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Warum der Torjäger nach Sachsen zurückkehrt

Eishockey-Profi Dennis Swinnen hat in Weißwasser erfolgreich gespielt und wechselte in die erste Liga. Dort kam er aber nicht zum Zuge, jetzt ist er in Dresden.

Dennis Swinnen war drei Jahre unglücklich auf dem Eis, doch in Dresden soll es für den Stürmer wieder nach oben gehen
Dennis Swinnen war drei Jahre unglücklich auf dem Eis, doch in Dresden soll es für den Stürmer wieder nach oben gehen © Jürgen Lösel

Dresden. Diese Chance konnte er sich nicht entgehen lassen. „Tut mir leid, aber das kann keiner erwarten“, sagt Dennis Swinnen. Er hatte damals eine bärenstarke Saison in Weißwasser gespielt, für die Lausitzer Füchse in der zweiten Eishockey-Liga 32 Tore geschossen und weitere 25 vorbereitet. Manager Dirk Rohrbach hätte ihn gern gehalten, aber der Stürmer bekam ein allzu verlockendes Angebot: In Ingolstadt sollte er in der DEL spielen, der höchsten Klasse also.

„Das war mein Ziel von Anfang an“, sagt Swinnen. Und er hat besonders früh begonnen. Als seine Eltern zum ersten Mal mit ihm zum Eislaufen gehen, ist er gerade mal drei Jahre. Der Bursche hält sich nicht nur erstaunlich gut auf den schmalen Kufen. Er ist vor allem fasziniert von dem Spiel, das er anschließend von der Caféteria aus sieht. „Das will ich auch machen“, sagt er zu seiner Mutter. In Deume, einer belgischen Kleinstadt, fängt er in der Laufschule an. Sein Talent ist bald zu erkennen.

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Aber in der Heimat, das ist dem Jungen klar, wird er es kaum optimal entwickeln können. Eishockey hat dort nicht den Stellenwert. Die Ausbildung ist weniger professionell als in Deutschland. Also schreibt er mit 13 Jahren eine E-Mail an die Kölner Haie, bewirbt sich um ein Probetraining mit der Schülermannschaft. Anschließend soll er sofort da bleiben. Das klappt nicht. Er muss das Schuljahr in Belgien zu Ende bringen.

Seine Mutter Bianca fährt ihn zweimal pro Woche zum Training nach Köln: jeweils zwei Stunden hin und zurück. Sein Vater Iwan kann diese kostspielige Förderung als Unternehmer finanzieren.

Es zahlt sich aus. Der Sohn spielt im Nachwuchs in der höchsten deutschen Liga und als 18-Jähriger für Krefeld in der Oberliga. Seine Karriere scheint vorgezeichnet zu sein, bis ihn ein Sehnenriss im Knie zurückwirft. Aufstecken wäre nicht seine Art. Swinnen kämpft sich wieder ran, erhält in Weißwasser einen Vertrag als U23-Spieler. Das Dumme: Weil er bei einer B-WM für die belgische Nationalmannschaft nominiert war, zählt er nicht als solcher. „Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft, spreche Deutsch, bin hier zur Schule gegangen – und für Belgien habe ich nicht mal gespielt, stand nur auf dem Protokoll“, ärgert er sich über die Regularien.

Trainer in Ingolstadt weg, bevor er ankommt

In seiner zweiten Saison läuft es besser. In der dritten startet Swinnen durch, wechselt im Sommer 2017 nach Ingolstadt, zu einem der ambitioniertesten Vereine im deutschen Eishockey. Sein Pech: Der Trainer, der ihn von dem Schritt überzeugt hatte, ist weg, bevor Swinnen dort ankommt. Der Nachfolger setzt nicht auf ihn. „Ich war nicht sein Spieler. So ist es halt schwierig.“ Er kommt bestenfalls in der vierten Reihe zum Einsatz, für die es nur darum geht, den anderen für wenige Sekunden eine Atempause zu verschaffen und möglichst kein Gegentor zuzulassen. „Das war nicht mein Spiel. Es fiel mir schwer, mich daran zu gewöhnen“, erklärt Swinnen. 

Dennis Swinnen war schnell überzeugt vom Angebot aus Dresden, auch, weil seine Freundin aus Weißwasser stammt.
Dennis Swinnen war schnell überzeugt vom Angebot aus Dresden, auch, weil seine Freundin aus Weißwasser stammt. © Jürgen Lösel

Hinzu kommt die Umstellung auf das höhere Tempo, die härtere Gangart.Der Angreifer ist schnell, aber mit 1,80 Meter „nicht der Größte“, wie er sagt. „Ich fahre weniger die Checks.“ Statt der robusten Gangart bevorzugt er das technisch feine Kombinationsspiel. Doch damit kommt Swinnen auch bei seiner nächsten Station kaum zum Zuge. Nach nur einem Jahr ist er zurück in Liga zwei, steht beim mehrfachen Meister Bietigheim unter Vertrag. „Dort ist es mir ähnlich ergangen“, sagt Swinnen. „Das ist schwer zu erklären. Ich möchte keinem die Schuld dafür in die Schuhe schieben. Letztlich liegt es an mir.“

Es ist ein Kreislauf: Er spielt kaum, schießt wenig Tore. Das Selbstvertrauen geht flöten. „Ich war drei Jahre lang überhaupt nicht glücklich auf dem Eis. Wenn der Kopf ein bisschen schief steht, kannst du keine Leistung bringen.“ Ein Mentaltrainer, den es in Bietigheim gibt, hilft ihm nur begrenzt weiter. „Er kann dir die Augen öffnen und sagen: Pass’ auf, jede Chance, die du dir nicht nimmst, hast du schon verpasst“, meint Swinnen und zieht für sich einen Schlussstrich: „Chance kriegen, Chance ergreifen – das habe ich nicht geschafft. Ich hatte mit mir zu kämpfen, weil es nicht lief. So war es wohl.“

Freundin Linda in Weißwasser kennengelernt

Nun soll alles nicht nur anders, sondern vor allem besser werden. Swinnen ist zurück in Sachsen, wird in der neuen Saison für die Dresdner Eislöwen spielen, sofern die – wie jetzt geplant – am 6. November beginnt. „Hier wollten mich Trainer und Manager unbedingt. Wenn sie ein solches Vertrauen in dich setzen, startest du schon mit mehr Selbstvertrauen“, betont der Profi. Bei dem Angebot hat er noch aus einem anderen Grund nicht lange gezögert, obwohl es – wie er sagt – noch zwei andere Optionen gegeben habe. „Meine Freundin Linda habe ich in Weißwasser kennengelernt. Sie ist glücklich, näher an der Heimat zu sein.“ 

Im English Pub bei ihrer Mutter haben sie sich gesehen – „und nicht mehr aus den Augen verloren“.Koch als Beruf im HinterkopfAls Krankenschwester hat Linda schnell einen neuen Job gefunden. Die Wohnung in Pieschen ist inzwischen bezogen. „Dresden ist für uns von der Architektur und vom Flair sowieso eine der schönsten Städte Deutschlands. Wir gehen gern mit dem Hund an der Elbe spazieren oder nett essen“, erzählt Swinnen, der auch gern selbst etwas Leckeres zubereitet. „Koch zu werden, hatte ich als zweiten Berufswunsch im Hinterkopf .“

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Vor den Spielen gibt es Spaghetti Carbonara, unbedingt mit viel Knoblauch. Mit dem Rezept soll sich der sportliche Erfolg wieder einstellen. „In Dresden wird er allen zeigen, was in ihm steckt“, verspricht sich auch Marco Stichnoth, sportlicher Berater der Eislöwen, einen Leistungsschub vom Neuzugang. Swinnen hat kein Problem damit, wenn von ihm erwartet wird, dass er genauso auftrumpft wie einst in Weißwasser. „Das erwarte ich doch von mir selbst. Dafür spiele ich Eishockey.“ Seit er im belgischen Deume zum ersten Mal auf Schlittschuhen stand.

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