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Erinnerungen lassen sich nicht abreißen

Der Gasthof Ninive in Ruppersdorf ist verschwunden. Doch seine Geschichte soll bewahrt werden – mit einer Tafel, einem Film und einem Festplatz

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Von Bernd Dreßler

Der Radfahrer, der mich mit umhängender Kamera Ende September in Ruppersdorf-Ninive sah, wusste offenbar genau, was ich wollte: „Wenn Sie noch mal die Gaststätte fotografieren wollen, dann kommen Sie zu spät, die ist abgerissen.“ In der Tat, nur noch die Grundmauern erinnerten an die einst beliebte Einkehrstätte an der Straße Oderwitz–Herrnhut, für die es seit 1868 Chronikbelege gibt. Die Chance, noch mal ein Bild fürs Archiv zu bekommen, hatte ich verpasst.

Ortsverbundene Niniver waren da heller. Die warteten nicht, bis die Bagger an dem einsturzgefährdeten Gasthof vorfuhren, nachdem die Dresdner Landesdirektion im Frühjahr Fördermittel für seinen Abriss freigegeben hatte. Nach dem Motto „Kein Abriss ohne würdige Erinnerung“ hatten sie bereits am 16. Juni zur Abschiedsparty eingeladen. Obwohl hier 1998 das letzte Mal Gerstensaft durch den Zapfhahn floss, kamen gut 150 Leute in den Biergarten, um in der Niniver Gasthaus-Geschichte zu schwelgen, ist Renè Christoph, einer der Initiatoren, stolz. Herrnhuts Bürgermeister Willem Riecke war da, mit Dieter Reichardt aus Neugersdorf auch einer der Wirte.

Legendäre Witwenbälle

Von den legendären Witwenbällen könnte da die Rede gewesen sein, die den Gasthof nach dem Zweiten Weltkrieg weithin populär machten. Von Wirtin Erika Schönfelder wurde geschwärmt, die zu DDR-Zeiten bekannt war für ihre gute Küche. Wobei ihr Mann Paul fast alles, was das Gasthaus brauchte, viele Jahre lediglich mit seinem Moped und dessen Anhänger heranschaffte. Zu Schönfelders Zeiten hatte auch der Jugendtanz fast jedes Wochenende Hochkonjunktur. „Die Veranstaltungen waren so gut besucht, dass sich im wahrsten Sinne des Wortes die Balken bogen“, heißt es in der Gasthof-Chronik. Der Saal musste gesperrt werden.

Auch die Zeit nach 1973, als „Ninive“ dem VEB Fernsehkolbenwerk Berlin-Friedrichshain gehörte und im Sommer als Kinderferienlager genutzt wurde, dürfte auf der Abschiedsfeier eine Rolle gespielt haben. Und – leider – auch die Zeit des Niedergangs.

Als 1991 ein Mitarbeiter des Fernsehkolbenwerkes das Anwesen erwarb, sah es zunächst überhaupt nicht nach Niedergang aus. Der neue Besitzer baute das Haus einen Sommer lang völlig um, ehe es im November 1991 als Gasthof und Hotel „Ninive“ Ruppersdorf wiedereröffnete. Jetzt gab es hier nicht nur eine Gaststätte ohne Ruhetage, Doppel- und Einzelzimmer zum Übernachten, sondern auch Feiermöglichkeiten, so in einem Jagdzimmer oder in einer Kellerbar. 1994 richtete der Landrat des damaligen Landkreises Löbau hier seinen Neujahrsempfang aus. Die Zukunft des Hauses schien gesichert.

Doch offenbar hielten die Gästezahlen mit den finanziellen Belastungen nicht Schritt. Und in die Sanierung wurde das Dach nicht einbezogen. Aber schon das Ehepaar Schönfelder hatte Eimer und Wannen auf den Boden gestellt, um den Regen nicht in die unteren Stockwerke dringen zu lassen.

1998 musste das Haus seine Pforten schließen. Für immer? Daran glaubte zunächst niemand. Doch bei drei Zwangsversteigerungen fanden sich keine Bieter, zudem ging die Bank von ihren hohen Forderungen nicht ab. Schließlich blieben nur noch Schilder, die vor der drohenden Einsturzgefahr des Gebäudes warnten.

Zum Glück stürzen Erinnerungen nicht ein, sie lassen sich auch nicht aus dem Gedächtnis reißen. Wenngleich mittlerweile die Grundmauern verschwunden sind und ein freier planierter Platz aufs Begrünen wartet: Gras wachsen wird über die Geschichte des Gasthofes „Ninive“ nicht. „Eine Tafel soll an die traditionsreiche Stätte erinnern“, sagt Renè Christoph, der als Lokführer bei der Zittauer Kleinbahn arbeitet. Ein Festplatz soll entstehen, wo sich die Niniver zum Feiern treffen können. Und ein Film wird produziert, von der Abschiedsparty, vom Abriss und – von der Wiederbelebung.