Von Constanze Junghanß
Den meisten Kindern aus Mengelsdorf und Umgebung ist die „Wundererle“ ein Begriff. Rankt sich doch um den Baum eine ganz ungewöhnliche Geschichte, die von Eltern und Großeltern dem Nachwuchs erzählt wird. Der Baum, der im Ortsteil Löbensmüh am Waldrand hinter dem Feld zu steht, scheint auf den ersten Blick fast gewöhnlich. Schaut man genauer hin, entdeckt das Auge in dem hohlen Baumstand eingemauerte Ziegelsteine. Die Äste weisen außerdem eigenartige Knorrenbildungen auf. Trotzdem trägt die Erle grüne Blätter, die im Gegensatz zu normalen Erlen tief geschlitzt sind. Vermutet wird, dass die „Wundererle“ die einzige in Sachsen ist, die so wächst. Die Abart der gewöhnlichen Schwarzerle ließ sich bisher trotz aller Versuche noch nicht vermehren.
Bereits 1785 soll sich der Naturwissenschaftler Nathanael Gottfried Leske in seinem Buch „Reise durch Sachsen“ mit dem Baum beschäftigt haben. Eine Sage verhalf dem Baum zu weiterer Berühmtheit: Einem zum Tode verurteilten jungen Mann aus der Umgebung von Mengelsdorf wurde vorgeworfen, er habe einen Mord begangen. Er beteuerte immer wieder seine Unschuld und erbat sich als letzten Wunsch, einen Baum an die Stelle des Mordgeschehens pflanzen zu dürfen. Die Bitte wurde gewährt. Der Mann pflanzte eine Erle verkehrt in die Erde, wobei er mit feierlicher Stimme laut verkündete: „Schlagen die Wurzeln nicht aus, so will ich mich schuldig bekennen. Fangen sie jedoch an zu sprießen und wachsen sie zu einem Baum heran, so soll ein jeder erkennen, dass Ihr einen Unschuldigen zum Tode verurteilt habt.“
Nach diesen Worten stieg er ohne Widerrede auf das Schafott. Das Bäumchen trieb aus den Wurzeln Blätter und Äste heraus und wuchs zum Baume heran, so wie er heute noch zu sehen ist.