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Warum schrumpft Dresden plötzlich?

Ist es nur eine kurzzeitige Folge der Corona-Krise oder warum hat die Stadt in den letzten Monaten unterm Strich Einwohner verloren? Eine Ursachensuche.

Dresdens pulsiert wieder, möchte man nach den ruhigen Corona-Wochen meinen. Doch die Zahlen sagen: Mehr Menschen haben der Stadt im Frühjahr den Rücken gekehrt.
Dresdens pulsiert wieder, möchte man nach den ruhigen Corona-Wochen meinen. Doch die Zahlen sagen: Mehr Menschen haben der Stadt im Frühjahr den Rücken gekehrt. © Ronald Bonß

Dresden. Was haben Glasgow, Kopenhagen und Düsseldorf gemeinsam? Sie alle haben die Marke von 600.000 Einwohnern überschritten. Auch Dresden hat sich das zum Ziel gemacht. Doch die vergangenen Monate dämpften die Hoffnung, etwas großstädtischer zu werden. Dresden ist wieder geschrumpft. Was steckt dahinter?

Wie viele Einwohner hat Dresden verloren?

Ende März zählte die sächsische Landeshauptstadt genau 562.132 Einwohner, die hier ihre Hauptwohnung haben. Das waren fast 900 weniger als Ende Dezember, wie die Stadtverwaltung mitteilt. Zwar kommen Schwankungen von Quartal zu Quartal immer wieder einmal vor. Einwohner-Verluste in dieser Größenordnung gab es aber seit einigen Jahren nicht mehr.

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Wie kommt das zustande?

Zum einen sind mehr Menschen aus dem Leben geschieden, als Babys zur Welt kamen. Allein dadurch ergibt sich unterm Strich ein Verlust von rund 260 Bürgern. Einen weitaus größeren Effekt haben aber die Umzüge. So haben deutlich mehr Menschen der Stadt den Rücken gekehrt, als nach Dresden kamen. Im Ergebnis verlor Dresden weitere 615 Einwohner.

Das Rathaus bringt einen weiteren Grund für das überraschende Schrumpfen der Stadt ins Spiel: Corona. Denn die Bürgerbüros durften ab dem 18. März zunächst nur eingeschränkt, später gar nicht mehr betreten werden. Wer also nach Dresden zog, hatte nicht die Möglichkeit, sich anzumelden. Wobei das nur Zuzüge im März erklären würde, die sich nicht in der Statistik wiederfinden. Neu-Dresdner müssen sich nämlich innerhalb von zwei Wochen persönlich bei der Meldebehörde vorstellen, sobald sie hergezogen sind.

Welche Stadtteile sind besonders geschrumpft?

Die größten Verluste müssen Coschütz/Gittersee (minus 2,4 Prozent), Cotta, Pieschen-Süd, Striesen-West (jeweils minus 1,4 Prozent Einwohner), Gönnsdorf/Pappritz (minus 1,3 Prozent) und Weixdorf (minus 1,2 Prozent) hinnehmen.

Es gab im ersten Quartal aber auch Stadtteile, die gewachsen sind. Dazu gehören an erster Stelle die Innere Altstadt (plus 9,2 Prozent), gefolgt von der östlichen Seevorstadt und der Wilsdruffer Vorstadt (beide plus 4,1 Prozent), sowie der westlichen Südvorstadt. In all diesen Stadtteilen sind innerhalb des vergangenen Jahres neue Wohnungen entstanden.

Warum ziehen die Menschen um und wohin?

Die Gründe lassen sich abgesehen von Geburten und Sterbefällen im einzelnen nicht bestimmen, sie werden beim Umzug nicht abgefragt. Allerdings sagten bei der letzten kommunalen Bürgerumfrage immerhin 39 Prozent derjenigen, die in die nähere Umgebung ziehen wollen, ihnen seien die Kosten in Dresden zu hoch. Etwa 27 Prozent hatten Probleme mit der Umweltbelastung und die Hälfte der Haushalte, die mit dem Umland liebäugelte, wollte ein Haus oder eine Eigentumswohnung kaufen. Hier spielen sicherlich auch die vergleichsweise günstigeren Grundstückspreise außerhalb Dresdens eine Rolle.

Tatsächlich sind die meisten Ex-Dresdner, insgesamt waren es 1.478, ins Umland gezogen, also in die Landkreise Meißen, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Bautzen und Mittelsachsen. Ein Trend, der seit einiger Zeit anhält. Fast 1.000 Menschen packten die Koffer und suchten ihr Glück im übrigen Sachsen. Andere Bundesländer lockten reichlich 1.600 ehemalige Dresdner, ins Ausland zogen weitere 1.000 Menschen.

Und wer zieht nach Dresden?

Die meisten Neu-Dresdner kommen aus dem Ausland (fast 2.000), gefolgt von Zuzüglern aus anderen Bundesländern. Immerhin: Der eine oder andere, der im Umland lebt, schielt auch auf Dresden. Knapp 1.300 von ihnen zogen zwischen Januar und März in die Landeshauptstadt.

Wie wird sich Dresden weiter entwickeln?

Alle bisherigen Prognosen rechnen nicht damit, dass Dresden dauerhaft schrumpft. Aber die Zahlen des ersten Quartals zeigen auch, dass die Stadt vor keinem Boom steht. Die neueste Bevölkerungsprognose des Statistischen Landesamtes rechnet nicht mehr damit, dass Dresden bis zum Jahr 2035 die Marke von 600.000 Einwohnern erreichen wird. Wenn es gut läuft, werden in 15 Jahren knapp 588.000 Menschen in der Stadt leben. 

Ein Grund laut den Statistikern: Möglicherweise wird die Geburtenrate stagnieren. Es sind die geburtenschwachen Jahrgänge Mitte der 90er-Jahre, die sich nun auswirken. Aus den Babys von damals sind die Mütter von heute geworden. Und der Babyboom der vergangenen Jahre wird nicht vor 2030 wieder zu spürbar steigenden Geburtenzahlen führen, prognostiziert die Stadt. Damit hängt das Wachstum Dresdens maßgeblich davon ab, wie viele Menschen nach Dresden kommen oder von hier wegziehen werden.

Manche Immobilienmakler beobachteten mit Einsetzen der Corona-Krise, dass sich Familien vermehrt nach Wohneigentum umschauten. Das könnte bedeuten, dass das Umland in den nächsten Monaten, vielleicht sogar Jahren, von Dresdner Einwohnern profitieren wird. Andererseits stiegen die Immobilienpreise in Dresden zuletzt nicht mehr so stark wie vor der Krise. Verkäufer machten vermehrt Zugeständnisse beim Preis, schätzte der Berater Sebastian Mosch vom Dresdner Finanzdienstleister Dr. Klein im Frühjahr ein und prognostizierte, dass die Kosten mittelfristig nachgeben könnten. Das wäre für die Stadt wieder ein Pluspunkt.

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