SZ +
Merken

Endstation Obdachlosenheim

Dresden will Wohnungslose schnell zurück in die eigenen vier Wände bringen. Doch in der Praxis hakt es.

Teilen
Folgen
© André Wirsig

Von Tobias Winzer

Thomas Pfersching hat das Lachen noch nicht verlernt. Mit ausgeprägtem Hamburger Dialekt erzählt der 54-Jährige seine Geschichte. Sie beginnt, als er ein Unternehmer mit 30 Angestellten war, und endet in dem Obdachlosenheim am Emerich-Ambros-Ufer. „Dass das Leben schon vorbei ist, das schlucke ich noch nicht“, sagt der selbstbewusste Mann mit Dreitagebart und halblangen grauen Haaren. Zusammen mit einem Bekannten aus dem Heim hat er in den vergangenen acht Monaten immer wieder versucht, eine eigene Wohnung zu bekommen – ohne Erfolg. Dabei will die Stadt solche Menschen wie ihn eigentlich unterstützen.

Obdachlos geworden ist Pfersching durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, wie er selbst sagt. Als er mit seiner Gebäudereinigungsfirma in Hamburg pleitegegangen ist, zieht es ihn zu seiner langjährigen Lebenspartnerin ins Erzgebirge. „Unser Plan war es, dass wir uns gemeinsam in Dresden wieder etwas aufbauen.“ Pfersching besorgt sich einen Job als Telefonverkäufer, er meldet seinen Wohnsitz in Dresden an. „Durch die Trennung bin ich dann obdachlos geworden.“ Seine Freundin setzt ihn vor die Tür. Er fährt zurück nach Hamburg und will sich dort wohnungslos melden, wird aber, weil er in Dresden gemeldet ist, zurück nach Sachsen geschickt. Auf dem Dresdner Hauptbahnhof erkundigt sich Pfersching bei Polizisten nach einem Notquartier. Das war am 12. Juli 2013. „Seitdem bin ich hier“, sagt er.

In dem zweigeschossigen Zweckbau teilt sich der Neu-Dresdner 15 Quadratmeter mit einem anderen Bewohner. Über die Zustände in dem Heim will er nicht viel sagen, darum geht es ihm nicht. Nur so viel: „Ich komme hier nächtelang nicht zum Schlafen.“ Deswegen sei an eine geregelte Arbeit auch nicht zu denken. Pfersching erzählt von Bränden, von Feuerwehr- und Polizeieinsätzen. Erst in den vergangenen Wochen sei es ein wenig ruhiger geworden. „Ich bin aber dankbar, dass ich hier untergekommen bin“, sagt er.

Seit dem vergangenen Jahr bemüht sich Pfersching um eine eigene Wohnung. Mehrmals sei er im Sozialamt gewesen, um sich eine Wohnung vermitteln zu lassen. Fünfmal habe er sich gleich am kommenden Tag beim Großvermieter Gagfah, dem die vermittelten Wohnungen gehören, gemeldet. „Immer hieß es, die Wohnung sei schon vermietet“, sagt Pfersching. „Das kann doch nicht sein.“

Als er sich im Februar auf eine Wohnung in der Schäferstraße bewirbt, bekommt er die Antwort: „Aufgrund der aktuellen Schufa-Auskunft nehmen wir, generell, von einer Vermietung Abstand.“ Die Schufa sammelt Informationen über die Zahlungskräftigkeit von Personen. Auf Anfrage bestreitet eine Gagfah-Sprecherin, dass ein Schufa-Eintrag generell ein Ablehnungskriterium sei. „Es liegt aber in unserem Ermessen, und es hängt immer vom konkreten Einzelfall ab.“

Macht es Leipzig besser?

Pfersching sagt, dass er wegen nicht gezahlten Unterhalts 12 000 Euro Schulden hat. „Aber auch wenn jemand Schulden hat, muss er doch eine Chance bekommen.“ Er argumentiert, dass die Miete direkt vom Jobcenter überwiesen würde, weil er Hartz-IV-Empfänger sei. „Wo ist da das Risiko?“ Außerdem müsse auch die Stadt ein finanzielles Interesse daran haben. Der Platz im Wohnheim kostet die Stadt 592 Euro im Monat. Selbst wenn sie die Miete für die eigene Wohnung komplett übernimmt, kommt sie günstiger.

Wie Pfersching lebten im vergangenen Jahr durchschnittlich 262 Personen in Heimen. Die Zahl ist stetig gestiegen. Das trifft auch für die jährlichen Ausgaben von derzeit 1,86 Millionen Euro für die Obdachlosenheime zu.

„Unser Ziel ist, niemanden dauerhaft in den Heimen zu behalten“, sagt die Leiterin des Sozialamtes, Susanne Cordts. Weil die Stadt aber seit dem Verkauf der Woba keinen eigenen Wohnungsbestand mehr hat, ist sie dabei auf die Hilfe von privaten Wohnungsunternehmen angewiesen. In Leipzig zum Beispiel kann die Stadt direkt mit dem eigenen Wohnungsunternehmen LWB verhandeln. Dort sind nach Angaben des Rathauses derzeit nur 94 Menschen in Übergangswohnheimen untergebracht.

In Dresden läuft das anders. Beim Großvermieter Gagfah hält die Stadt derzeit 10 000 Wohnungen mit Belegrechten. Dort werden diejenigen untergebracht, deren Wohnkosten vom Jobcenter übernommen werden. Wer Mietschulden hat oder mit anderen Zahlungen im Rückstand ist, kann aber trotzdem abgelehnt werden. Deshalb hält die Verwaltung zusätzlich noch 13 sogenannte Gewährleistungswohnungen für Wohnungslose bereit.

Diese mietet die Stadt an und vergibt sie an die Bedürftigen. Über mehrere Monate müssen sie dann nachweisen, dass sie sich an die Mieter-Pflichten wie Hausordnung oder Bezahlen der Stromrechnung halten. Außerdem wird mit Beratern ein Plan zum Schuldenabbau vereinbart. „Klappt das, stellen wir eine Mietschuldenfreiheitsbescheinigung aus, und sie können sich auf dem freien Wohnungsmarkt bewerben“, sagt Cordts. Bis 2016 soll die Zahl der Gewährleistungswohnungen auf hundert aufgestockt werden.

Thomas Pfersching gibt seinen Kampf für eine eigene Wohnung nicht auf. Er will sich nun Rat bei einem Anwalt holen, was er noch tun kann. „Ich bin nicht der Einzige, den das trifft“, sagt er. Die Leiterin des Sozialamtes, Susanne Cordts, ist überrascht, dass der gebürtige Hamburger so lange in einem Obdachlosenheim wohnen musste. „Das irritiert mich.“ Sie bietet ihm sogar persönliche Hilfe bei der Suche nach einer eigenen Wohnung an. „Da sollte eine Lösung möglich sein.“