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Endlich ein normales Schulkind

Benedikt kämpfte anderthalb Jahre mit dem Blutkrebs. Jetzt ist er wieder zu Hause in Guttau.

© Uwe Soeder

Von Kerstin Fiedler

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Guttau. Ganz stolz trägt Benedikt den Schulranzen in die Grundschule Guttau. Und ganz selbstverständlich setzt er sich nach den Winterferien auf einen der Plätze in der ersten Klasse. Denn dort kann er nun endlich mit all den anderen Kindern, von denen er viele schon aus dem Kindergarten kennt, gemeinsam lernen.

Benedikt hat schwere anderthalb Jahre hinter sich. Und nicht nur er. Mandy Pietschmann, Benedikts Mutti, bringt den Jungen an seinem ersten Schultag in die Klasse. Freudig kommt in der Pause auch Benedikts Schwester, die neunjährige Annalena auf beide zu. Nun ist sie nicht mehr allein in der Schule, und sie kann auf ihren kleinen Bruder aufpassen. Auf ihn musste sie nämlich lange Zeit verzichten. Denn am 18. November 2016 bekam die Familie die niederschmetternde Diagnose: Leukämie, Blutkrebs. „Klar, dass die Ärzte im Herbst, wo ja auch viele Kinder erkältet sind, nicht gleich darauf gekommen sind, was er hat“, sagt Mandy Pietschmann. Nach mehreren Infekten fühlte sich der Junge immer wieder schlapp, kam kaum noch auf die Beine. Doch erst, als die Krebszellen schon im Blutkreislauf waren und die Milz angeschwollen war, wurden die Untersuchungen genauer. Benedikt kam in die Uniklinik nach Dresden. Und es sollte für lange Zeit sein Zuhause bleiben.

Psychologe mit dabei

Im Uniklinikum wirkt auch der Verein Sonnenstrahl Dresden. Es ist ein durch Spenden finanzierter Verein, der sich um Kinder und Jugendliche mit Krebs sowie ihre Familien kümmert. Seit 1990 unterstützen die Mitarbeiter in enger Kooperation mit der onkologischen Kinderstation des Uniklinikums Dresden die betroffenen Familien. Auch Familie Pietschmann hat die Arbeit des Vereins kennengelernt und fand es deshalb gut, dass Remo Kamm, Psychologe des Vereins, an Benedikts erstem Schultag der Klasse erklärte, was Benedikt für eine Krankheit hat.

„Wir zeigen anhand von Comics sehr bildlich, was im Körper vorgeht“, sagt Remo Kamm. Die Schulklassenaufklärung ist ein Teil seiner Arbeit. Im vergangenen Jahr wurde sie 40-mal in Schulen und Kitas organisiert. Die Kinder waren erstaunlich gut informiert, staunten dennoch, als Benedikt zum Beispiel von den Spritzen sprach, die er bekam, die Untersuchungen im MRT beschrieb oder die Lumbalpunktion erklärte. „Aber das ist alles wichtig, weil man davon auch sterben kann“, erklärt Benedikt seinen Klassenkameraden.

Stammzellenspender gefunden

Und ganz zum Schluss zeigte der tapfere Junge seine Mutperlenkette. „Die ist fast so lang wie eine Anakonda“, sagt Benedikt stolz. Denn eine Anakonda ist sechs Meter, seine Kette 5,50 Meter. Verschiedene Plasteperlen beschreiben unterschiedliche Ereignisse. So gibt es sehr viele solcher Perlen in Orange mit Weiß und Grün. Das ist eine Chemoperle, sie zeigt, wie oft er die Chemotherapie bekam. Oder es gibt die blau-rot gedrehten Perlen – hier hat Benedikt Blutspenden bekommen.

Die zweite Kette ist kürzer, aber fast noch wichtiger. Denn für Benedikt hat sich ein Stammzellenspender gefunden. Er heißt Dominik und ist Benedikts großer Bruder. Der 13-Jährige, so erzählt Mandy Pietschmann, war sehr stolz, dass er seinem kleinen Bruder helfen konnte. „Ich glaube, er war sich der Bedeutung bewusst“, sagt die Mutter. Die Stammzellentransplantation erfolgte in Berlin. Das war richtig heftig. Sechs Tage hintereinander Bestrahlung, dann eine hoch dosierte Chemotherapie zur Zerstörung der kranken Zellen. Danach konnte sich Benedikt zwei Tage erholen, bis er das Knochenmark seines Bruders bekam.

Viel Unterstützung erhalten

Die gesamte Familie hat sich auf die Krankheit des Jüngsten eingestellt. Während der Vater arbeiten ging und den Haushalt schmiss, war Mandy Pietschmann die meiste Zeit mit in Dresden. „Wir hatten viel Unterstützung natürlich durch die Großeltern, die Familie und auch durch Freunde“, sagt Mandy Pietschmann, die in der Zeit meist krankgeschrieben war. Deshalb fand sie es auch gut, dass die Mitarbeiter des Vereins auch auf die Geschwisterkinder eingegangen sind. „Manchmal habe ich auch im Elternhaus des Vereins übernachtet“, sagt Mandy Pietschmann.

Für den Psychologen Remo Kamm ist es wichtig, dass auch schon Kinder in Benedikts Alter erfahren, wie schlimm diese Krankheit ist. Dass auch Benedikt seine Haare verloren hat, dass ihm oft schlecht war und er brechen musste. Und dass er Schmerzen hatte.

Doch Benedikt ist an diesem Tag so froh darüber, dass er nun ein richtiges Schulkind ist, da sind die Erinnerungen nebensächlich. Am Sonntag hat die Familie noch einmal ein bisschen Schuleingang gefeiert. „Da gab es endlich Schnitzel und Pommes, das durfte er die ganzen 18 Monate nicht essen“, schmunzelt seine Mutter. Doch auch, wenn Benedikt jetzt wieder langsam in den normalen Schulalltag integriert wird, die Angst vor der Krankheit bleibt. „Wir haben in der Zeit leider auch gesehen, wie einige Kinder gestorben sind“, sagt sie leise.

www.sonnsenstrahl-ev.de