielleicht taten wir ihm ein bisschen leid. Jedenfalls wurde dann das Bad gebaut.

Wenn ich es heute sehe, denke ich immer daran, wie es angefangen hat …

Aufgeschrieben von Heike Sabel.