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Eltern fordern mehr Erzieher

Eine landkreisweite Kampagne macht sich für eine bessere Kinderbetreuung stark. Auch Görlitzer Kitas sind dabei.

© André Schulze

Von Ines Eifler und Alexander Kempf

Anett Zichner ist mit ihrer anderthalbjährigen Tochter noch in Elternzeit. Eigentlich könnte das Mädchen schon in die Krippe gehen. Doch Anett Zichner glaubt nicht daran, dass ihre Tochter dort genauso gut aufgehoben wäre wie zu Hause. Sie glaubt nicht, dass sich eine Erzieherin allein um die verschiedenen Bedürfnisse von sechs Krippenkindern zugleich kümmern kann. Oder um 13 Kindergarten- oder 22 Hortkinder. Mit der Betreuung ihrer zweiten, vierjährigen Tochter in der Kita „Samenkorn“ ist sie zwar sehr zufrieden. Hier engagiert sich Anett Zichner im Elternbeirat. Aber sie weiß, wie schwierig es für die Erzieherinnen ist, das Arbeitspensum zu bewältigen. Wie viel Zeit es kostet, wenn sie neben der reinen Betreuung der Kinder auch noch deren Entwicklung ausführlich dokumentieren müssen. Und wie undenkbar es für sie ist, krank oder urlaubsreif zu werden. „Der Personalschlüssel ist alles andere als ausreichend“, sagt Anett Zichner. Der Sächsische Bildungsplan von 2005 sei zwar großartig mit seinem Anspruch auf mehr Aus- und Weiterbildung des Personals oder die intensive Dokumentation der Entwicklung der Kinder. Aber unter den derzeitigen Bedingungen nicht umsetzbar.

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Sie ist bei Weitem nicht die Einzige, die das so empfindet. Und eine von denen, die jetzt öffentlich protestieren. Ganze 70 000 Eltern haben sich bereits in Wurzen zu einer Petition zusammengetan und ihre Kritik an den Betreuungsbedingungen bei der Landesregierung angebracht. Im Erzgebirge stehen weitere Eltern auf. Und Mitte Mai haben Elternvertreter und Erzieherinnen aus dem ganzen Landkreis Görlitz mit der Kampagne „Weil Kinder Zeit brauchen“ ihren Protest gestartet. Aus Görlitz sind außer „Samenkorn“ unter anderem die Kitas „Regenbogen“, „Haus Lutherkirche“ und „Apfelbäumchen“ dabei.

Dass der Personalschlüssel in Sachsen besonders miserabel ist und nur Mecklenburg-Vorpommern einen schlechteren hat, ist zwar bekannt. Ganz neu ist aber, dass sich Eltern stärker als bisher einmischen. Sie alle üben scharfe Kritik an der sächsischen Regierung, die ausreichende Bedingungen schaffen solle, unter denen sich der ambitionierte Bildungsplan auch verwirklichen lässt. Vor drei Wochen haben sie in allen Kitas des Kreises Unterschriftenlisten aushängen lassen. In vielen Einrichtungen, vor allem freier Träger, war das möglich, andere fürchteten sich vor negativen Konsequenzen und hängten die Listen nicht auf. Einen ganzen Packen Unterschriften aber haben die Vertreter der Initiative am Dienstag in einer Uhsmannsdorfer Kita an Politiker aus Bundes- und Landtag übergeben. Außerdem haben die Eltern 10 000 Postkarten drucken lassen, mit denen man die Aktion ebenfalls unterstützen konnte. Heute Mittag bringen sie diese Karten in den Landtag nach Dresden.

Ein Stück weit bewegt hat sich inzwischen etwas in der Frage der Finanzierung der Kitaplätze. Schon seit Wochen setzt sich der Sächsische Städte- und Gemeindetag mit dem Bautzener OB Christian Schramm als Wortführer für eine Erhöhung der Zuschüsse des Freistaats ein. Die waren seit 2005 unverändert. Gestern kam nun die Botschaft aus Dresden, diese Kitapauschale sei um knapp 200 Euro pro Kind auf 2 060 Euro erhöht worden. Damit sind zwar die Kommunen etwas entlastet, wenn auch weniger als erhofft. Für eine Veränderung des Personalschlüssels aber reicht es überhaupt nicht. Der Landtagsabgeordnete Lothar Bienst (CDU) rechnete am Dienstag den Erzieherinnen und Eltern vor, dass dafür ein dreistelliger Millionenbetrag nötig wäre. Was der Freistaat jetzt mehr ausgibt, sind 43 Millionen Euro.

„Ich verstehe nicht, warum unser Anliegen kein Gehör findet“, sagt Anett Zichner. Das Land habe pro Jahr 17 Milliarden Euro zu verteilen. Da müsse es doch möglich sein, in die Zukunft zu investieren. Wenn man die Kinder am Anfang gut behandle, sei das die Basis für eine spätere gute Entwicklung. Und gerade in Zeiten des Fachkräftemangels sei man darauf angewiesen. Anett Zichner hofft nun, dass sich der Kampagne „Weil Kinder Zeit brauchen“ noch mehr Eltern und Erzieher anschließen, auch aus kommunalen Kitas. Und dass sich ein großes Netzwerk bildet, dem kein Politiker mehr ausweichen kann. Auf ein Wort

Kontakt Anett Zichner: [email protected];

Infos: www.weil-kinder-zeit-brauchen.de