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Kamenz

Neue Ergotherapie in Pulsnitz

Kirsten Gärtner rückt mit ihrem Angebot näher zu den Patienten und beweist damit Mut.

Kirsten Gärtner eröffnete in Pulsnitz eine neue Ergotherapie. Sie will näher an ihre Patienten dort rücken.
Kirsten Gärtner eröffnete in Pulsnitz eine neue Ergotherapie. Sie will näher an ihre Patienten dort rücken. © Mattias Schumann

Pulsnitz. Gelb und grün dominieren im Warteraum der Praxis für Ergotherapie von Kirsten Gärtner. Nicht nur weil es fröhliche Farben sind. Es sind auch die Firmenfarben mit Wiedererkennungseffekt. In Pulsnitz eröffnete die Ergotherapeutin in dieser Woche ihre dritte Niederlassung. Vor 21 Jahren startete sie in Großröhrsdorf, später kam Dresden-Weißig dazu, nun Pulsnitz.

In einem geschichtsträchtigen Gebäude ist die Praxis entstanden: im früheren Herrenhaus am Schloss. Das war in baufälligem Zustand. Die Firma Roth Bau gab dem denkmalgeschützten Gebäude alten Glanz zurück. Wobei nach zwei Umbauten von der historischen Substanz nicht mehr viel vorzufinden war. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Gaststätte eingerichtet und von der Schlossverwaltung verpachtet worden. Im zweiten Stock war früher ein Saal. Hier wurde zum Tanz aufgespielt.

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Das Warten lernen

Wobei es eigentlich eher Wohn- und Wirtschaftsgebäude war. Im Erdgeschoss erwartet nun die Ergotherapie Kirsten Gärtner ihre Patienten. Darunter viele Kinder, die erst noch lernen müssen, dass manchmal auch etwas Wartezeit einzuplanen ist. Dafür gibt es eine Spielecke mit Kugelbahn. „Unsere 20-jährige Erfahrung ist in die Praxis eingeflossen“, sagt Chefin Kirsten Gärtner. Eine ruhige Atmosphäre im Warteraum und Diskretion am Tresen.„Wir haben bereits viele Patienten aus PuIsnitz. Ihnen sind wir jetzt entgegengekommen und leichter erreichbar. Es ist ein Glück, dass wir so einen zentralen Standort gefunden haben.“ Das sei dem beruflichen Kontakt zur Pulsnitzer Kinderärztin Janet Roth zu verdanken gewesen.

Hier arbeiten die Therapeuten mit Kindern und  bringen Babys beim Krabbeln auf dem Riesenball in Bewegung. 
Hier arbeiten die Therapeuten mit Kindern und  bringen Babys beim Krabbeln auf dem Riesenball in Bewegung.  © MS_2018_copyright

Kirsten Gärtner kann jetzt aufatmen. Nach einem wilden halben Jahr mit der Praxisbaustelle können die Patienten kommen. Da und dort fehlt noch eine Kleinigkeit, eine Lampe oder Werkzeug für den Werkraum. Die Ergotherapeutin lobt den Bauherren, der auf ihre Wünsche und Vorstellungen eingegangen sei: „Wer heute die Praxis sieht, kann sich kaum vorstellen, dass hier vor einem Jahr rohe Bruchsteinmauern waren“, sagt sie. Einer guckt als Erinnerungsstück noch aus der Wand. Allerdings versteckt in einem Schrank. Wegen des Brockens musste die Schrankrückwand aufgesägt werden – eine kuriose Idee.

Krabbeln auf dem Ball

Der erste Therapieraum ist ganz auf Kinder ausgerichtet. Ein gewaltiger roter Ball fällt ins Auge, fast anderthalb Meter im Durchmesser. Der große Ball ist für die ganz Kleinen, die Babys. Wenn sie nicht krabbeln wollen, regt der Gummiball zu spontaner Bewegung an. Auf dem Boden liegt ein Hüpfspiel-Teppich. Fuß- und Haltungsprobleme oder Verzögerungen in der Entwicklung bei Kindern werden hier behandelt. Die Chefin sagt: „Die Arbeit beginnt bei den Babys und endet bei den Senioren.“ Für sie steht nebenan die Liege mit Sonderbreite. Zum Beispiel für Schlaganfallpatienten. Sie können hier gefahrlos Drehbewegungen üben oder den Transfer in den Rollstuhl bewältigen. Eine Kommode beherbergt den Fundus an Utensilien für die Handtherapie. Dazu gehört ein Paraffinbad. Das heiße Wachs lindert auch Beschwerden bei Arthrose und Rheuma.

„Wir geben den Menschen Hilfe, damit sie den Alltag besser bewältigen lernen. Einfache Dinge, zum Beispiel wie sie eine Dose oder einen Knopf öffnen können“, sagt Alexander Gärtner. Er ist der Handfachmann mit Zusatzausbildung. Kirsten Gärtners Schwiegertochter Anna ist die fachliche Beraterin im Familienbetrieb. Und Kirsten Gärtners Mann packt quasi im Nebenjob ebenfalls mit an. Er kümmert sich um technische Dinge und Büroarbeiten. 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in den drei Praxen insgesamt für die Patienten da. Jede hat ihre Spezialisten. In Pulsnitz zum Beispiel für das Thema Linkshändigkeit. Eltern bekommen Beratung, Kinder Training. In Weißig finden taubblinde Menschen Experten. Oder besser Expertinnen. Denn die Frauen sind in dem Beruf offenbar deutlich in der Überzahl.

Im Sportsaal haben die Klettergriffe lustige Gesichter. Aber die Kinder sollen sich davon nicht ablenken lassen, sondern konzentriert nach oben steigen.
Im Sportsaal haben die Klettergriffe lustige Gesichter. Aber die Kinder sollen sich davon nicht ablenken lassen, sondern konzentriert nach oben steigen. © MS_2018_copyright

Neuanfang nach der Wende

Einige Türen weiter ist ein Bewegungsraum für die Kinder mit Kletterwand entstanden. Hier geht der Ergotherapeut auf Ursachenforschung für bestimmte Defizite. Kirsten Gärtner spricht von motorischen Auffälligkeiten ebenso wie Lernproblemen. Beim Klettern können Mädchen und Jungen trainieren, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Sogar ein Werkstatt-raum gehört zum Konzept, der eher für Erwachsene geeignet ist. Ein ganzes Arsenal von Werkzeugen ist in den Schränken verstaut. Nur der Platz für die Standbohrmaschine ist noch frei. Töpfern, Sägen, Schrauben helfe Menschen nach Operationen, Unfällen oder anderen Erkrankungen, ins Arbeitsleben zurückzufinden.

Das sanierte Herrenhaus in Pulsnitz.  Im Erdgeschoss befindet sich jetzt die Ergotherapie.
Das sanierte Herrenhaus in Pulsnitz.  Im Erdgeschoss befindet sich jetzt die Ergotherapie. © René Plaul

Das musste auch Kirsten Gärtner vor Jahren, aber aus anderen Gründen. Wie viele Ostdeutsche in den Wendejahren nach 1990 musste auch Kirsten Gärtner umsatteln und ganz neu anfangen. Ihr Wunschberuf Physiotherapeutin sei für eine Umschulung damals leider nicht angesagt gewesen. Aber Ergotherapeut: „Ich wusste damals gar nicht, was das ist“, erinnert sie sich. Sie ging auf das Angebot ein.

„Ich habe es nie einen Tag bereut. Mein Leben ist die Ergotherapie“, sagt sie heute. Es sei die Mischung aus psychologischer und medizinischer Arbeit, Pädagogik und Beratung. Dazu komme ein gutes Gefühl, wenn es gelingt, Menschen Lebensqualität zurückzugeben. Mit dieser Liebe zum Beruf hat sie ihre Kinder angesteckt – und nun ihre dritte Praxis in Pulsnitz. Sohn Alexander sagt, es sei schon mutig, wenige Jahre vor dem Ruhestand diese Neueröffnung anzupacken. Veränderungen seien gut, aber zugleich eine sensible Sache, sagt die Chefin. Deshalb verdiene ihr Team ein großes Dankeschön. Ohne die Mannschaft wäre das alles nicht zu schaffen gewesen.

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