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Elternzeit ist für Väter immer noch ein Karrierekiller

Nur jede zweite Vater in Sachsen bleibt mit seinem Baby zu Hause. Ein Domino-Effekt könnte das ändern.

In Sachsen gingen 2017 52 Prozent der Väter in Elternzeit. Doch noch können viele Familien eher auf das Gehalt der Frauen verzichten.
In Sachsen gingen 2017 52 Prozent der Väter in Elternzeit. Doch noch können viele Familien eher auf das Gehalt der Frauen verzichten. © 123.rf

Von Inga Dreyer

Schnell waren sich Kai Behrens und seine Freundin einig: Bei ihrem ersten Kind wollten sie die 14 Monate Elternzeit gleichberechtigt aufteilen. „Für mich war der Hauptgrund, dass ich Zeit mit unserem Baby verbringen möchte“, sagt der 42-jährige Controller einer Software-Firma. Nach 20 Jahren im Beruf freue er sich, eine Zeit lang ganz andere Aufgaben zu übernehmen. Außerdem werde die Auszeit nichts an seiner beruflichen Situation ändern. „Es ist nicht so, dass ich mir damit etwas verbauen würde“, sagt er. Genau davor aber haben viele Männer Angst.

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„Eine berechtigte Sorge“, sagt Karin Schwendler. Sie ist Leiterin des Bereichs Frauen- und Gleichstellungspolitik bei der Gewerkschaft Verdi. Elternzeit und Teilzeit seien immer noch „Karrierekiller“. Zwar gebe es in vielen Jobs Möglichkeiten, die Arbeitszeit zu reduzieren. Auch zeigten Umfragen, dass mehr Väter in Teilzeit arbeiten möchten. „Trotzdem sind viele Männer noch zögerlich“, sagt die Gewerkschafterin.

Tatsächlich steigt die Zahl der Männer, die Elternzeit nehmen – trotzdem sind sie bundesweit noch in der Minderheit. 2017 lag der Anteil laut Statistischem Bundesamt bei 40,4 Prozent, in Sachsen aber bei 52 Prozent. Das waren 18.430 Männer. Nirgendwo in Deutschland sind prozentual mehr Väter mit ihren Babys daheim geblieben. Allerdings sind sie im Durchschnitt nach 2,9 Monaten wieder arbeiten gegangen – bundesweit blieben die Väter durchschnittlich 3,1 Monate bei ihrer Familie zu Hause, in Berlin sogar vier Monate. Vor allem aus finanziellen Gründen würden sich Väter zurückhalten, zeigt eine Studie des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung von 2019.

Kein Anspruch auf die gleiche Stelle

Auch in seinem Freundeskreis nehmen die meisten Männer nur die zwei sogenannten „Vätermonate“ kurz nach der Geburt, um die Bezugszeit zu verlängern, sagt Kai Behrens. Immer noch sei die Idee verbreitet, dass Väter in den ersten Lebensmonaten des Kindes kaum etwas beitragen können. „Aber ich denke, dass Bindung auch zum Vater wichtig ist, gerade in dieser Zeit“, so Behrens.

Doch es ist nicht nur die traditionelle Rollenverteilung von arbeitendem Vater und der Mutter, die die Familie zu Hause umsorgt, wegen der viele Väter nur kurz in Elternzeit gehen. Eine ganz wesentliche Rolle spielen bei der Entscheidung finanzielle Fragen. Denn immer noch können viele Familien eher auf das Gehalt der Frauen verzichten. „Meistens haben die Väter das höhere Einkommen“, bestätigt Wido Geis-Thöne, Experte für Familienpolitik am Institut der deutschen Wirtschaft.

Dass sich Väter Sorgen um die Karriere machen, sei berechtigt, so Geis-Thöne. Aufstiegschancen würden sich in der Regel durch die Elternzeit reduzieren. Nach der Rückkehr in den Job besteht lediglich ein Anspruch auf gleiche Arbeitszeit und Entlohnung, aber nicht auf die gleiche Tätigkeit. Sogar Leitungsfunktionen könnten entzogen werden. Zudem könne der Chef direkt nach der Elternzeit kündigen, denn der Sonderkündigungsschutz bestehe nur acht Wochen vor dem Start bis zum Ende der Elternzeit.

Auch Kollegen hadern mit der Elternzeit

„Man muss fürchten, dass man nicht für voll genommen wird, wenn man nicht mehr rund um die Uhr arbeiten kann“, sagt Brigitte Dinkelaker. Sie leitet das Projekt „Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten“ des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Der Anteil der Väter, die in Teilzeit arbeiten, liege nur bei etwa sechs Prozent. Oft seien es nicht Vorgesetzte, sondern Kolleginnen und Kollegen, die Probleme mit Teilzeitlösungen oder Elternzeitansprüchen hätten, sagt Geis-Thöne. Denn häufig müssen sie die weggefallene Arbeitsleistung auffangen. In Teams, in denen auch Frauen arbeiten, sei es in der Regel auch für Männer leichter, denn dort sei die Erfahrung mit Vereinbarkeitsfragen größer.

„Wenn die Männer erst mal deutlich machen, was sie wollen und Elternzeit und Elterngeld beantragen, dann entsteht schnell ein Domino-Effekt“, sagt Dag Schölper. Er ist Geschäftsführer des Bundesforum Männer, das sich als Interessenverband für eine gleichstellungsorientierte Männerpolitik einsetzt. Sobald immer mehr Männer in Teilzeit arbeiten, werde das irgendwann zur neuen Normalität. Noch aber ist es nicht so weit. Die Idee des Vaters als Ernährer sei noch immer gesellschaftlich stark verankert, so Schölper. „Nach wie vor ist es nicht wirklich üblich, dass man als Mann Familienverantwortung auch durch Anwesenheit, Fürsorgetätigkeiten und Hausarbeit beweist“, erklärt er. Familienfreundliche Schichtpläne, flexible Arbeitszeiten, Aufstiegsmöglichkeiten in Teilzeit, geregelte Kinderbetreuung oder auch das Recht auf Rückkehr zur Vollzeitarbeit würden es Männern wie Frauen einfacher machen, Beruf und Familie zu vereinbaren. (dpa mit rnw/sp)

Hier finden Väter Hilfe:

www.vaeter-zeit.de

www.maennerberatungsnetz.de

Das Bundesfamilienministerium hat alle Informationen zur Elternzeit in einer Broschüre zusammengefasst. Kostenloser Download unter www.sz-link.de/infos_elternzeit

Familienkompass 2020:

  • Hintergrund: Der Familienkompass ist eine große sachsenweite Umfrage zur Kinder- und Familienfreundlichkeit im Freistaat. Er ist ein gemeinsames Projekt der Sächsischen Zeitung, der Freien Presse und der Leipziger Volkszeitung in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Dresden.

  • Wann? Die Befragung endet zum Start der Sommerferien.

  • Wo? Leser der Sächsischen Zeitung finden den Fragebogen unter www.sächsische.de/familienkompass

  • Warum mitmachen? Mit jedem beantworteten Fragebogen helfen Sie mit, die Familien- und Kinderfreundlichkeit in Ihrer Stadt/Gemeinde zu verbessern. Nach der Auswertung konfrontieren wir Politik und Verwaltung mit den Ergebnissen und berichten in allen Ausgaben detailliert zur Situation in den Kommunen.

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