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„Eltern müssen Pädagogen sein“

Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin sieht in den Schulschließungen auch Chancen und plädiert für eine Verkürzung der Sommerferien.

Der Lesestoff sollte die Interessen des Kindes treffen - dann macht auch gegenseitiges Vorlesen Spaß.
Der Lesestoff sollte die Interessen des Kindes treffen - dann macht auch gegenseitiges Vorlesen Spaß. © dpa

Herr Professor Ladenthin, Sie haben in Interviews für das Lernen zu Hause geworben. Heißt das, die aktuelle Situation ist für viele Schüler gar nicht so schlimm, und der Lernverlust ist es auch nicht?

Zeiten, in denen Kinder nichts lernen, sind immer schlimm. Vor allen Dingen Zeiten, in denen sie nicht zum Lernen des Sinnvollen angeleitet werden. Es kann sein, dass nunmehr Eltern verstärkt in die Pflicht genommen werden. Sie müssen sich darauf einstellen, Schule für einen gewissen Zeitraum zu ersetzen – und nicht nur zu ergänzen, wie bisher.

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Die Klassen- und Fachlehrer haben in Eile Aufgabenzettel zusammengestellt, wie effizient sind diese Lernmethoden?

Auf die Qualität der Aufgaben kommt es an. Wir haben in Deutschland ausgezeichnete Schulbücher, die auch pädagogischen Laien helfen können, gemeinsam mit Kindern zu lernen. Die Notiz „Englischbuch – S.17-22, „Umschreibung mit to do“ kann also eine sinnvolle Aufgabe sein.

Was bringt Lernen ohne Kontrolle?

Die Kontrolle ist der letzte Akt, sie steht am Ende; sie muss sein, um zu wissen, ob und was Kinder gelernt haben. Vorher muss die Anleitung stehen, die Führung, etwas selbst einzusehen, etwa mit der Aufgabe: „Du hast vier Riegel Schokolade, aber drei Freunde sind da. Jeder soll das Gleiche bekommen. Was machst du nun?“.

Haben es leistungsschwächere Schüler schwerer in der neuen Lernsituation?

Klare Antwort: Ja. Lehre ohne Lehrer ist vor allem für leistungsschwache Schüler ein Problem. Sie brauchen Anregung, Anleitung und Unterstützung. Und dazu muss man genau wissen, wie das geht.

Halten Sie Eltern für die geeigneten Pädagogen?

Eltern müssen von Geburt ihrer Kinder an Pädagogen sein. Aber pädagogisches Wissen und Können ist nicht angeboren. Man muss es erwerben. Es ist kein Geheimwissen, sondern in vielen Büchern und im Internet zugänglich. Aber die Pflichtschule hat viele Eltern von ihrer Aufgabe entwöhnt. Sie haben sich auf die Schule verlassen, und auch verlassen können. Nun hat sich die Situation blitzartig geändert. Wer sich überfordert fühlt, muss lernen, auf die neuen Anforderungen zu reagieren.

Wie entscheidend ist jetzt die Vorarbeit der jeweiligen Lehrer?

Lehrer müssen jetzt damit rechnen, dass engagierte Laien ihren Kindern helfen und sie beim Lernen unterstützen wollen. Die Lehrer müssen also die Aufgaben vernünftig gliedern und anordnen. Sie müssen material zusammenstellen und klare Arbeitsanweisungen geben – und auch klar sagen, was am Ende gelernt sein sollte.

In China und Südkorea hat man auf virtuellen Unterricht umgestellt, in deutschen Schulen fehlen dazu vielerorts die technischen Voraussetzungen, was bedeutet das für die Bildungspolitiker für die Zeit nach der Coronakrise?

Das virtuelle Lernen ist ja nicht nur ein technisches Problem. Es ist ein Problem für menschliche Beziehungen und zugleich ein Problem der Aufsichtspflicht. Bekanntermaßen haben wir in China einen sehr engen Kodex für das Verhalten von Kindern. Ich glaube nicht, dass jemand möchte, dass unsere Kinder so eng geführt werden und so unfrei aufwachsen sollen. Beim Lernen übers Internet sitzen Kinder allein zu Hause. Ab welchem Alter soll das sein? Stellen Sie sich eine Sechsjährige vor, die Tag für Tag allein in einer Wohnung vor dem Bildschirm sitzt? Wer mag da alles an der Tür klingeln? Auf welche Ideen mag das Kind kommen? Und was wird aus den sozialen Kontakten? Aus der persönlichen Wertschätzung durch die Lehrer? Alte Menschen vereinsamen vor ihren Bildschirmen – und das soll jetzt ein Programm für Kinder sein? E-Learning kann in Krisen kurzfristig helfen. Aber es kann nicht kurzfristig ein gesamtes Schulsystem ersetzen.

Gewinnen Sie der jetzigen Situation auch etwas Positives ab?

Mein Vater sagte immer: „Die beste Krankheit nutzt nichts“ - und da hat er mal wieder recht gehabt. Andererseits: Natürlich kann man Krisen als Chance nutzen. Man hätte jetzt Zeit, sich genauer anzusehen, was und wie die Kinder lernen. Was im Schulbuch steht. Und man hat Zeit fürs Sprechen, gemeinsame Essen und Spielen.

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Vereinzelt werden Stimmen laut, die eine Verkürzung der Sommerferien fordern, um den versäumten Stoff aufzuholen, halten Sie das für sinnvoll?

Ja.

Das Gespräch führte Ines Mallek-Klein

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