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Endlich arbeiten

Der Krieg hat Shivan G. aus dem Nordirak vertrieben. Er lebt im Asylbewerberheim und hat sich selbst Deutsch beigebracht.

© Arvid Müller

Von Ines Scholze-Luft

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Er kommt ganz pünktlich zum Gespräch. Shivan G., einer von derzeit 134 Bewohnern des Asylbewerberheims in Radebeul-Naundorf. Seit sechs Jahren lebt der 28-Jährige dort. Mit abgelehntem Asylantrag. Doch wegen des Bürgerkriegs in seiner Heimat Irak darf er nicht abgeschoben werden. Ein Asylfolgeantrag wird vorbereitet, denn ein Ende der blutigen Auseinandersetzungen im Nordirak ist nicht abzusehen. Im Gegenteil. Der junge Kurde erzählt, dass vor Kurzem jemand aus der Familie auf offener Straße angegriffen und getötet wurde. Auf der Beerdigungsfeier habe sich dann auch noch ein Mann in die Luft gesprengt. Eine entsetzliche Situation.

Shivan G. hält zwar über Handy und Internet Kontakt zu den Seinen, hat aber jedes Mal Angst vor dem Anruf, vor schlechten Nachrichten. Umso intensiver beschäftigt er sich mit seinem neuen Umfeld, bemüht sich darum, hier immer besser Fuß zu fassen.

Vor vielen Jahren hatte er einen Traum. Von Europa, von Deutschland. Wo viele Menschen leben, die lieb zueinander sind, die helfen, wenn Hilfe gebraucht wird. Die ihren Nachbarn auch mal ins Krankenhaus bringen, wenn das nötig ist, hat er damals gedacht. Und dass er in dem Land etwas lernen könnte.

Zu Hause hatte er dazu nur kurze Zeit Gelegenheit. Denn geboren und aufgewachsen ist er im Nordirak. „Früher war es schön dort“, sagt er. Er konnte zur Schule gehen. Der Monatslohn des Vaters reichte, um die vielköpfige Familie zu ernähren. Dann kam der Umschwung. Mit dem Aufstand 1991, als sich Schiiten und Kurden gegen die Herrschaft Saddam Husseins erhoben, jedoch von den Truppen des Diktators besiegt wurden.

Von da an wurde das Leben der Familie schwerer. Schließlich reichte das Einkommen des Familienoberhauptes gar nicht mehr aus. Ein Sozialsystem wie in Deutschland gibt es nicht. So fiel die Wahl auf Shivan, der fortan seinem Vater bei der Arbeit zur Seite stand. Erst auf einer Baustelle, dann in einem kleinen Geschäft, wo sie mit Radios, Bügeleisen und anderen Elektrogeräten handelten. Eigentlich hätte der junge Kurde weiter in die Schule gehen müssen und das auch gern getan. „Doch wer hätte dann Papa geholfen? Wir sind nun mal keine reiche Familie.“ Etwa acht Jahre sei er gewesen, als die Schulzeit endete und er dann immer weiter für die Familie arbeitete, bis zur Flucht nach Europa.

Nach dem Sturz Saddam Husseins 2003 wurde es im Irak nicht besser, sondern anders schlimm, sagt Shivan. Erst kämpften Aufständische gegen die Besatzungstruppen unter Führung der USA, die Ende 2011 das Land verließen. Seit vergangenem Sommer verbreiten militante Islamisten der IS überall Schrecken. Wegen des Bürgerkriegs verließ der junge Kurde schließlich seine Heimat, schlug sich nach Europa durch. Bis er im Asylbewerberheim in Radebeul landete. Seitdem arbeitet er an seinen Traum von einer Ausbildung und von einem ganz normalen Leben. Dabei musste er einige anfängliche Hoffnungen begraben. Unter anderem die, sich gleich frei im Land bewegen zu können. Das durfte er anfangs bloß im Landkreis, darüber hinaus nur mit Urlaubsschein. Ein Jahr hält man das schon mal durch, sagt der freundliche junge Mann. Aber nach zwei bis drei Jahren ist das gar nicht mehr schön.

Dabei gibt es im Heim Bewohner, denen es seit 14, 15 Jahren so geht. Sie dürfen weder einfach so nach Dresden fahren noch arbeiten. Das ist der zweite große Wunsch Shivans. Etwas Vernünftiges machen, dafür ordentlich lernen, dann Geld verdienen. Dass er nun endlich arbeiten darf, verdankt er nicht nur der relativ langen Aufenthaltszeit in Deutschland, sondern auch sich selbst. Weil er alle Unterlagen zur Identifizierung vorlegte, darunter den Pass. Und weil er sich immer vorschriftsmäßig verhalten hat. Arbeit bedeutet nicht zuletzt mehr Kontakt zu den Deutschen. Der ist ihm wichtig. So hat er sich die deutsche Sprache gleich selbst beigebracht. Ohne auf einen Deutschkurs zu warten, der ihm bisher nicht zustand. Das Fernsehen hilft beim Lernen, auf der Straße hört er genau hin und profitiert auch von der Unterstützung durchs Bündnis Buntes Radebeul.

Im Gespräch ist der junge Mann ganz Auge und Ohr, sichtbar konzentriert, um nichts zu verpassen oder falsch zu verstehen. Bemerkenswert, wie sicher er sich auf Deutsch ausdrückt. Neben kurdisch spricht er arabisch und ein wenig persisch. Was wohl dazu beigetragen hat, dass Shivan eine Arbeit bei der Landeszentrale für politische Bildung in Dresden bekam. Dort ist er ein sogenannter Multiplikator, ist als Asylbewerber überall mit vor Ort, wenn es um sein ureigenstes Thema geht, kann seine Erfahrungen einbringen. Das ist nicht sein einziger Job. Arbeiten darf er jetzt außerdem in einem Dresdner Dönerladen.

Dass er es so weit gebracht hat, dass er sich nicht entmutigen lässt, sondern weiter für seine Integration kämpft, macht ihn zuversichtlich. Auch dafür, dass sich noch ein paar Träume erfüllen. Zum Beispiel, dass den Menschen hier der Islam vertrauter wird. „Denn jeder Glaube steht für etwas Schönes“, sagt der Muslim, dem es wehtut, wenn ihn manche Leute jetzt ein bisschen böse anschauen. Wegen des IS-Terrors, vermutet er. „Aber IS ist nicht der Islam.“

Gutes Zusammenleben steht bei seinen Wünschen weit oben. Deshalb möchte sich Shivan selbst noch mehr einbringen, hofft auf ein deutsches Visum. Dann könnte er endlich auch mal an eine Familie denken. Und vor allem an einen Beruf samt Ausbildung. Im Baugewerbe könnte er sich das vorstellen. Oder vielleicht sogar als Polizist. Das ist sein ganz besonderes Ziel.

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