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Renaissance der Provinzstädte?

Junge Leute zieht es in die Großstädte, doch auch kleinere Orte können profitieren, wie ein Görlitzer Professor meint.

© Mattihas Weber

Von Jan Lange

Region. Im Oktober beginnt für viele Jugendliche ein neuer Lebensabschnitt: Sie fangen an zu studieren. Knapp 70 neue Studenten sind jetzt am Internationalen Hochschulinstitut (IHI) Zittau begrüßt worden. An der Hochschule Zittau/Görlitz starten mehr als 800 junge Menschen ein Studium. Die Zahl der neuen Studenten in Zittau liegt damit auf dem Niveau der Vorjahre. Die Gründe, sich für ein Studium in Zittau zu entscheiden, sind vielfältig. Für die einen ist die Nähe zu ihrem Wohnort entscheidend, andere wählen die Hochschule oder das IHI aufgrund einzigartiger Studiengänge aus. So bietet das IHI ab diesem Semester zwei englischsprachige Studiengänge an, die noch mehr Jugendliche aus dem Ausland anlockt. Von dem Zuzug der Studenten profitiert ebenso die Stadt Zittau. Kann deshalb aber auch von einer Renaissance der Provinzstädte gesprochen werden? Dieser Frage geht Professor Robert Knippschild nach, der die Festrede bei der IHI-Begrüßungsfeier unter dieses Thema stellte.

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Erleben Provinzstädte einen Zuwachs oder gibt es einen Großstadtboom?

Nach Einschätzung von Professor Knippschild trifft beides zu. Es gibt zum einen Großstädte, deren Einwohnerzahl stetig steigt. Als Beispiel führt er die Stadt Leipzig an, deren Bevölkerung von 2006 bis 2016 um gut 85 000 Einwohner auf rund 580 000 angestiegen ist. In den 1990er Jahren kehrten viele Menschen den großen Städten den Rücken, siedelten sich oft im Umland an. Seit 2011 erleben sie wieder einen erheblichen Zuwachs – nicht nur Leipzig. Dieser Trend wird laut Knippschild weiter anhalten. Allerdings, so schränkt der Görlitzer Hochschulprofessor ein, wachsen nicht alle deutschen Großstädte.

Probleme wie Umweltbelastungen, starker Verkehr oder hohe Mieten lassen im Gegenzug aber auch viele Menschen aus den Großstädten wegziehen. Deshalb könne laut Knippschild ebenso von einer Renaissance der Provinzstädte gesprochen werden. Vor allem mittlere und kleine Städte in Metropolregionen profitieren von dieser Abwanderung. Mittel- und Kleinstädte außerhalb von Stadtregionen haben in den vergangenen Jahrzehnten reichlich Einwohner verloren, erleben aber jetzt teilweise auch einen kleinen Aufschwung. Der Bevölkerungsaufschwung von Görlitz ist für Professor Knippschild ein Beispiel dafür. Zählte die Neißestadt am 30. Juni 2016 insgesamt 56 252 Einwohner, so sind es im Juli 2017 bereits 57 016 gewesen. Das ist ein Zuwachs von über 760 Einwohnern innerhalb von 13 Monaten. Es seien zwar nur ein paar Hundert Einwohner mehr, aber damit habe vor einigen Jahren niemand gerechnet, so Knippschild.

Ist die Stadt Görlitz ein Sonderfall in der Region?

Ein Wachstum wie Görlitz verzeichnet keine andere Stadt im Landkreis. Und dennoch gibt es auch für Städte wie Zittau und Löbau positive Aussichten. So zog es 2016 deutlich mehr Leute nach Zittau, als weggingen. Das positive Saldo zwischen Zu- und Wegzügen lag immerhin bei 282. Damit wuchs Zittaus Bevölkerungszahl erstmals seit Langem – um 55 Einwohner. Im ersten Halbjahr 2017 hat sich dieser Trend zwar etwas abgeschwächt, die Einwohnerzahl ist in diesem Zeitraum um 54 zurückgegangen, aber die Zahl der Zuzüge übersteigt weiterhin die der Wegzüge.

Gerade in der Altersgruppe von 25 bis 40 Jahren sei die Einwohnerzahl trotz schwieriger Rahmenbedingungen konstant, wie Rainer Seifert, Direktor des Verbandes der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft, erklärt. Von den 18- bis 25-Jährigen verlassen zwar viele Zittau, doch Seifert sieht auch gute Chancen, dass einige später wieder zurückkehren.

„Dass in Zeiten von immer größer werdenden Großstädten auch die kleineren, eher ländlich gelegenen Städte für die Menschen wieder interessanter werden, ist ein Trend, auf den wir schon seit einigen Jahren setzen“, erklärt Zittaus Pressesprecher Kai Grebasch. Immer, wenn in Zittau und in der Region etwas für die Verbesserung der Infrastruktur oder allgemein für die Verbesserung der Attraktivität getan werde, mache das die Stadt interessant für Zuzügler. „Ein sanierter Marktplatz, eine immer besser werdende Breitbandversorgung, die Sanierung von Schulen, die Aufrechterhaltung von sogenannten weichen Standortfaktoren wie Theater oder Sportanlagen und Parks – all das trägt dazu bei, den auf der Hand liegenden Angebotsvorteilen der Großstädte etwas entgegen zu setzen“, findet Zittaus Pressesprecher.

Auch in Löbau zeigt sich ein ähnliches Bild. Ist die Stadt im Zeitraum von 2012 bis 2014 noch um 617 Einwohner geschrumpft, so gab es 2014 bis 2015 einen Zuwachs von 159 Bürgern. Die Zahl der Zuzügler (1 102) überstieg 2015 die der Weggezogenen (871). In den Jahren zuvor haben Wegzüge dagegen immer überwogen. Görlitz verzeichnet übrigens schon seit 2006 mehr Zu- als Abwanderer.

Wie kann der positive Trend befördert werden?

Ein positives Beispiel ist für Professor Knippschild das Projekt „Probewohnen“ in Görlitz. Einwohner aus anderen Städten und Regionen konnten dabei für einige Zeit in der Neißestadt leben und das dortige Leben kennenlernen. Bisher gab es drei Staffeln, in deren Folge tatsächlich einige Probewohner nach Görlitz umgezogen sind. Die Stadt, die städtische Tochtergesellschaft Kommwohnen und das Interdisziplinäre Zentrum für ökologischen und revitalisierenden Stadtumbau (IZS), dessen Leiter Professor Knippschild ist, denken derzeit über eine Fortsetzung des kostenlosen Probewohnens in Görlitz nach.

Gibt es ähnliche Projekte auch in Zittau oder Löbau?

Ein kostenloses Probewohnen wie in Görlitz gibt es bisher in beiden Städten noch nicht. Dafür sorgten der Zittauer Oberbürgermeister Thomas Zenker (Zkm) und Jan Korytár, der stellvertretende Rathauschef von Liberec (Reichenberg), mit ihrem kurzzeitigen Wohnorttausch sogar international für Aufsehen. Mit der Aktion wollen beide zeigen, dass es sich lohnt, in der jeweils anderen Partnerstadt zu leben. Zumindest auf tschechischer Seite scheint dies auch zu fruchten. So würden, wie Zenker bei einer Diskussionsrunde vor einigen Monaten erklärte, zunehmend Menschen aus dem Raum Liberec nach Zittau ziehen, die von hier aus zur Arbeit ins tschechische Oberzentrum gehen.

Schon vor dem Wohnorttausch von Zenker und Korytár gab es einen spürbaren Zuzug von tschechischen Mitbürgern. 2010 waren noch 92 Tschechen in Zittau gemeldet, 2015 sind es bereits 177 gewesen. Wie Kai Grebasch auf SZ-Anfrage mitteilt, sind in den ersten neun Monaten dieses Jahres 50 Bürger aus Tschechien zugezogen. „Das ist eine schöne Zahl, allerdings ist es schwer, Beweggründe für den Umzug nach Zittau zu benennen“, sagt Grebasch.

Es gebe nach seinen Worten aktuell eine recht lebhafte Bewegung auf dem Zittauer Immobilienmarkt mit reger Beteiligung polnischer und tschechischer Käufer. „Wir hoffen, dass aus bislang noch vereinzelten Investitionen ein Trend entsteht und es hierbei nicht um reinen Immobilienhandel geht“, so Grebasch. Für voreilige Euphorie sei aber nicht die Zeit und auch das Wort „Renaissance“ hält er für den aktuellen Trend etwas zu groß. „Von verbesserten Zukunftsaussichten für kleinere Städte kann allerdings durchaus gesprochen werden und es ist an uns allen, die wir hier leben, diesen Trend zu nutzen“, so Grebasch.