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Ernste Ursache für trockene Neiße

In Bad Muskau war der Fluss tagelang ein Rinnsal voller Sandbänke. Spekuliert wurde darüber viel.

Selbst als Laie sieht man dem Wehr und dem Wasserkraftwerk an der Muskauer Neiße an, dass die Anlage ihre besten Jahre längst hinter sich hat und eine Verjüngungskur braucht.
Selbst als Laie sieht man dem Wehr und dem Wasserkraftwerk an der Muskauer Neiße an, dass die Anlage ihre besten Jahre längst hinter sich hat und eine Verjüngungskur braucht. © Sabine Larbig

Die Neiße bei Muskau führte tagelang nur knapp knöchelhohes Wasser. Alle paar Meter wurde das Wasser von großen und langen Sandbänke geteilt, auf denen oft mächtige Baumstämme – die sonst kaum sichtbar durch den Grenzfluss treiben – lagen. Ein Anblick, der Einwohner, Wassersportler und Touristen gleichermaßen beunruhigte. Schnell machten Spekulationen die Runde, nach denen die Dauerhitze oder illegale Wasserentnahmen in Größenordnungen für die fast trockene Neiße verantwortlich sein sollen.

Selbst bei Tino Kittner, Geschäftsführer von Neiße-Tours in Rothenburg, klingelte das Telefon fast unaufhörlich. „Alle wollten wissen, ob oder wann Paddeln, Schlauchboot- oder Kanufahren auf der Neiße möglich ist“, erzählt der Anbieter solcher Touren. „Doch ich konnte die Leute, vorrangig Hobbysportler, Touristen oder Geschäftspartner, beruhigen, dass der Niedrigwasserstand nur in Bad Muskau und dort auch nur eine zeitweilige Erscheinung ist. Denn wir hatten rechtzeitig eine Information von der Celltechnik Lodenau erhalten, dass wegen einer Überprüfung der Wehranlage in Bad Muskau das Wasser kurzzeitig abgesenkt wird.“

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Mit einem verkaufsoffenen Sonntag läutet der NeißePark Görlitz den Herbst ein. Am Sonntag, 27. September, öffnen mehr als 40 Geschäfte und Gastronomiebetriebe.

Das Wehr in Bad Muskau samt Wasserkraftwerk im Fürst-Pückler-Park zwischen Grenzbrücke und Jeanetteninsel gehört zu den Betriebsanlagen der Celltechnik, die zum Unternehmen Rettenmaier & Söhne GmbH + Co. KG mit Sitz im baden-württembergischen Rosenberg zählt. Der Familienbetrieb hat im In- und Ausland zahlreiche Standorte. Auch in Lodenau, wo Produkte aus Cellulose, Frucht- und Holzfasern hergestellt werden. Eine energieintensive Rohstoffaufbereitung und Produktion, weshalb das Unternehmen bei der Energieerzeugung auf Wasserkraft setzt. Zum Standort Lodenau gehören deshalb Neiße-Wehre in Ludwigsdorf, Nieder-Neundorf, Bad Muskau sowie das Bremenwerk zwischen Rothenburg und Lodenau. Wie Werksleiter Volker Altus auf TAGEBLATT-Anfrage mitteilte, habe man in Bad Muskau den durch die Hitzeperiode bedingten niedrigen Wasserstand der Neiße genutzt, um Kontrollen am Wehr durchzuführen.

„Die Standsicherheit der aus den 1960er Jahren stammenden Anlage ist gefährdet. Wir haben daher Betonproben entnehmen lassen, um zu klären, ob die Wehrpfeiler intakt sind oder Gefahr im Verzug und ein sofortiger Ersatzbau erforderlich ist“, begründet Altus die kurzzeitige Extremabsenkung der Neiße. In etwa drei Wochen sollen die Untersuchungsergebnisse der beauftragten Hochschule für Wirtschaft und Technik Dresden vorliegen „Dann können wir entweder bestätigen, dass die Pfeiler noch eine Weile halten, oder wir müssen einen Neubau für mehrere Millionen Euro planen.“
Neubau der Wehranlage im Blick

Um eine neue Wehranlage bemüht sich das Unternehmen seit etwa zehn Jahren. „Bei jedem Hochwasser müssen meine Leute die Holzbretter wegziehen. Wenn da was wegbricht, sind Menschenleben gefährdet. Ich getraue mich kaum noch, Leute dahin zu schicken. Deshalb suchen wir ebenfalls nach kurzfristigen Notlösungen, wie den Ersatz der Bretter durch Stahl.“ Doch selbst hier muss der für Produktion und Technik verantwortliche Leiter die Ergebnisse der jüngsten Untersuchung abwarten.

Denn Sanierungsmaßnahmen, Havarien, Defekte sowie Neubau wirken sich unter Umständen extrem und lange auf den Wasserstand der Neiße aus. Das hat Folgen für Flora und Fauna, Wassertourismus und den Unesco-Welterbe-Park in Bad Muskau. „Wir fühlen uns seit Jahren hinsichtlich der Genehmigung für den Neubau zwischen Baum und Borke“, bekennt Volker Altus. Der Fürst-Pückler-Park oder der Neiße-Wassertourismus seien auf Wasser angewiesen. Ebenso das eigene Wasserkraftwerk, durch das 3,5 Kubikmeter Wasser je Sekunde fließen, wodurch Strom für Einwohner und Unternehmen in Bad Muskau produziert wird. So, wie das Werk schon zu DDR-Zeiten städtische Fabriken mit Energie versorgte. Bereits zu Pücklers Zeiten, weiß Altus, habe es eine Stauanlage gegeben.

So präsentieret sich noch kürzlich die Neiße in Bad Muskau zwischen Radbrücke und Grenzbrücke: kaum Wasser, überall Sandbänke. Ein fast trockener Fluss.
So präsentieret sich noch kürzlich die Neiße in Bad Muskau zwischen Radbrücke und Grenzbrücke: kaum Wasser, überall Sandbänke. Ein fast trockener Fluss. © Sabine Larbig

Inzwischen hat die Celltechnik Lodenau das Wasserrecht – es ist seit 1926 im Wasserbuch verzeichnet – und produziert mit Wehr und Kraftwerk sauberen Strom mit dem Wasser der Neiße. Doch Altus weiß auch, dass Sanierung oder Neubau des Wehrs große Auswirkungen haben. Nicht nur, weil die Neiße über Nebenarme die Gewässer im Pückler-Park speist. Auch, weil das Aussehen von Wehranlage und Kraftwerk den Park in denkmalpflegerischer Hinsicht beeinflusst. Daher haben Denkmalpflege, Stiftung, Naturschutzbehörden und viele mehr bei der Genehmigung für einen Neubau ein gewichtiges Mitspracherecht. Und, so Altus, in Sachsen gibt es keine Förderung von Wasserkraft. Dies komme erschwerend hinzu.

Sollte es, je nach Gutachten, zur millionenschweren Investition in eine neue Anlage kommen, so weiß Volker Altus schon, dass ein Wehr mit hydraulischer Stahlverklappung oder ein Schlauchwehr entsteht. „Das sind aktuelle Überlegungen, bei denen die Planungen schon vorangeschritten sind.“ Zudem seien im Vorfeld des möglichen Neubaus schon Fledermäuse, Käfer und Pflanzen auf der Jeanetteninsel gezählt und erfasst worden. „Auch das ist eine Naturschutzauflage.“ Und es sei breits klar, dass in jedem Fall die Fischdurchgängigkeit abzusichern ist. Konkret heißt das, eine „Fischtreppe“ muss entstehen.

Was letztlich in Bad Muskau passieren wird, bleibt vorerst abzuwarten. Noch hofft Altus, der als Werksleiter der Celltechnik Lodenau auch Mitglied im Wasserkraftverband Sachsen ist, dass in der Kur-und Parkstadt ebenso moderne Technik einziehen wird wie an der Anlage in Rothenburg. „Hier versorgen wir Stadt und Bürger mit neuester Technik und modernen Anlagen mit komplett grünem Strom durch Wasserkraft und Photovoltaik.“ So etwas erhofft sich nicht nur Volker Altus künftig auch in Bad Muskau. „Mich ärgert es, wenn Wasserkraft immer schlecht gemacht wird, da sie angeblich Fische, Ökologie, Flora und Fauna belastet.“ Das alles zu schützen, dafür werde und wolle man ja viel tun: von der Fischtreppe über Technik bis Architektur.
Noch ist aber alles wie immer, die Neiße wieder gefüllt. „Die Neiße hat dieses Jahr den besten Wasserstand seit Jahren. Und weil viele Urlaub in Deutschland machen, läuft der Tourismus. Trotz Corona ist es bisher eines unserer besten Jahre“, bekennt Tino Kittner von Neiße-Tours.

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