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Bischofswerda

Er will schmerzfrei leben, jetzt muss er vor Gericht

Wegen unerlaubtem Anbau von medizinischem Hanf ist ein Putzkauer angeklagt. Doch er steht dazu, was er getan hat.

Frank Czymek kämpft für sein Recht auf Schmerzfreiheit. Der Schriftwechsel mit Behörden, Krankenkasse und Gerichten umfasst inzwischen mehrere dicke Aktenordner, die einen ganzen Wäschekorb füllen.
Frank Czymek kämpft für sein Recht auf Schmerzfreiheit. Der Schriftwechsel mit Behörden, Krankenkasse und Gerichten umfasst inzwischen mehrere dicke Aktenordner, die einen ganzen Wäschekorb füllen. © Steffen Unger

Putzkau. Weil er auf seinem Grundstück in Putzkau medizinischen Hanf für den Eigenbedarf angebaut hat, muss sich Frank Czymek vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft Görlitz habe bereits Ende Februar Anklage wegen unerlaubtem Anbau von Betäubungsmitteln „in nicht geringer Menge“ erhoben, sagte jetzt Staatsanwalt Christopher Gerhardi auf Anfrage der SZ.

Das zuständige Schöffengericht am Amtsgericht Bautzen hat die Anklage bereits zugelassen und das Hauptverfahren eröffnet. Ein Termin für die Hauptverhandlung wurde jedoch noch nicht bestimmt. Bei einer Verurteilung könne das Amtsgericht maximal eine Freiheitsstrafe von vier Jahren verhängen, sagte Christopher Gerhardi.

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Rückblende: Im Sommer vergangenen Jahres beschlagnahmte die Polizei auf dem Grundstück in Putzkau 15 Hanfpflanzen. Frank Czymek, der als Folge eines zu spät erkannten Zeckenstiches seit Jahren an Lyme-Borreliose leidet, hatte sie angebaut, um mit dem daraus gewonnen Extrakt seine starken Schmerzen zu lindern. Für den Mittfünfziger war es eine Art Selbsthilfe, nachdem es seine Krankenkasse abgelehnt hatte, die Kosten für ein Cannabismedikament zu übernehmen. Mit der am 10. März 2017 in Kraft getretenen Änderung des Betäubungsmittelgesetzes können Menschen, die beispielsweise an Krebs, Multipler Sklerose oder einer anderen schweren Krankheit leiden, von ihrem Arzt Cannabismedikamente verschrieben und durch ihre Krankenkasse finanziert bekommen. Frank Czymek schöpfte Hoffnung – und wurde enttäuscht. Seinen Antrag auf Kostenübernahme lehnte die Krankenkasse auf Grundlage eines Gutachtens des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) ab. Die Gutachter sahen weder die verordnungsbegründende Diagnose Neuroborreliose als gesichert an, noch die Vorgaben des Gesetzgebers zur Kostenübernahme erfüllt, sagte eine Sprecherin der Krankenkasse im Sommer 2018 der SZ. Nach der polizeilichen Durchsuchung machte Frank Czymek im August 2018 seinen Fall öffentlich. Die SZ berichtete. Das Echo war enorm. Auf Facebook, in Anrufen und Gesprächen gab es viel Mitgefühl, Ermutigungen und auch einige Hilfsangebote. Eine Frau aus Bischofswerda, die an Multipler Sklerose erkrankt ist und von ihrer Krankenkasse Cannabismedikamte bewilligt bekam, kam zu ihm nach Putzkau raus, um mit ihren Erfahrungen zu helfen. Für ein paar Tage sei er richtig aufgelebt, berichtet Frank Czymek.

Auf eine Klage folgt die nächste

Die Krankheit nimmt ihm jede Lebensqualität. Seit dem Jahr 2012 ist er arbeitsunfähig. Nach langem Kampf wurde ihm im vergangenen Jahr die Pflegestufe 1 zuerkannt. Um eine Erwerbsminderungsrente, befristet für zwei Jahre, zu beziehen, musste er vor dem Sozialgericht klagen. Einen großen Teil der damit verbundenen Nachzahlung habe das Job-Center einbehalten – als Kompensation für die in dieser Zeit gezahlten Sozialleistungen, berichtet der Putzkauer. Spätestens im August muss er einen Folgeantrag stellen, um die Rente ab Januar 2020 weiter zu bekommen. Zwei Klagen gegen seine Krankenkasse sind vor Sozialgerichten seit den Jahren 2016 bzw. 2017 anhängig – eine in zweiter Instanz am Sozialgericht Chemnitz wegen einer Behandlung in einer Spezialklinik, deren Finanzierung seine Krankenkasse ablehnte, die zweite vor dem Sozialgericht Dresden wegen des abgelehnten Antrages auf ein Cannabismedikament. Der Schriftverkehr mit Krankenkasse, Behörden und Gerichten umfasst mittlerweile mehrere Aktenordner, die einen Wäschekorb füllen.

Nur Linderung, keine Heilung

Frank Czymek stellte einen zweiten Antrag auf Kostenübernahme des Cannabismedikamtes durch seine Krankenkasse. Auch der wurde abgelehnt. Doch immerhin kommt der begutachtende Arzt des MDK jetzt zu dem Schluss, „dass im hier vorliegenden Fall eine schwerwiegende Erkrankung im Sinne von § 31 Absatz 6 SGB V anzunehmen“ sei. In dem genannten Paragrafen im Sozialgesetzbuches V heißt es unter anderem: „Versicherte mit einer schwerwiegenden Erkrankung haben Anspruch auf Versorgung mit Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten in standardisierter Qualität ...“. Zugleich werden eine Reihe von Ausschlusskriterien genannt, auf die sich auch der Gutachter im vorliegenden Fall bezieht. Laut dem der SZ vorliegenden Bescheid der Krankenkasse könne der Gutachter „nicht bestätigen, dass eine (andere – d. Red.) allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung nicht zur Verfügung steht bzw. diese nachvollziehbar begründet nicht zum Einsatz kommen kann“. Zunächst müsse geklärt werden, auf welche Erkrankung die hier vorliegende Mononeuritis multiplex – dabei handelt es sich um Schädigungen des Nervensystems infolge einer Entzündungsreaktion – zurückzuführen sei, schreibt die Krankenkasse unter Berufung auf den MDK. Frank Czymek weiß, dass seine Schmerzen nur gelindert werden können, dass es für ihn keine Heilung gibt. „Wie kann man einen Menschen nur so hängen lassen? Ich habe ein Recht auf Schmerzfreiheit“, sagt er.

Legale Medikamente unsäglich teuer

Der Putzkauer ist kein Einzelfall. Das Magazin „Exakt“ des MDR berichtete vor wenigen Tagen von einem ADHS-Patienten, der Hanfpflanzen in seiner Wohnung heimlich anbaut, weil auch ihm die Krankenkasse die Kostenübernahme von Cannabismedikamten verwehrt. Der Anbau in der Wohnung ist illegal. Doch mit einem von seinem Arzt ausgestellten Privatrezept könnte er sich diese Medikamente legal in der Apotheke kaufen. Das würde ihn monatlich einen vierstelligen Betrag kosten. Geld, das die meisten Patienten nicht haben. „Es kann doch nicht sein, dass schwer kranke Menschen kriminalisiert werden“, sagt Frank Czymek, der immer wieder versichert, ausschließlich medizinischen Hanf für den Eigenbedarf angebaut zu haben.

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Nachdem die Polizei vor knapp einem Jahr seine Hanfpflanzen beschlagnahmte, versucht er, unter anderem durch Saunabesuche und Hitzebehandlungen seine Schmerzen in Grenzen zu halten. An den Vormittagen gehe es ihm schlecht, an den Nachmittagen etwas besser, abends nehmen die Schmerzen wieder stark zu, beschreibt Frank Czymek seinen Alltag. Befragt nach seinen Gefühlen angesichts des bevorstehenden Gerichtsprozesses sagt er: „So richtig darüber nachdenken kann ich nicht. Die Schmerzen sind größer als die Angst vor einer Strafe. Auf diesem Level bin ich angekommen.“

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