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Görlitz

Er kümmert sich um Nöte der Schlaurother

Am 26. Mai werden in vier Görlitzer Stadtteilen auch Ortschaftsräte gewählt. Ein undankbarer Job, sagen viele. Und doch macht ihn Bernd Wünsche ihn seit Jahrzehnten.

1994 wurde Bernd Wünsche (67) gefragt, ob er nicht mitmachen wolle im Ortschaftsrat Schlauroth. Wollte er. Und er ist bis heute im Ortschaftsrat geblieben. Geduld musste er sich dafür angewöhnen.
1994 wurde Bernd Wünsche (67) gefragt, ob er nicht mitmachen wolle im Ortschaftsrat Schlauroth. Wollte er. Und er ist bis heute im Ortschaftsrat geblieben. Geduld musste er sich dafür angewöhnen. © Nikolai Schmidt

Bernd Wünsches Mutter wird dieses Jahr hundert Jahre alt. Sein Vater ist 97. Eigentlich wollte er deshalb nicht mehr für den Ortschaftsrat kandidieren, um mehr Zeit für die Eltern zu haben. Jetzt steht Bernd Wünsche aber doch wieder auf der Liste für den Schlaurother Ortschaftsrat.

Seit zehn Jahren schon ist er Ortsvorsteher, im Ortschaftsrat ist er bereits seit 25 Jahren. „Eine Pause war dabei“, erzählt er. Damals war er beruflich unter der Woche in Lübbenau, es ging zeitlich nicht mehr. „Dafür musste in der Zeit meine Frau übernehmen“, erzählt Wünsche mit einem Schmunzeln. Dabei dürfte der Ortschaftsrat das undankbarste aller kommunalen Gremien sein: viel Aufwand, wenig Einfluss. Trotzdem machen es manche über Jahrzehnte. In Schlauroth sind neben Wünsche auch Andreas Staude und Hubertus Prentkowski von Anfang an, seit der Eingemeindung 1994, dabei. In Kunnerwitz und Klein Neundorf haben sich zum Beispiel Andreas Pursche und Uwe Baumann seit Jahrzehnten im Ortschaftsrat engagiert, in Hagenwerder und Tauchritz sind Heide-Marie Paul und Thomas Zimmermann schon lange dabei.

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„Wir wollten den Ort zusammenhalten“, erzählt Bernd Wünsche. 1990, bei der ersten Gemeinderatswahl nach der Wende, übernahm er die Aufgabe als Wahlleiter. 1994 stand nach der Eingemeindung die erste Ortschaftsratswahl an. Wolfgang Gäbler, der erste Ortsvorsteher, habe ihn angesprochen, ob er nicht mitmachen wolle in dem neuen Gremium. „Und dann haben wir überlegt: Was wollen wir denn machen?“ Die Leute wieder mehr zusammenbringen, lautete die Antwort. Vor der politischen Wende habe es dafür mehr Gelegenheiten gegeben. „Morgens hat man sich an der Bushaltestelle getroffen, als man zur Arbeit gefahren ist.“ Nachmittags sah man sich im Konsum wieder. Aber den gab es bald nicht mehr, und viele Leute hatten auch die Arbeit nicht mehr. Bernd Wünsche selbst hat 27 Jahre im Kraftwerk Hagenwerder gearbeitet, war Elektriker und Ingenieur für Automatisierungstechnik. 1996, als die Lausitzer Braunkohleindustrie zu Vattenfall gehörte, wurde Wünsche eine neue Stelle als technischer Fortbilder in Lübbenau angeboten. Zehn Jahre lang unterrichtete er, bevor er 2004 in den vorzeitigen Ruhestand ging – und zurück in den Ortschaftsrat.

Der hatte sich von Beginn an stark um gemeinsame Veranstaltungen und Projekte, zum Beispiel das Hexenfeuer, gekümmert. Dadurch entstand auch der Heimatverein Schlauroth, eigentlich aus Versicherungsgründen: Für einen Verein war es damals einfacher, solche Veranstaltungen wie das Hexenfeuer versichern zu lassen. Seither arbeiten Ortschaftsrat und Heimatverein sehr eng zusammen. In Familiennachmittagen pflegten die Schlaurother ihre Streuobstwiesen, sie stellten die Schilder für den Trimm-dich-Pfad auf. Bis heute gehören in Schlauroth die Seniorenweihnachtsfeier, der Familiennachmittag beim Imker, die „Musik am Teich“, die Verkehrsteilnehmerschulung oder auch die Gemeindeausfahrt dazu. „Und wenn es drauf ankommt, sind die Leute auch immer da, um zu helfen“, sagt Bernd Wünsche. Das ist für ihn das Schönste an der Arbeit am Ortschaftsrat: Wenn alle mitmachen, „und am Ende sagen: Schön war’s“.

„Veranstaltungen der Heimatpflege und des Brauchtums in der Ortschaft“, das ist laut sächsischer Gemeindeordnung eine Aufgabe des Ortschaftsrates. Auch die Vereinsförderung und die Pflege des Ortsbildes. Aber es ist mehr. Die Verwaltung der Ortsteile liegt bei der Stadt. Aufgabe der Ortschaftsräte ist es, an die Stadt heranzutragen, wo es klemmt, wo wichtige Baustellen sind. Grundlage dafür sind die Protokolle aus den Ortschaftsratssitzungen, in denen die aktuellen Probleme und Vorhaben im Ortsteil diskutiert werden und die an die Stadt geschickt werden. Zwar hat der Ortschaftsrat ein Budget, eine Einwohnerpauschale zur Verfügung, aber sehr weit kommt damit eben nicht. Für größere Vorhaben braucht es die Unterstützung der Stadt. Und Geduld. „Man muss oft lange den Finger drauf halten. Das ist etwas, daran muss man sich gewöhnen“, sagt Wünsche. In den Stadtratsitzungen sieht man ihn meistens. Dort haben die Ortsvorsteher Rederecht, können ihre Meinung und ihre Themen einbringen, „aber ich habe zum Beispiel kein Stimmrecht“, erklärt Wünsche. Hinschmeißen wollte er aber nie. Auch deshalb nicht, weil es am Ende eben meist doch funktioniert.

So wie jetzt bei dem neuen Ortschaftszentrum. Dass das entstehen soll, steht im Eingemeindungsvertrag von 1994. Jetzt steht es auch im Görlitzer Haushalt. Das ist auch ein Grund, warum Wünsche sich jetzt doch noch mal zur Wahl gestellt hat. Nach dem langen Atem würde er auch gerne als Ortschaftsrat dabei sein, wenn das neue Zentrum tatsächlich gebaut wird. „Es ist einfach schön, wenn man wahrgenommen wird, wenn etwas passiert für den Ort.“

Er und die anderen altgedienten Ortschaftsräte von Schlauroth könnten das nach den vielen Jahren auch anderen überlassen. Fünf Mitglieder hat der Schlaurother Ortschaftsrat, acht Kandidaten können sich zur Wahl stellen, „und wir hatten dieses mal sogar neun Interessenten. Darüber habe ich mich richtig gefreut“, erzählt Wünsche. Sollte er noch mal gewählt werden, dann würde er die Möglichkeit gerne nutzen, der neuen Generation den Start zu erleichtern. Und wenn nicht? „Dann bleibe ich trotzdem Ortschaftseigentum.“

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