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Endlich schlechte Presse?

Die Vorgänge um das Niederoderwitzer Pflegeheim offenbaren einen noch größeren Skandal: das Versagen der Kontrollbehörden. Eine Betrachtung.

SZ-Reporterin Jana Ulbrich über das landesweite Ausmaß eines Pflegeskandals.
SZ-Reporterin Jana Ulbrich über das landesweite Ausmaß eines Pflegeskandals. © Archivfoto: Klaus-Dieter Brühl

Alles beginnt mit einem zufälligen Gespräch auf der Dorfstraße in Niederoderwitz: Hast du es schon gehört? Der Leiter des Senioren- und Pflegeheims ist ganz plötzlich beurlaubt worden. Als Journalistin werde ich da hellhörig, will herausfinden, was dahintersteckt. Und beginne zu recherchieren. Nicht ahnend, welche Welle von Reaktionen diese erste Recherche auslösen und welchen noch größeren Skandal sie am Ende aufdecken wird.

Nach ersten Recherchen wird klar: Es gibt offenbar große personelle Probleme und zu wenige Fachkräfte für die Betreuung der mehr als  200 Heimbewohner. Es gibt auch einen Streit um die fachliche Qualifikation und die Arbeitsweise einiger ausländischer  Mitarbeiter, die sich der private Betreiber aus Albanien vermitteln lässt. Nicht nur für seine beiden Heime in Niederoderwitz, sondern auch für die anderen in Zittau, Berlin, Sachsen-Anhalt und anderswo. Das Geschäft mit der Pflege scheint gut zu laufen. Die mehr als 200 Pflegebedürftigen im alten Niederoderwitzer Heim leben größtenteils in kleinen Doppelzimmern, mit Waschbecken im Zimmer und Dusche und Toilette auf dem Gang. Es ist das preiswerteste Pflegeheim im Kreis. Die Plätze sind nach wie vor gefragt.

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Zur fristlosen Beurlaubung erklärt der Betreiber: Der Heimleiter habe "gravierende organisatorische Mängel zu verantworten." Eine Nachfrage bei der Sächsischen Heimaufsicht ergibt: Nichts. Eine Sprecherin bestätigt lediglich, dass es nach der Beurlaubung der Heimleitung eine Prüfung gegeben habe und der Träger Bescheid erhalte. Mit keinem Wort erwähnt sie, dass für das Heim ein sofortiger Aufnahmestopp verhängt worden ist. Das erfahre ich erst nach dem Erscheinen des ersten Berichts aus anderer Quelle. Genauso wie ich in den Tagen danach noch vieles weitere erfahren werde.

Selten bekommen wir in der Redaktion auf einen Artikel so viele Anrufe, E-Mails und Briefe wie in diesem Fall. Es sind Mitarbeiter und ehemalige Mitarbeiter des Seniorenheims, die sich melden. Es sind auch Mitarbeiter anderer Heime des Betreibers.  Es sind Angehörige von Bewohnern, die ihre Erfahrungen und Erlebnisse schildern. In meinem Notizblock füllen die Gesprächsprotokolle inzwischen viele Seiten, in einem Ordner sammeln sich immer mehr Briefe und Unterlagen. Es sind alles Belege dafür, dass in dem Heim bereits jahrelang untragbare Zustände geherrscht haben müssen: 

Von ständiger Zeitnot der Mitarbeiter ist da die Rede. Von zu wenig Fachpersonal. Von Pflegeleistungen, die nur in den Akten standen, aber gar nicht erbracht wurden. Von fachlichen Fehlern und pflegerischen Missständen. Ja sogar von psychischer und physischer Gewalt  gegen Bewohner.

Es ist nicht so, dass niemand davon gewusst hat. Mehrfach haben sich Mitarbeiter schon in der Vergangenheit an die staatliche Heimaufsicht gewandt und um Hilfe gebeten. Der Fachaufsicht liegen Schilderungen mit drastischen Beispielen vor. Mitarbeiter haben offiziell  Überlastungsanzeigen gestellt. Und sie haben die Heimaufsicht wissen lassen, dass ihrer Meinung nach der "Zustand gefährlicher Pflege" erreicht ist. Aber nicht einmal auf diese Gefährdungsanzeige haben die Kontrollbehörden so reagiert, wie man es erwarten müsste.

Und das ist im Grunde ein noch größerer Skandal. Wie kann es sein, dass untragbare Zustände über Jahre hinweg nicht gesehen oder ignoriert werden? Mit dieser Frage konfrontiert, gibt man nun auch bei der Heimaufsicht zu, diese Hinweise erhalten zu haben. Man sei "allen Beschwerden intensiv nachgegangen", erklärt die Sprecherin. Die Mängel seien "in der Folge durch den Träger abgestellt worden." Die Zuspitzung der Situation sei der Heimaufsicht erst jetzt bekannt geworden. "Seitdem befindet sich die Einrichtung in engmaschiger Überwachung." Na endlich, müsste man meinen und  hoffen, dass sich nun auch tatsächlich etwas ändert. 

Aber bei allem, was inzwischen in meinem Notizblock steht, kommen mir Zweifel. Der private Träger betreibt auch noch ein zweites Haus in Niederoderwitz, die Seniorenresidenz "Panoramablick". Für die gilt der Aufnahmestopp nicht. Aber auch dort herrscht große Personalnot und Mangel an ausreichend Fachkompetenz, wie ich inzwischen erfahren habe. Und es drängt sich unweigerlich die Frage auf: Ist das Niederoderwitzer Seniorenheim wirklich ein Einzelfall? Es gibt in Sachsen 900 Pflegeheime, darunter vier mit einem Aufnahmestopp. Ist in allen anderen wirklich alles in Ordnung?

Das Versagen staatlicher Kontrollen zeigt sich auch noch an anderer Stelle: Vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) hat das Niederoderwitzer Seniorenheim jedes Jahr die Bestnote 1,0 erhalten. Auf die Frage, wie das denn sein könne, heißt es aus dem Büro des Geschäftsführers: "Unter Berücksichtigung der Hintergründe, dass zum Beispiel nicht alle Prüfergebnisse in die Berechnung der Noten einfließen oder die Überprüfung nur bei einer Stichprobe erfolgt ..., bleibt die Aussagekraft der Noten stark begrenzt." Wie bitte? Eine Kontrollbehörde vergibt Noten, die nichts wert sind und nach denen sich lieber niemand richten sollte? Das ist doch nicht zu fassen.

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"Endlich kriegen wir schlechte Presse." Es ist ein Mitarbeiter des Niederoderwitzer Seniorenheims, der das sagt, und der dabei richtig erleichtert klingt. Einer, der seinen Beruf liebt und der jeden Tag wie die meisten seiner Kollegen bestmöglich seine Arbeit macht.

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