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Erinnerungen an ein schönes Leben

Manfred Krug ist spürbar gealtert. Aber seine Stimme ist noch immer jung und kräftig.

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Als Claus Pfeiffer aus dem niedersächsischen Bielefeld erfuhr, dass Manfred Krug im Großenhainer Kulturschloss liest, machte er sich sofort auf den Weg. Es ist mittlerweile ein Glücksumstand, den bekannten Darsteller live zu erleben. Denn nach seiner langen Krankheit ist der 76-Jährige seit November erst dreimal aufgetreten. Claus Pfeiffer aber verehrt ihn schon sein ganzes Leben. „Ich habe im Westen früher DDR-Fernsehen geguckt und Krug als Stülpner Karl gesehen“, erzählt der Sozialarbeiter. Wie frei der gespielt hat, das fand der Niedersachse richtig gut. Alte Filmzeitschriften mit Manne Krug hat er mitgebracht. Jetzt erhascht er ein Autogramm darauf. „Auch seine Musik war spitze“, schwärmt der Bielefelder.

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Sinn für intelligenten Humor

Doch als Manne Krug vor fast ausverkauftem Haus etwas wacklig auf die Bühne tritt, erkennen ihn viele kaum wieder. Schmal ist der Mann geworden, der einen Altherrenpullover mit roten Rhomben trägt. Sein Haar ist schütter, das Gesicht eingefallen, die Nase gerötet. Krug setzt sich an den mit Goldstoff eingeschlagenen Tisch und beginnt zu lesen: Eine sehr lange Kurzgeschichte, selbst geschrieben.

Je mehr er sich in den Text steigert, der von einem Tänzer handelt, der den Kuckuck in einer riesigen Kuckucksuhr spielt, desto ähnlicher wird sich Manne Krug. Seine Bassstimme ist etwas kratzig, aber immer noch markant wie früher. Sie fiebert mit dem Text mit, holt – mal laut, mal leise – auch die winzigste Pointe gekonnt aus dem Stück heraus. In Gedanken hört man den Schauspieler quasi die legendäre Story von Gregori Kosonossow und der Kuh im Propeller vortragen. Wie Manfred Krug damals seine Zuhörer mit dem aberwitzigen Versuch einer sowjetkommunistischen Agitation zum Lachen brachte, so gelingt ihm das auch heute: Er liest die Geschichte eines unbekannten Verfassers über einen urkomischen Funkkontakt auf See. Schallendes Gelächter hallt durch den Saal. Manfred Krug brilliert nicht mehr mit seinem Körper, wohl aber noch mit seiner ausdrucksstarken Stimme. Und dem Schalk im Nacken. Spitzbübisch schaut er beim Lesen über den Rand seiner Brille. Den Sinn für intelligenten Humor hat er sich durch die Jahrzehnte bewahrt.

Und er lässt sich in die Karten gucken. Zweimal trägt er Teile aus seiner Autobiografie „Mein schönes Leben“, das sei ironisch gemeint, vor. Sie beschreiben, wie Krug im Sommer 1954, fast 18-jährig, für die Schauspielschule vorspricht – und angenommen wird. Das zweite Stück ist eher traurig und spielt zu Weihnachten. Es ist der Anfang der Scheidung seiner Eltern. Mit guter Beobachtungsgabe, detailreich und poetisch beschreibt er, was sich damals ereignete. Krugs Erzählstil ist so lebendig, dass man sich mittendrin fühlt. Er kann wahrlich nach wie vor brillant unterhalten. Ebenso sein musikalischer Begleiter Professor Matthias Bätzelt am Flügel.

Ein typischer Jazzkopp, so Manne Krug. In den Lesepausen verjazzt er Weihnachtslieder wie Schneeflöckchen-Weißröckchen und Oh Tannenbaum. Manfred Krug wippt dazu mit den Füßen. Zu gern würde er mitsingen, das ist zu spüren. Doch auch wenn das nicht mehr geht, kommt der 76-Jährige nicht ohne eine Zugabe von der Bühne. Mit „Unser Kollektiv“ beweist er noch einmal seine virtuose Fabulierkunst und sein Talent, mit der simplen Analyse von Händedrucken Menschen treffsicher zu beschreiben. Zum Abschlussbeifall erheben sich viele Gäste von den Plätzen. Und drängen sich anschließend im Foyer, um ein Autogramm, ein Buch oder eine Musik-CD zu bekommen. Christine Börning aus Riesa hat sich ihre Krug-Fotocollage signieren lassen. „Meine Tochter hat sie mir zum Geburtstag geschenkt, und jetzt bin ich sehr stolz auf das Autogramm“, sagt die 70-Jährige. Sie ist ein großer Fan von Krug als Jazzinterpret und singt selbst im Riesaer Konzertchor. Auch die 30-jährige Dresdnerin Lydia Brauer ist sehr zufrieden mit diesem Abend. Ihr Freund sei der Krug-Fan. Doch fand sie Manfred Krug ebenfalls ungemein unterhaltsam.