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Ein Lager für Zehntausende Gefangene

Schafe und Wölfe gibt es heute in der Gohrischheide, Menschen so gut wie gar nicht. Früher war das anders, wie Spuren zeigen.

Dieser Blick aus der Luft zeigt den Eingangsbereich des einstigen Kriegsgefangenenlagers. An den Seiten der rechteckigen Lichtung standen zwei Entlausungsanlagen, darüber war der Eingang.
Dieser Blick aus der Luft zeigt den Eingangsbereich des einstigen Kriegsgefangenenlagers. An den Seiten der rechteckigen Lichtung standen zwei Entlausungsanlagen, darüber war der Eingang. © Lutz Weidler

Zeithain. Aus der Luft fällt eine merkwürdige Lichtung auf. Rechteckig, so groß wie ein Tennisplatz. Eine Schneise durch die Heide führt hin, eine zweite Schneise weiter in die von Büschen und Bäumen geprägte Landschaft hinein. Vogelgezwitscher ist zu hören, dazu das Krächzen der Kolkraben, die am Bahnhof Jacobsthal eine Kolonie haben. In größeren Abständen rattert ein Güterzug vorbei. 

„Von 1941 bis 1945 sind am Bahnhof insgesamt 274 000 Gefangene entladen worden“, sagt Jens Nagel, Leiter der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain. Die Wehrmacht hatte am Rand der Gohrischheide ein großes Kriegsgefangenenlager angelegt. Luftbilder der britischen Armee aus den letzten Kriegsmonaten zeigen Dutzende Baracken säuberlich aneinandergereiht. Insgesamt sind es um die 200 Gebäude, die sich an parallel verlaufenden Wegen gruppieren.

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Heute gibt es hier ein amtlich anerkanntes Wolfsrudel und einen Heideschäfer, der mehr Schafe in seiner Herde hat, als das Dorf nebenan Einwohner zählt. Das Areal liegt nun im Naturschutzgebiet, gilt potenziell als munitionsbelastet und ist nur mit Sondergenehmigung zu betreten. Auch dann wäre für den Laien heute kaum noch etwas davon zu erkennen – würden nicht Freiwillige Büsche und Bäume zurückschneiden und freigelegte Überreste pflegen. „Hier sind die Fundamente von zwei Entlausungsanlagen“, sagt Nagel auf der rechteckigen Lichtung.

Die Sowjetarmee nutzte das Kriegsgefangenenlager bis 1946 als sogenanntes Repatriierungslager weiter. Dort wurden Rotarmisten, die in deutsche Gefangenschaft geraten waren, vor der Rückkehr in die Heimat auf Kollaboration mit dem Feind überprüft. Auch Zwangsarbeiter oder befreite KZ-Häftlinge landeten in solchen Lagern. 

© SZ Grafik

Danach wurde die Bebauung zum Abbruch freigegeben. Baracken wurden als Wohngebäude in Neudorf auf der anderen Seite der Gohrischheide verwendet. „Ursprünglich war noch ein zweites Dorf, gleich östlich der Bahnstrecke geplant“, sagt Jens Nagel. Davon nahm man aber Abstand: Denn die Sowjets entschieden, das traditionsreiche Militärgelände als eigenen Truppenübungsplatz weiter zu nutzen.

Und das ist auch der Grund, warum heute kaum noch etwas vom Kriegsgefangenenlager sichtbar ist. Auf Luftbildern der Nachkriegszeit ist ein Gewirr von Wegen zu erkennen, die sich schleifenförmig quer über das Areal ziehen. Die Sowjetarmee richtete dort ein Tankodrom ein, einen Platz für Panzerfahrübungen.

Die Holzbaracken hatte man zuvor schon abgebaut. Aber die Panzerstrecken führten teils quer durch die Standorte der einstigen Arrestbaracken – die massive Betonfundamente hatten, offenbar gegen Ausbruchversuche per Tunnel. „Das kann man heute im Gelände noch sehen“, sagt Nagel.

Ebenfalls bis heute erkennbar ist ein breiter Panzergraben, der sich parallel zum Waldrand durch das Unterholz zieht. Der stammt allerdings aus DDR-Zeiten. „Die Sowjetarmee wollte damit offenbar verhindern, dass sich Panzer verfahren und versehentlich draußen auf den Feldern rauskommen“, sagt Nagel.

Zu Zeiten des Kriegsgefangenlagers gab es solch einen Graben noch nicht. Der wäre auch hinderlich gewesen: Wo jetzt Besucher eine provisorische Holztreppe runter- und eine weitere wieder raufsteigen müssen, befand sich früher die Hauptzufahrt des Lagers. Und da sind nicht nur Gefangene langgekommen, sondern auch die Pferdewagen von den benachbarten Bauernhöfen. „Die holten das Abwasser aus den Latrinen, um es auf den Feldern auszubringen“, sagt Jens Nagel.

Die Wege wären schon lange wieder zugewachsen – würden sich nicht seit 2003 die Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain und Freiwillige um das Areal kümmern. Mittlerweile ist auch eine Tablettour für Führungen erarbeitet worden, die historische Fotos und Zeitzeugenaussagen von früheren Gefangenen und Wachleuten enthält. Vergangenes Jahr nahmen daran mehr als 400 Schüler teil.

Dieses Jahr können Interessierte auch bei einer öffentlichen Führung auf das sonst verbotene Areal: Am 8. September um 10 Uhr führt Bauarchäologin Barbara Schulz über die Fläche. Treffpunkt ist der Parkplatz am Bahnhof Jacobsthal – dort, wo einst Zehntausende Gefangene entladen wurden.

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