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Meißen

Endgültiges Aus für Meissen Keramik

Statt zu produzieren, werden Fliesen aus Polen vertrieben. Die Region reagiert entsetzt. Von Markenpiraten ist die Rede.

Keine guten Aussichten: Das Ende des Werkes von Meissen Keramik scheint besiegelt zu sein. Rund 100 Jobs könnten wegfallen.
Keine guten Aussichten: Das Ende des Werkes von Meissen Keramik scheint besiegelt zu sein. Rund 100 Jobs könnten wegfallen. © Claudia Hübschmann

Meißen. Jetzt werde Deutschland von polnischen Werken aus mitbeliefert. So lautet der entscheidende Satz von Interviewer Ralf Schanze vom Internet-Portal der Keramikbranche 1200grad.com.

Die Aussage fällt in einem jetzt bei Youtube eingestellten Gespräch mit den beiden Meissen-Keramik-Managern Hakan Inaltekin und Frank Schulte. Weiter heißt es, die Produktion in Deutschlands östlichem Nachbarland sei auf „modernstem, neuen Stand ... mit Digitaldruck.“ Allein letztes Jahr seien in Polen 30 Millionen Euro in eine neue Anlage investiert worden. 

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Die polnischen Hightech-Fliesen sollen in Deutschland weiter unter dem Namen Meissen Keramik vertrieben werden. Auch wenn die Stadt, wo die erste Manufaktur für europäisches Hartporzellan ihren Sitz hat, nicht länger Produktionsstandort ist. In wenigen Tagen könnten die Waren von Polen aus bei den deutschen Händlern eintreffen. „Made in Germany“ sei in der Fliesenproduktion „doch sehr schwierig“, so Hakan Inaltekin. 70 bis 80 Prozent der Kunden hätten das verstanden. Emotional besonders betroffene lokale Abnehmer seien direkt informiert worden.

Keine Alternativen gesucht

Das nach Aussagen der Geschäftsleitung aufgrund von Umsatzeinbrüchen im Frühjahr verkündete Aus für den traditionsreichen Standort Meißen mit rund 100 Mitarbeitern scheint damit besiegelt. „Es hat sich so abgezeichnet“, sagt der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Meißen (WRM), Sascha Dienel. SZ-Informationen zufolge soll es mindestens ein Angebot gegeben haben, das Werk oder Teile unter der Marke Meissen Keramik weiterzuführen. Das habe allerdings offenbar nicht zur Debatte gestanden.

Kontaktversuche seitens der WRM und der Stadtverwaltung blieben deren Angaben zufolge ohne Resonanz. Aus dem Meißner Rathaus heißt es: „Wir beobachten seit der Schließungsankündigung des Produktionsstandortes im März aufmerksam die Entwicklung rund um Meissen Keramik.“ Die Stadt sei immer zu Gesprächen bereit, wenn Hilfe gewünscht werde.

Deutlicher wird FDP-Stadtrat sowie Landtagswahlspitzenkandidat Martin Bahrmann. Er habe keinerlei Information darüber erhalten, dass das Werk nun tatsächlich abgewickelt werde. Explizit stört er sich daran, dass die polnische Mutterfirma von Meissen Keramik, Cersanit, trotzdem die Marke weiter nutzen wolle.

Von einem unehrlichen und enttäuschenden Spiel spricht die CDU-Landtagsabgeordnete Daniela Kuge. Ihr sei von Teilen der Geschäftsführung zugesichert worden, sie auf dem Laufenden zu halten. Doch nichts sei geschehen. Offenbar sollte die Öffentlichkeit nichts erfahren.

„Wir bleiben bei unserer Auffassung, dass es ein Armutszeugnis ist, wie die Staatsregierung dem Treiben tatenlos zusieht“, teilt der Landtagsspitzenkandidat der Linken, Tilo Hellmann, mit. Der Keramikstandort werde dadurch weiter geschwächt. Die Linke werde sich dafür einsetzen, dass regionale Bezeichnungen nicht einfach so verkauft werden können.

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Kritik an der laschen Haltung der Stadt übt Stadtrat Walter Hannot von den Bürgern für Meißen. Diese Nachricht sei die Quittung dafür, dass die Stadt die Markenrechte nicht klar durchgesetzt habe. Kleingeistige Eigeninteressen seien der Hintergrund gewesen. Ihn störe, dass selbst jetzt niemand aufstehe, um die für die Interessen Meißens zu kämpfen. „Das würde ja hochbringen, was fahrlässig versäumt wurde“, so Hannot. Es sei ein Trauerspiel, aber die Marke Meißen in diversen Schreibweisen werde so auf Dauer nicht mehr exklusiv mit dem Standort zu verbinden sein.

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