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Der Vater der roten Doppeldecker

Heinrich Schuster hat mit der Hummelbahn begonnen und sie nach der Wende auch nach Dresden gebracht. Heute wird er 70 und denkt über E-Busse nach.

Heinrich Schuster vor seinen roten Doppeldeckern in Hamburg.
Heinrich Schuster vor seinen roten Doppeldeckern in Hamburg. © Rote Doppeldecker GmbH

Dresden. Das waren Zeiten! Viele Stunden war Heinrich Schuster im Januar 1990 unterwegs, um eine seiner Hummelbahnen nach Dresden zu bringen. Ältere Dresdner werden sich noch an die kleine Lokomotive mit Anhängern erinnern, die bis 1992 durch die Dresdner Innenstadt fuhr. Allerdings schaffte sie nur 30 Kilometer pro Stunde. Und ehe Unternehmer Schuster mit der kleinen Bahn über Landstraßen von Hamburg nach Dresden getuckert war, verging unendlich viel Zeit. "Ich kam auf Wunsch des  damaligen Bürgermeisters Wolfgang Berghofer, der meine Bahn gesehen hatte, als er seinen Amtskollegen in Hamburg besuchte. Die Städtepartnerschaft von 1987 wurde gleich nach dem Mauerfall aufgefrischt", sagt Schuster. Berghofer habe damals gesagt, dass er sich solch eine Bahn auch für Dresden wünsche. "Und so bin ich gekommen."

Inzwischen ist Schuster schon 30 Jahre in Dresden aktiv, seit 1992 mit den roten Doppeldecker-Bussen, der Stadtrundfahrt, die jeder Dresdner kennt. "Ich war der erste auf dem europäischen Festland, der so einen knallroten Bus aus London geholt hatte", sagt er. In Hamburg hat er dann den ersten oben öffnen lassen. Allerdings waren die Auflagen des Kraftfahrzeugbundesamtes enorm, erinnert er sich. 

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Die Maximalgeschwindigkeit durfte nur 25 Kilometer pro Stunde betragen, Betrunkene durften aus Sicherheitsgründen nicht mitfahren und in Dresden war auch die Fahrt unter den Oberleitungen der Straßenbahnen untersagt. "Das war das Aus für unsere offenen Busse in Dresden. Also fahren wir mit einem Segeltuchdach und offenen Seitenfenstern." Wenn Heinrich Schuster heute die vielen offenen Rundfahrtbusse in Berlin oder München sieht, ist er stolz, dass sich seine Idee so gut verbreitet hat.  

Seinen Hamburger Betrieb, wo natürlich auch rote Doppeldecker fahren, führt er weiterhin parallel zum Dresdner. Heute feiert Schuster seinen 70. Geburtstag. Für ihn kein Grund, nicht weiterhin aktiv zu bleiben. "Die Arbeit macht mir sehr viel Freude, ich arbeite hier mit jungen Menschen zusammen, was jung hält." Und oft holten sich Touristen auf einer Stadtrundfahrt den ersten Eindruck von Hamburg oder Dresden. "Ich glaube, wir haben da eine wichtige Aufgabe zu erfüllen", sagt Schuster.

Deshalb ist es ihm besonders wichtig, dass in seiner Dresdner Firma auch nur Dresdner arbeiten, von der Geschäftsführerin über die Gästeführer bis zum Fahrer. Fast 50 Mitarbeiter sind es. "Die müssen auch alle die herrliche Dresdner Mundart sprechen, die mir so gefällt!" 

Heike Weber beherrscht sie perfekt. Inzwischen seit 20 Jahren führt sie die Geschäfte für Heinrich Schuster in Dresden. "Er ist ein toller Chef, sehr sozial eingestellt, will immer, dass sich seine Mitarbeiter wohl fühlen", sagt sie über Schuster.  Auch technisch könne ihm keiner so schnell etwas vormachen, wenn er die sieben Dresdner Doppeldecker-Busse in der Halle kontrolliere. In den vergangenen Jahren hat er über zwei Millionen Euro in den Umbau seiner Busse gesteckt, damit sie den EEV-Standard erfüllen, das ist der gegenwärtig anspruchsvollste europäische Abgasstandard für Busse und Lkw. Drei der sauberen Busse fahren in Dresden. Inzwischen denkt Schuster sogar über E-Busse nach. "Aber das ist noch Brot von morgen", sagt er. 

"Für Ostdeutsche 10 DDR-Mark, für Westdeutsche zehn D-Mark"

Wenn er heute mit Freunden und Familie in seinem Harburger Bauernhof Geburtstag feiert, wird er vielleicht auch die Geschichte erzählen, dass er ab Februar 1990 ein halbes Jahr lang in seinem mitgebrachten Zirkuswagen geschlafen hat.  Die Dresdner Verkehrsbetriebe hatten damals noch einen Betriebshof an der Albertbrücke an der Elbe. Dort konnte er seinen Wagen abstellen. Täglich ist er selbst die Hummelbahn gefahren. "Bis Juli 1990 gab es ja noch DDR-Mark. Bei mir kostete die Fahrt 10 Mark, für Ostdeutsche 10 DDR-Mark, für Westdeutsche zehn D-Mark", sagt er. Da hätte es viele Diskussion mit Westdeutschen gegeben, die durch den inoffiziellen Umtauschkurs viel billiger hätten fahren können. Doch Heinrich Schuster blieb hart. 

Einer seiner Geburtstagswünsche ist, dass seine roten Doppeldecker einen besseren Startplatz in Dresden bekommen. Momentan halten sie vor dem Stadtmuseum auf der Wilsdruffer Straße. Das sei keine unattraktive Ecke, sagt Schuster. Aber eine, an der nicht so viele Touristen vorbeikommen. So hofft er, dass in Gesprächen mit der Stadt eine Lösung gefunden wird.

Heute  Abend wird er für seine rund 30 Gäste, darunter seine Frau, seine beiden Kinder und seine Enkel, selbst kochen. Den Kochberuf hat er einst gelernt. Und freut sich, es auch immer mal für seine Mitarbeiter in Hamburg tun zu können. "Der will mit seinen Leuten auf Augenhöhe arbeiten, ist überhaupt kein abgehobener Typ", sagt Claudia Hoffmann, die seit Kurzem als Schusters Betriebsleiterin in Dresden arbeitet.

Auf der Gorch Fock gekocht

Entspannung findet Heinrich Schuster am liebsten auf seinem Boot. Es ist der ehemalige Kommandantenkutter der Gorch Fock, zehn Meter lang und aus Mahagoni, mit Segeln und einem kleinen Motor. Mit ihm ist Schuster oft auf der Elbe unterwegs. "Ich kenne ihn noch aus meiner Zeit auf der Gorch Fock", sagt der Unternehmer. Von 1969 bis 1975 war er bei der Marine und auf dem berühmten Segelschulschiff unterwegs. Auch damals hat er dort gekocht.

Nach Dresden würde er gern öfter kommen als die vier Mal im Jahr. "Hamburg ist eine Weltstadt, hier ist es quirlig, alle sind beschäftigt", sagt er. In Dresden habe er immer das Gefühl, in eine andere Welt zu kommen. Alle seien gemütlich und herzlich. Das könnte auch einem seiner Enkel gefallen. Der 22-Jährige hat Interesse angemeldet, den Betrieb zu übernehmen. "Aber ich will ihn nicht bedrängen", sagt Heinrich Schuster.

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