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Erdbebenwellen schrecken auf

Die enormen Erdstöße vom Wochenende sind erst der Anfang. Im deutsch-tschechischen Grenzgebiet kann die Erde jetzt noch wochenlang weiterwanken.

© Grafik: SZ/Grunwald

Von Stephan Schön

Seit einer Woche ist die Erdkruste unter dem deutsch-tschechischen Grenzgebiet in Bewegung. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Nach Jahren der Ruhe ist nun noch wochenlang mit Beben bis zur Stärke 3, eventuell auch stärker zu rechnen. Das wissen die Geophysiker aus vorangegangenen Bebenserien in dieser Region.

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Diese Beben-Risikokarte zeigt, wo die stärksten Zerstörungen in Deutschland zu erwarten sind. Doch die Karte sagt nicht, wann. Grafik: GFZ
Diese Beben-Risikokarte zeigt, wo die stärksten Zerstörungen in Deutschland zu erwarten sind. Doch die Karte sagt nicht, wann. Grafik: GFZ

Wenn sich auch derzeit die gesamte Bebenaktivität auf den tschechischen Ort Novy Kostel konzentriert, so sind ebensolche Beben im Vogtland, im Erzgebirge, bis an Leipzigs Süden heran und selbst in Chemnitz möglich.

Nach den heftigen Erdstößen vom Sonnabend seien jetzt aber nur noch geringere Stärken zu erwarten, sagt Stefan Buske, Geophysikprofessor an der Bergakademie Freiberg. Sein Professorenkollege Torsten Dahm vom Geoforschungszentrum Potsdam will sich da noch nicht festlegen. Gleich nach dem Interview packt er in Potsdam die Sachen und Messgeräte. Er reist mit seinem Team in die Bebenregion.

Was kommt da noch?

Seit Jahrhunderten bebt es in dieser Region immer wieder. Exakte Messungen gibt es aber erst seit etwa 100 Jahren. Daher wissen die Geophysiker ziemlich genau, dass diese Bebenserien oftmals mit Hunderten einzelnen Ereignissen daherkommen. Doch dieses Beben ist anders als andere. Nicht nur, dass es das stärkste seit mehr als 100 Jahren war. Sonst fing es immer ganz anders an. Zunächst nur für Messgeräte spürbar, ganz sacht. Stärke 1, 2. Dann nach Tagen oder Wochen des Rüttelns erst die 3, ganz selten die 4. Und danach Schluss.

Nun aber startet die neue Bebenserie aus der Ruhe heraus gleich mit 4,2 bis 4,6. Das war vergangene Woche. Und am Sonnabend rüttelt ein noch stärkeres Beben die Region durch. „Die Frage ist, was kommt nun noch alles“, sagt Dahm. „Ich kann jedenfalls nicht davon ausgehen, dass dies schon alles gewesen ist.“ Die Prognose, was da alles noch folgen kann, ist deshalb so schwierig, weil die Forscher bis heute nicht genau wissen, was denn überhaupt zu diesen Beben führt. Sie entstehen anders als die verheerenden Beben an der amerikanischen Pazifikküste oder auch in Japan. Eben nicht dadurch, dass hier zwei Erdplatten kollidieren. Da stecke eine komplett andere Geomechanik drin, sagt der Freiberger Forscher im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung.

In acht Kilometern Tiefe drückt eine Magmablase gegen die Erdkruste. Dabei, so die gegenwärtige These, entstehen die Erdbeben im deutsch-tschechischen Grenzgebiet. Nur bewiesen werden muss das noch. Ein neues Großprojekt des Geoforschungszentrums Potsdam (GFZ) könnte das Rätsel der Schwarmbeben vielleicht lösen. Ab dem kommenden Jahr sollen Bohrungen in und um die jetzt so aktive Bebenregion in die Erde gedrillt werden. Sensoren könnten darin dann direkt am Puls der Erde lauschen. Wichtig ist dies, um vielleicht einmal vor künftigen Beben warnen zu können. Denn ein Risiko für Gesundheit und Werte geht durchaus von ihnen aus.

In die Zukunft lässt sich zwar nicht schauen, aber es gibt eine Risikokarte für Deutschland. Messungen der letzten hundert Jahre und Berichte über Zerstörungen sind dort in künftige Wahrscheinlichkeiten umgerechnet. Anders als die Bebenstärke wird in dieser Karte die Intensität möglicher Beben angegeben. Also das, was an Zerstörungen entsteht. Sachsen ist auf dieser Beben-Risikokarte eine der am stärksten bedrohten Regionen.

Nicht die Stärke der Beben ist für die Folgen entscheidend, sondern auch die Tiefe in der Erde. Mehr als die Bebenstärke sagt daher diese Intensitätsskala aus. Sie nennt das, was zu spüren ist. Sie definiert die einzelnen Stufen über die maximal möglichen Zerstörungen. Auf dieser Intensitäts-Skala erreichte das Beben von Novy Kostel demnach bereits die Stufe V-VI. Ein solches Beben wird von den meisten Personen wahrgenommen. Viele Personen in Gebäuden erschrecken und flüchten nach draußen. Kleine Gegenstände fallen herunter. Schäden an normalen Gebäuden entstehen. Möglich wäre im Vogtland durchaus noch etwas mehr. Südlich Leipzigs sogar die Stufe VII mit schweren Schäden.

Nur wann so etwas passiert, das kann eben selbst der beste Geoforscher nicht sagen. Den Ingenieuren und Architekten helfen solche Karten dennoch enorm. Wissen sie doch, mit welchen Risiken sie bauen. So wird eben ein Turm, eine Chemiefabrik, ein Kraftwerk, ein Staudamm im Vogtland anders aussehen müssen als in Mecklenburg. Wer in Novy Kostel jetzt ein Haus baut, sollte Kamin und Mauern stabiler errichten. Diese Region bleibt offenbar noch auf Jahre von Erdbeben gefährdet.

Wer spürt die Bebenwellen mehr?

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Glutflüssiges Magma drückt von unten gegen das Erzgebirge und das Vogtland. Die Beben im deutsch-tschechischen Grenzraum entstehen offenbar dann, wenn das Gestein mal ein paar Zentimeter nachgibt.

Da die Beben im Erzgebirgsraum so nah an der Oberfläche entstehen, sind sie selbst bei geringer Stärke schon weithin spürbar. Das ist ein Grund dafür, dass das Beben vom Sonnabend noch weit mehr als 100 Kilometer zu merken war – wenn nicht gerade ein Lkw vor dem Haus vorbeirumpelte. Warum letztlich manche das Beben bemerken und andere wiederum nicht, hat jedoch nichts mit „Bebenfühligkeit“ zu tun. Mehr schon mit Konzentration, Ablenkung und der Umgebung. Oder ob man gerade in einer Wachphase des Schlafes ist oder im Tiefschlaf. Und noch ein Effekt ist der Wissenschaft inzwischen bekannt: Manche Untergründe, vor allem Sand und torfige Böden, können die Bebenwellen sogar verstärken. Und das kann sogar zu Schäden weiter weg vom Bebenzentrum führen.