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Was die Enkelin vom Lausche-Wirt erzählt

Wenn Freitag der Lausche-Turm eröffnet wird, berührt das eine Waltersdorferin ganz besonders. Charlotte Hörhold wird im Herzen dabei sein - und sich erinnern.

Charlotte und Eberhard Hörhold wohnen im Haus von Charlottes berühmten Großvater, dem Lausche-Wirt Alwin Weickert.
Charlotte und Eberhard Hörhold wohnen im Haus von Charlottes berühmten Großvater, dem Lausche-Wirt Alwin Weickert. © Matthias Weber/photoweber.de

Charlotte Hörhold wird sich in den Schatten hinter die Scheune setzen. Von ihrem Platz auf der Bank aus wird sie die Lausche direkt vor Augen haben. Sie wird hinaufschauen und dabei sein, wenn auf dem höchsten Berg des Zittauer Gebirges der neue Aussichtsturm eröffnet wird. Wenigstens in Gedanken.

Charlotte Hörhold ist 89 Jahre alt, und sie trägt die Lausche im Herzen. Selber wird sie nicht mehr hinaufsteigen können. Seit einem Schlaganfall geht sie an Krücken - und der Gipfel ist ja nach wie vor nur zu Fuß erreichbar. "Aber das macht nichts", sagt sie und lächelt tapfer. "Ich habe ja die vielen Bilder in den Schränken - und im Kopf." Sie hat die Fotos, die Broschüren, die Zeitungsausschnitte, die in ihrer Umgebindehaus-Stube in Waltersdorf ganze Schrankfächer füllen. 

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Das prächtige Umgebindehaus an der Auffahrt zur Lausche, in dem Charlotte und Eberhard Hörhold seit 23 Jahren wohnen, hat einst Charlottes Großvater gehört. Die 89-Jährige ist die Enkelin des berühmten Lausche-Baudenwirts Alwin Weickert. Seine Initialen "AW" sind im Schlussstein des kunstvoll verzierten Türstocks verewigt. Und auch sonst atmet das ganze Haus bis heute seine Geschichte.

Geschirr aus der alten Lauschebaude, die am Nachmittag des 8. Januar 1946 vollständig niederbrannte. Es wird Brandstiftung vermutet.
Geschirr aus der alten Lauschebaude, die am Nachmittag des 8. Januar 1946 vollständig niederbrannte. Es wird Brandstiftung vermutet. © Matthias Weber/photoweber.de
Eine historische Postkarte von der alten Lauschebaude.
Eine historische Postkarte von der alten Lauschebaude. © Matthias Weber/photoweber.de
Dieses Eselgespann versorgte die Baude auf der Lausche mit Wasser und Lebensmitteln. Die Esel brauchten keinen Führer, sie kannten den Weg.
Dieses Eselgespann versorgte die Baude auf der Lausche mit Wasser und Lebensmitteln. Die Esel brauchten keinen Führer, sie kannten den Weg. © Matthias Weber/photoweber.de
An Hörholds Scheune hängen noch die Geschirre der Lausche-Esel, die jahrelang das Wasser auf den Berg trugen. Nach dem Brand der Baude bekamen sie bei einem Hainewalder Bauern ihr Gnadenbrot.
An Hörholds Scheune hängen noch die Geschirre der Lausche-Esel, die jahrelang das Wasser auf den Berg trugen. Nach dem Brand der Baude bekamen sie bei einem Hainewalder Bauern ihr Gnadenbrot. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

"Kommen Sie mal mit!" Charlotte Hörhold ist ins Hinterhaus gehumpelt, das mal der Eselstall war. Ihr Mann Eberhard hat ihn ausgebaut. "Gucken Sie mal hier", zeigt sie stolz auf das Küchenbord mit den Tellern und dem Kaffeeservice. "Das ist das Geschirr, das der Opa nach dem Brand noch retten konnte." Seit dem Brand der Lauschebaude an einem klirrend kalten Januartag 1946 war der Gipfel der Lausche ohne ein Ausflugsziel. Die Brandstiftung konnte nie aufgeklärt werden.   

Alwin Weickert war nicht Charlottes leiblicher Großvater. Ihre Großmutter, bei der sie lebte, war 1945 aus Niederlichtenwalde (heute Dolni Svetla) von der anderen Seite der Lausche vertrieben worden und beim alten Lausche-Baudenwirt gelandet. Nur wenig später haben Oma Emma und Opa Alwin geheiratet. "Er war der beste Opa, den ich mir denken konnte", erzählt Charlotte. Als sie als Flüchtlingskind zum Arbeiten in die Buna-Werke nach Schkopau geschickt wurde, schrieb er ihr, sie solle doch wieder heimkommen, es sei nicht mehr schön in dem Haus ohne sie.   

Draußen am Scheunentor hat Eberhard Hörhold die Geschirre der alten Lausche-Esel zur Zierde aufgehängt. Jeden Tag haben die Esel in der "Butte", dem Wasserwagen, das Wasser vom Lauscheborn auf halber Höhe zum Gipfel gebracht. Und nicht nur das. "Der Opa hatte ein großes Megaphon", erzählt Charlotte Hörhold. "Mit dem hat er von oben ins Dorf gerufen: Kaaaaase, Butter, Broooot." Die Waltersdorfer Händler hätten den Eseln die Satteltaschen gefüllt und ihnen einen Klaps auf den Rücken gegeben. "Bergauf sind sie dann wieder alleine getrabt. Jeder im Ort hat die Esel gekannt."  

"Wenigstens ein Kiosk, das wäre doch schön"

Ihren Mann hat Charlotte auch in Waltersdorf kennengelernt. Über Silvester 1952/53 war Eberhard bei ihrer Familie als Feriengast einquartiert. Eisig kalt war das, minus 30 Grad. Später gingen beide in den Westen nach Baden-Württemberg - trafen sich wieder und sind inzwischen 62 Jahre verheiratet.

Ende der 1990er Jahre, als Rentner, sind sie zurückgekommen nach Waltersdorf, haben Opa Alwins altes Umgebindehaus übernommen und saniert. Und einen traumhaften Garten angelegt, der bis heute eines der schönsten Fotomotive im ganzen Zittauer Gebirge ist.

"Und als wir wieder hier in diesem Haus waren", sagt Charlotte, "da waren auch die ganzen Erinnerungen wieder zurück." Diese Aufregung, als das deutsche Militärflugzeug in den Lauschehang gekracht ist - im Februar '45. Alle vier Besatzungsmitglieder tot. Oder als der Zeppelin angeflogen kam. Sie hat auch noch jeden Stein im Gedächtnis auf dem Milchwegel, diesem kleinen Trampelpfad, auf dem sie so einigen Leuten zur Flucht über die Grenze verholfen hat. 

Charlotte Hörhold sitzt im Schatten hinterm Haus zwischen üppigen Fuchsien und Belargonien und blickt zum Berg hinauf: "Wenigstens einen Kiosk hätten sie doch bauen können", sagt sie versonnen. "Damit die Wanderer wenigstens ein bisschen was zu essen und zu trinken bekommen." Eberhard Hörhold winkt ab: "Das wird doch nichts mehr, Muttl. Die ganzen Auflagen, die da heute sind. Und keine Esel mehr, die das Wasser raufschleppen."

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Aber nun immerhin ein Aussichtsturm. Wie schön! "Wir werden hinter die Scheune geh'n und naufgucken", sagt Charlotte Hörhold. "Und machen Sie bitte viele Fotos, damit ich sehen kann, wie schön das dort oben auf der Lausche jetzt ist." 

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