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Der untreue „Kapitän“

Ein Westberliner Journalist diente sich Anfang der 1970er-Jahre der Stasi an. Er war aber eher in eigener Sache unterwegs als für den DDR-Geheimdienst.

Gerhard Eisenkolb – Stasi-Deckname „Kapitän“ – und ein Ausschnitt aus dem Dossier, das die DDR-Staatssicherheit von ihm angefertigt hatte.
Gerhard Eisenkolb – Stasi-Deckname „Kapitän“ – und ein Ausschnitt aus dem Dossier, das die DDR-Staatssicherheit von ihm angefertigt hatte. © BStU

Von Andreas Förster

Der einstige Bild-Journalist und spätere Kriminalschriftsteller Gerhard Eisenkolb war nie um große Worte verlegen. So brüstete er sich damit, sein erstes, 1973 in einem Wiener Verlag veröffentlichtes Buch „Die 14 Stunden des Peter David“ in nur zwei Wochen geschrieben und in weiteren 14 Tagen korrigiert zu haben. Er habe mit dem Roman beweisen wollen, „dass jeder Reporter wirklich ein großes Buch in der Schublade habe und auch fähig sei, es zu schreiben“.

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Nun sei einmal dahingestellt, ob die temporeiche, mit viel Sex und Machogehabe angereicherte Story um einen Reporter, der sich im Netz westlicher und östlicher Geheimdienste verstrickt, ein großes Buch ist. Unbestritten bleibt, dass „Die 14 Stunden des Peter David“ seinerzeit ein Bestseller war und von vielen Menschen gelesen wurde. Und zwar nicht nur im Westen, sondern auch in Ostberlin – wenn auch dort nur von einigen wenigen Offizieren in der Zentrale des DDR-Staatssicherheitsdienstes. Denn Eisenkolb, damals leitender Polizeireporter bei Springers Bild-Zeitung in Westberlin, hatte es mit seinen Geheimdienstrecherchen sehr genau genommen und sich der Stasi 1970 als Informant angedient. Sein kurzes, aber für die Stasi nicht unergiebiges Intermezzo als Kontaktperson (KP) „Kapitän“ ist bis heute unbekannt. Erst jüngst, drei Jahre nach dem Tod des Reporters und Krimiautors im Mai 2017, ist das mehr als 300 Seiten dicke Dossier des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) vom „Kapitän“ aufgetaucht.

Der am 13. Januar 1945 im tschechischen Karlsbad geborene Eisenkolb hatte 1968 bei der Bild-Zeitung begonnen, wo er schnell Karriere machte und zum leitenden Polizeireporter aufstieg. In den Stasi-Akten wird der Journalist als selbstsicher, intelligent und von sich eingenommen charakterisiert. Begeistert war das MfS offenbar von den Möglichkeiten, die eine Quelle wie er bot: „Seine umfangreichen Verbindungen, die über Prostituierte bis zu Senatsangestellten und der politischen Polizei gehen, lassen erkennen, dass er persönlich und auch beruflich in alle Sphären des gesellschaftlichen Lebens der sogenannten Frontstadt Westberlin sich zurechtfindet“, heißt es in dem Dossier.

Wenn man sich durch die im „Kapitän“-Dossier gesammelten Treffberichte, Wortprotokolle und die von Eisenkolb eigenhändig unterschriebenen Honorar-Quittungen arbeitet und danach sein Erstlingswerk über den Möchtegern-Agenten „Peter David“ liest, ergeben sich verblüffende Déjà-vu-Effekte. Das beginnt mit der Westberliner Wohnanschrift des Romanhelden, der in der Dahlemer Straße Im Dol wohnt – genau wie es Eisenkolb in seinen Berliner Jahren tat. Auch der Vater des fiktiven Peter David hatte wie der des Romanautors zu NS-Zeiten der Gestapo und dem Sicherheitsdienst der SS angehört.

Einen Déjà-vu-Effekt erlebt man auch beim Lesen von Eisenkolbs erster Kontaktaufnahme mit der Stasi am 28. Januar 1970, die sich fast genauso abspielt bei Peter David im Roman: In der Realität und im Buch geben sich Eisenkolb/David bei einer Fahrt auf der Transitstrecke den Kontrollkräften als Bild-Reporter zu erkennen und lassen sich ein dickes Adressbuch mit der Aufschrift „Bild-Zeitung“ zur Durchsicht abnehmen, das sie „zufällig“ dabei haben.

Wie zu erwarten wecken die notierten Personendaten, Telefonnummern und Anschriften das Interesse der Stasi-Leute. In einer im Stasi-Jargon „Filtrierungsgespräch“ bezeichneten Unterhaltung stellen Eisenkolb/David anschließend wertvolle Informationen in Aussicht, wenn sie an zuständige Gesprächspartner vermittelt werden.

Was blieb, waren neben Eisenkolbs Schilderungen nur einige Quittungen.
Was blieb, waren neben Eisenkolbs Schilderungen nur einige Quittungen. © BStU

Auch der erste richtige Geheimdiensttreff mit zwei Stasi-Offizieren, den Eisenkolb seinen Romanhelden erleben lässt, läuft so ähnlich ab wie in der Realität. Bei dem fiktiven Bild-Reporter Peter David sind es die Stasi-Offiziere Lewandowski und Huber, die den Romanhelden an der Autobahnabfahrt Michendorf mit ihrem Wartburg abholen und in einen brandenburgischen Dorfkrug kutschieren.

In der Realität traf Eisenkolb am 7. Februar 1970 die beiden MfS-Mitarbeiter Kowalewski und Heuer in Michendorf, wo sie ihn in einen Skoda einsteigen ließen, der sie in die rund zehn Autominuten entfernte Gaststätte „Müller“ in Caputh brachte.

Was den Inhalt des in dem Dorfgasthaus stattgefundenen Gesprächs betrifft, gibt es allerdings gravierende Unterschiede zwischen Fiktion und Realität. Während Romanheld David lediglich erläutern muss, warum er der Stasi helfen will – Geld und Karriere – und auch bei späteren Zusammenkünften kaum relevante Informationen preisgibt, kam Eisenkolb bei seinem realen Tête-à-Tête mit den MfS-Offizieren gleich zur Sache und lieferte bereitwillig erste detaillierte Informationen über Fluchthelferorganisationen in Westberlin und eine Kollegin aus der Bild-Redaktion, die „ihre körperlichen Vorzüge in den Dienst ihrer journalistischen Tätigkeit stellt“ und „umfangreiche intime Beziehungen zur politischen Polizei“ unterhält, wie der Stasi-Bericht den Reporter zitiert.

Bei sechs weiteren Treffs bis in den August 1970 hinein machte „Kapitän“ laut Stasi-Dossier genaue Angaben über Personal und Arbeitsweise in der Bild-Redaktion. Er übergab Fotos von Bild-Kollegen, die er bei einer Redaktionsfeier gemacht hatte. Auch nannte er die Namen mehrerer Beamter der politischen Polizei und des Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV)und lieferte dazu kurze Charaktereinschätzungen. Einige der LfV-Beamte würden von ihm bei regelmäßigen Treffen in Restaurants „geschmiert“, indem er die Zeche bezahle, sagte der Bild-Redakteur und bot an, diese Beamte für das MfS abzuschöpfen, da sie häufig vorab über geplante Ausschleusungen von DDR-Bürgern informiert wären. Auch könne er DDR-Flüchtlinge, solange sie sich noch in Westberlin aufhalten würden, für das MfS ausfindig machen und ihre Fluchthelfer ermitteln.

Bei einem der Treffs berichtete Eisenkolb auch über seine Geliebte, die beim Militärischen Abschirmdienst (MAD) angestellt und ständig in Geldschwierigkeiten sei. „Nach den Angaben der KP könne dies ein Druckmittel gegen die … (Name in Akte geschwärzt) sein, um für sich Informationen zu erhalten“, riet er den Stasi-Offizieren und bot indirekt seine Hilfe bei einer möglichen Ansprache der Frau durch den DDR-Geheimdienst an. Bei demselben Treff nannte Eisenkolb dem MfS zudem Namen und Anschrift eines Fluchthelfers aus Berlin-Spandau, der bereits zweimal DDR-Bürger über die CSSR nach Österreich geschleust hatte. Als Nächstes plane der Mann, der immer die Transitstrecke Drewitz-Hirschberg benutze und ständig bewaffnet unterwegs sei, die Ausschleusung einer Frau M. aus Glienicke, verriet der Bild-Reporter.

Dass seine Angaben Folgen haben könnten für die betroffenen Personen, war Eisenkolb dabei offenbar klar: „Kapitän“ habe darum gebeten, so heißt es im Stasi-Dossier, „alle Maßnahmen unsererseits so durchzuführen, dass der allerwenigste Verdacht auf ihn fallen könnte“. Als Spitzelhonorar kassierte der Reporter knapp 3.000 D-Mark von der Stasi.

Doch obgleich sich seine Informationen bei Überprüfungen als korrekt herausstellten, wuchs in der MfS-Zentrale in Berlin-Lichtenberg das Misstrauen gegen den so auskunftswilligen Springer-Journalisten. Was auch an seinen Artikeln in der Bild-Zeitung lag, in denen Eisenkolb weiterhin die linke Studenten-Bewegung kriminalisierte und über vermeintliche Agentenmorde der Stasi in Westberlin berichtete. War der „Kapitän“ womöglich ein vom Gegner entsandter Provokateur?

Nach einem letzten, inhaltlich für die Stasi und finanziell für Eisenkolb eher unergiebigen Treff am 13. August 1970 ließ sich der Bild-Reporter nicht mehr sehen in Ostberlin. Das MfS holte zum Gegenschlag aus. Heimlich hatte man die Gespräche mit „Kapitän“ in einem konspirativen Objekt bei Berlin, in denen dieser über die Praktiken seines Verlages plauderte, mit Kamera und Mikrofon aufgezeichnet.

So erläuterte er einem Stasi-Bericht zufolge die Vertragsbeziehungen Westberliner Zeitungsredaktionen mit kommerziellen Fluchthilfeorganisationen, beschrieb detailreich die engen und nicht selten finanziell geförderten Beziehungen seines Zeitungshauses zu Geheimdienstlern und Polizeibeamten sowie „die gezielte Hetzkampagne der Bild-Zeitung gegen die APO“ – die außerparlamentarische Opposition. Er ging laut Stasi auch ein auf die enge Freundschaft zwischen Springer und dem CSU-Chef Franz Josef Strauß und deren Absprachen über das Vorgehen gegen die sozialliberale Bundesregierung in Bonn.

Das Bild- und Tonmaterial übergab die Stasi dem DDR-Fernsehen. Heinz Grote, damals einer der Chefkommentatoren des DDR-Fernsehens, sollte es für eine Dokumentation verwenden, die den Zeitungskonzern als „integrierenden Bestandteil des Rechtskartells und des militärisch-industriellen Komplexes“ der Bundesrepublik darstellen sollte, der „mit kriminellen Methoden und Mitteln zur Torpedierung positiver Ansätze in der Deutschland- und Ostpolitik der SPD/FDP-Regierung“ anstifte. Eisenkolb selbst sollte darin als abschreckendes Beispiel für das „moralisch-geistige Gesicht leitender Springer-Mitarbeiter“ auftauchen.

Der Film wurde fertiggestellt, aber nie gezeigt – was vermutlich auch mit dem Roman „Die 14 Stunden des Peter David“ zu tun hat, der im Dezember 1972 als Vorabdruck im Stern erschien. Beim Lesen dürfte es der Stasi geschwant haben, dass Eisenkolb – der inzwischen bei Bild ausgeschieden war – jederzeit behaupten könne, er habe dem MfS nur Lügen aufgetischt, weil er deren Methoden ausspionieren wollte. Wie glaubwürdig wäre so ein Kronzeuge noch in einem Film über Springer?

Eine Überraschung gab es noch für die Stasi: Als im September 1973 das Militär in Chile gegen die sozialistische Allende-Regierung putschte, tauchte Gerhard Eisenkolb dort plötzlich als Chefreporter der Promi-Zeitschrift Bunte auf. Mit einem Fotografen an seiner Seite war er beim Umsturz und der Erstürmung des Präsidentenpalastes Moneda hautnah dabei und durfte sogar als erster ausländischer Journalist ein Interview mit dem neuen Diktator Augusto Pinochet führen. Für das MfS war das der ultimative Beweis dafür, dass der Reporter eigentlich ein Agent des US-Geheimdienstes war.

In die DDR kehrte Eisenkolb nie mehr zurück. Er schrieb weiter Krimis und Spionagereißer, die er teilweise unter Pseudonym veröffentlichte. Sie trugen Titel wie „Gute Freunde von drüben“, „Geliebte Spionin“ oder „Mord am Bahnübergang“. Der Film über ihn und den Springer-Konzern wanderte 1973 zurück ins Archiv der MfS-Abteilung Agitation. Dort ist er laut Auskunft der Stasiunterlagen-Behörde bis heute unauffindbar.

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