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„Endlich nicht mehr gejagt werden“

André Sarrasani und seine Familie durchleben schwere Zeiten. Jetzt hat der Magier neue Ziele. 

Zirkuschef André Sarrasani.
Zirkuschef André Sarrasani. © Sven Ellger

Seit etwas mehr als drei Jahren ist bei André Sarrasani nichts mehr, wie es mal war. Im Sommer 2016 musste der Magier mit seiner Zirkus-Firma Insolvenz anmelden. 1,2 Millionen Euro Schulden hatten sich angehäuft, Rechnungen konnte er nicht mehr bezahlen. Als persönlich haftender Hauptgesellschafter kam, was kommen musste: Privatinsolvenz. Doch Sarrasani macht immer weiter. „Ich komme aus einer Zirkusfamilie und will auf die Bühne“, sagt der 46-Jährige.

Sarrasani. Er war nie weg. „Aber ich habe mehr als zwei Jahre Scheiße gefressen, wie man so sagt.“ Jetzt sei endlich wieder Ruhe da, zum Planen, um eine neue Show vorzubereiten, nicht immer nur Druck im Nacken zu spüren. „Das Gefühl, endlich nicht mehr nur gejagt zu werden, ist sehr befreiend.“

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Sarrasani stand bereits als Kind auf der Bühne und im Rampenlicht. Fast automatisch, er stammt aus einer Zirkusdynastie. Sie geht bis in das Jahr 1892 zurück. Dressur-Clown Hans Stosch gab sich damals den Künstlernamen „Sarrasani“ und gründete in Radebeul 1902 einen Zirkus. Es folgte 1912 die feste Arena mit dem „Circus-Theater der 5.000“ in der Dresdner Neustadt. Den Namen trägt seine 82-jährige Mutter Ingrid Stosch-Sarrasani bis heute. Sie war eine beliebte Artistin und von 1980 bis 2000 Zirkusdirektorin. Ihr Rat und ihre Unterstützung sind für André Sarrasani und seine Lebensgefährtin Edit Slavova bis heute wichtig. „Meine Mutter hält uns den Rücken frei, kümmert sich viel um die Kinder und bringt sich auch ins Geschäft ein“, sagt Sarrasani stolz.

Familie sei sowieso das Wichtigste. Das sei zwar für ihn immer so gewesen, er habe sich aber nicht immer ausreichend um sie gekümmert. Gerade in der Zeit, unmittelbar nach den Insolvenzen, habe er einiges nicht gemerkt, was seine Familie umtreibt. „Die ganze Familie hat mitgelitten.“ Sinnbildlich stehe dafür seine 14-jährige Tochter. „Sie hat das ganz massiv erlebt. In der Schule wurde ihr gesagt, dein Papa ist pleite. Sie hat gelernt, dass sie mit in der Öffentlichkeit steht – das ist brutal“, berichtet Sarrasani mit Tränen in den Augen. Wohl auch, weil er bedauert, dass er das viel zu spät mitbekommen hat, weil er mit sich und der Firma beschäftigt war. „Aber es hat sie stärker und erwachsener gemacht“, sagt Lebensgefährtin Edit Slavova.

Fehlentscheidungen getroffen

Auch Sarrasani hat die andere Seite hart erleben müssen, wie es ist, im Rampenlicht zu stehen. „Der Name, die Tradition, ein Bekanntheitsgrad von bestimmt 80 Prozent in Dresden – das ist toll. Bis du pleite bist.“ Vermeintliche Freunde haben sich abgewendet, zum Teil noch in der Wunde gebohrt und ehemalige Geschäftspartner zusätzliche Vorwürfe erhoben. So hatte Promi-Wirt Gerd Kastenmeier kurz nach der Insolvenz behauptet, Sarrasani habe ihn um 50.000 Euro betrogen. Um 120.000 Euro, die Sarrasani nicht gezahlt haben soll, ging es dem Vermieter der Ausstellung „Real Bodies“, die bis Somer 2016 im Trocadero am Wiener Platz gezeigt wurde.

Überhaupt war diese Ausstellung eine der „Fehlentscheidungen“ gewesen, die Sarrasani auf seine Kappe nimmt. „Ich habe leider nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen, gerade als der finanzielle Druck wuchs.“ Es sei auch darum gegangen, das Familienunternehmen, den Namen, die Tradition am Leben zu halten. „Der Druck ist brutal.“ In den vielen Generationen der Zirkusfamilie gab es immer mal wieder finanzielle Schieflagen, bis hin zur Insolvenz. „Aber wir haben uns auch immer wieder selber dort rausgezogen.“ Das will er auf jeden Fall auch schaffen.

Sarrasani könne zwar kein Geld zaubern, aber auf der Bühne Menschen unterhalten. „Das ist ganz klar meine Stärke und darauf konzentriere ich mich jetzt mehr.“ Dabei helfen ihm die Gesellschafter, die neben der Finanzspritze für die Neugründung einer Sarrasani-Firma auch Erfahrungen einbringen. „Das ist toll, manchmal auch anstrengend. Sie hinterfragen alles.“ Jede Rechnung wird überprüft, möglichst aber bereits viel früher, jeder geplante Auftrag hinterfragt. Bisher war zu jeder Premiere das Zelt voll. 350 geladene Besucher, die kostenlos die Show, Essen und trinken bekamen. Ab sofort müssen sie pauschal 50 Euro bezahlen, weil es die Gesellschafter so vorgeschlagen haben. „Das ist dann wenigstens für Essen und Trinken kostendeckend.“ Sarrasani musste sich von seiner bisher eher hemdsärmeligen Art der Geschäftsführung verabschieden. „Ich kann ganz schlecht Nein sagen, wenn jemand etwas haben möchte, möglichst umsonst. Jetzt kann ich sagen, ich darf nicht.“

Mit dieser Unterstützung hat er es in den vergangenen zwei Spielzeiten zumindest zu einer „schwarzen Null“ geschafft. Das sei zumindest eine positive Entwicklung zu der Zeit davor. Die Insolvenz der alten Firma läuft über einen Insolvenzverwalter. Die Privatinsolvenz ist aber jeden Tag da. „Wir können keine großen Sprünge machen. Auch weil zwei Haushalte bespielt werden müssen.“ Denn seine Mutter, Ingrid Stosch-Sarrasani, erhalte nur eine kleine Rente. „Aber es geht uns gut.“

Die Sarrasanis leben bodenständig in einer Platte an der Marschnerstraße, lange steckte André Sarrasani jeden Cent in die Firma. Es gab keine – und wenn, keine großen – Urlaube, ein eigenes Auto hat er auch nicht. Er brauche keinen Luxus, sagt Sarrasani, bis auf sein iPhone. „Da ist alles drin, das ist mir wichtig.“

Warum Zirkus auch politisch ist

Er sei immer jemand gewesen, der nach vorne blickt, sich von Rückschlägen nicht unterkriegen lässt, ist sich Sarrasani sicher. „So bin ich erzogen worden.“ Deshalb werde er es auch jetzt schaffen. Die gut 10.000 Besucher in der vergangenen Saison seien eine gute Basis. „Wir wollen aber mehr. Ziel sind 13.000 in dieser Saison.“ Zur 15. Saison insgesamt soll Jubiläum gefeiert werden, mit einer Show aus dem Besten dieser 15 Jahre. „Wir waren zu dieser Zeit im Jahr noch nie so weit mit der Planung, den Künstlern und beim Vorverkauf.“

Weil er nun den Kopf frei habe, erwägt er auch, mit den Tigern und dem kleinen Panther intensiver zu trainieren. Ob die Tiere tatsächlich auf die Bühne zurückkehren, sei aber offen. „Tiere arbeiten, wenn sie arbeiten wollen und ich darf dabei auch keinen Druck verspüren.“ Deshalb werde das kurzfristig entschieden.

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Viele Dresdner sprechen ihm Mut zu, sagt er. Auch Firmen buchen zunehmend seine Show im Trocadero am Elbepark für ihre Mitarbeiter und Lieferanten arbeiten gerne mit ihm zusammen. „Weil wir ja nach der Pleite zwei Jahre wieder da sind.“ Dresden und Sarrasani hätten eine enge Bindung. „Deshalb wehre ich mich auch dagegen, wenn gesagt wird, diese Stadt sei gespalten.“ Er sei von Kollegen häufig auf Pegida und die AfD angesprochen worden. „Zirkus ist eine der ältesten Traditionen, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft und Mentalität erfolgreich zusammenarbeiten. Das ist auch ein weltoffenes Statement. Wir müssen alle toleranter werden. Insofern ist Zirkus auch politisch.“

sarrasani.de

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