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Görlitz

Erdbeer-Prinzessin holt Erntehelfer in Görlitz ab

Bei Sophia Müller in Oberkirch in Baden hat die Erdbeersaison begonnen. Ungünstig, wenn keine Erntehelfer da sind.

Auch Grenzregion, aber auf der anderen Seite Deutschlands: In Oberkirch in Baden-Württemberg ist Sophia Müller Juniorchefin des Obstbaus Müller.
Auch Grenzregion, aber auf der anderen Seite Deutschlands: In Oberkirch in Baden-Württemberg ist Sophia Müller Juniorchefin des Obstbaus Müller. © privat

Die Tage Anfang April waren für Sophia Müller besonders hart. „Wir hatten noch mal Frost bekommen“, erzählt sie. Nicht gut für die Erdbeeren. Und dann erreichte sie die Nachricht, dass Polen die Grenzen auch für Berufspendler schließt. Nicht gut für die Ernte, bei der Familie Müller seit vielen Jahren mit polnischen Helfern zusammenarbeitet.

Riesige Hilfsbereitschaft für Obstbauern

„Aber die Hilfsbereitschaft ist riesig“, erzählt Sophia Müller. Die 22-Jährige arbeitet im elterlichen Obstbau-Betrieb in Oberkirch, eine Stadt nahe der deutsch-französischen Grenze. Den Obstbau Müller gibt es seit mehreren Generationen. Mit Sophia Müller steht die nächste in den Startlöchern. Sie ist gelernte Gärtnerin im Obstbau. Nach ihrer Ausbildung wurde sie zunächst Prinzessin: Die Gegend ist eine große Weinregion und Sophia Müller war 2017 die Weinprinzessin von Oberkirch. Die Krone hat sie nach einem Jahr wieder abgeben müssen, dafür ist sie inzwischen Juniorchefin des Obstbaus Müller, ihr Vater ist der Chef.

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„Wir wussten nicht so richtig, was wir machen sollten“

Dem kleinen Betrieb gehört zwar kein Weinberg, dafür aber unter anderem fünf Hektar Erdbeerfelder. Und die ersten – die in den Folientunneln wachsen – sind jetzt reif. „Wir wussten nicht so richtig, was wir machen sollten“, erzählt Sophia Müller. Viele Oberkircher haben Hilfe bei der Ernte angeboten, darunter die örtliche Fußballmannschaft. „Das ist Wahnsinn“, sagt Sophia Müller. „Aber wir wollten auf unsere polnischen Leute nicht gerne verzichten.“

Etwa 20 Erntehelfer aus Polen sind jedes Jahr für mehrere Wochen bei Müllers im Einsatz. Bei der Hälfte handelt es sich meist um wechselnde, neue Gesichter. Die andere Hälfte, also etwa zehn Erntehelfer, kennt die Familie dagegen seit Jahren.

Würde überhaupt jemand kommen wollen?

Es ist Spagat, sagt Sophia Müller. Auf der einen Seite wisse sie gerade von den langjährigen Helfern, dass die sechs Wochen Erntezeit für sie finanziell wichtig sind. Auf der anderen Seite stand die Frage, ob in der jetzigen Situation überhaupt jemand zu ihnen würde kommen wollen. Und falls ja, wie? Müllers besprachen sich mit ihrem Vorarbeiter, der schon länger vor Ort ist. Er stammt aus der polnischen Grenzregion, „er ist immer schon etwas früher bei uns“. Und nahm Kontakt auf zu den Erntehelfern. Und einige wollten kommen. Normalerweise reisen sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, meist per Bus, von Polen nach Baden-Württemberg. „Aber viele Busse sind ja nicht mehr gefahren“. Dazu die Frage: Wie sind nun eigentlich die Regeln? Erntehelfer dürfen zwar im Einsatz sein, aber unter strengen Auflagen.

„Wir haben dann einfach beim Hauptzollamt in Görlitz angerufen, was möglich ist.“ Die Stadt kannte Sophia Müller bislang nicht, jetzt ist Görlitz ihr ein Begriff. Für die Erntehelfer war Zgorzelec-Görlitz der günstigste Grenzübergang. „Die Leute beim Hauptzollamt waren supernett und haben uns alles erklärt.“ Zum Beispiel, dass es gut wäre, wenn die Erntehelfer direkt an der Grenze ihre Arbeitsverträge in der Hand hätten. Damit sie zum Beispiel dort oder auch innerhalb Deutschlands nachweisen können, dass es sich um einen Arbeitsweg handelt, dass sie zu einer mindestens dreiwöchigen Arbeitsaufnahme nach Baden-Württemberg reisen. 

Mit Transporter und Verträgen nach Görlitz

Mit den Arbeitsverträgen und einem Transporter machte sich der Vorarbeiter auf den Weg nach Görlitz, um seine Kollegen abzuholen. Für alle wäre Abstandhalten in dem Fahrzeug aber nicht möglich gewesen, deshalb kamen andere mit ihren privaten Autos zur Grenze. 15 Erntehelfer sind nun bei Müllers in Oberkirch.

Einige wollten dagegen nicht kommen. Aus Sorge, sich in Baden-Würtemberg mit dem Corona-Virus zu infizieren. "Hygiene steht bei uns an allererster Stelle“, sagt Sophia Müller. Abstand halten sei bei der Ernte auch nicht das Problem. „Wir machen es so, dass pro Tunnel höchstens zwei bis drei Leute arbeiten“, erklärt sie. Schutzmasken hat die Familie für die Helfer gekauft, die Unterkünfte mit Desinfektionsmitteln ausgestattet.

Bis Ende Mai oder Anfang Juni werden die Erntehelfer bleiben. In der Hoffnung, dass dann die Regelungen in Polen etwas gelockert sind. Eine erste Stufe der Maßnahmenlockerung gilt auch dort ab Montag. Die Grenzschließung allerdings bleibt noch mindestens bis zum 3. Mai bestehen. Wer also aus Deutschland zurück nach Polen reisen möchte, muss sich dort zunächst in eine 14-tägige Quarantäne begeben.

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