merken
PLUS Wirtschaft

Die letzten Vielflieger Europas

Ein oft vergessener Teil der europäischen Bevölkerung bleibt weiterhin unabkömmlich: Arbeiter aus Mittel- und Osteuropa.

Sie schonen sich nicht: Erntehelfer aus Osteuropa bringen auch frischen Spargel auf die Tische der Deutschen.
Sie schonen sich nicht: Erntehelfer aus Osteuropa bringen auch frischen Spargel auf die Tische der Deutschen. © dpa/Soeren Stache

Ein Perspektiven-Beitrag von Manès Weisskircher, Julia Rone, Mariana S. Mendes, Kristina Chmelar und Marta Kozlowska*

Eine Entwicklung, die bis vor wenigen Wochen noch unvorstellbar war, ist eingetreten: Viele EU-Mitglieder regulieren im Zuge der Corona-Krise Einreise und Ausreise, der Personenverkehr kam in den letzten Wochen fast zum Erliegen. Vorbei ist, zumindest vorerst, das oft beschworene Europa „ohne Grenzen“. Dennoch gibt es eine Gruppe von Menschen, auf deren Mobilität die wohlhabenden Länder Westeuropas trotz Virus weiterhin angewiesen sind: Arbeitsmigranten aus Mittel- und Osteuropa. Diese überschreiten noch immer Grenzen – und setzen sich dabei Risiken aus, weil sie kaum eine andere Wahl haben.

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Im Zentrum der öffentlichen Diskussion standen in den letzten Wochen vor allem Saisonarbeiter in der Landwirtschaft. Trotz Corona-Krise inserieren viele Arbeitsvermittlungen auf mittel- und osteuropäischen Stellenplattformen Anzeigen für Jobs im Westen. Deutschland ist hier ein führendes Zielland. Allein in Sachsen fehlen etliche Tausend Erntehelfer, in der Bundesrepublik handelt es sich gar um eine sechsstellige Zahl. Oder, wie die Bild-Zeitung menschenverachtend berichtete: „Sie sind im Moment schwerer zu bekommen als Klopapier, Hefe oder Atemschutzmasken: Saisonarbeiter aus Osteuropa“.

Deutschland plant daher, Zehntausende Osteuropäer trotz Corona zur Ernte einzufliegen. Mitteleuropäische Nachbarn dürfen weiterhin mit dem Auto einreisen – in Sachsen betrifft dies vor allem polnische Landarbeiter. In der Bundesrepublik wird die Unabkömmlichkeit eines vergessenen, bisweilen gar verunglimpften Teils der Arbeiterschaft nun offensichtlich: Arbeiter aus Rumänien wurden vor Kurzem am Flughafen Frankfurt-Hahn gar von der deutschen Landwirtschaftsministerin begrüßt, Schoko-Osterhasen inklusive. Auch in anderen westeuropäischen Ländern ist die Nachfrage groß: In Österreich steht beispielsweise die Suche nach Pflegekräften im Mittelpunkt, Arbeiterinnen werden aus Bulgarien, Kroatien und Rumänien eingeflogen. In Frankreich ist es wie in Deutschland die Landwirtschaft, die um Arbeitskräfte ringt.

Die wirtschaftliche Logik dahinter ist klar: Hierzulande würde kaum jemand knochenharte Arbeit wie Spargelstechen, Erdbeer- oder Kirschenpflücken gegen schlechte Bezahlung verrichten, trotz sich abzeichnender wirtschaftlicher Krise. Landwirte klagten bereits über den Unwillen deutscher „Freiwilliger“, auch samstags tätig zu sein. Osteuropäer hingegen dienen als billige und willige Arbeitskräfte. Für sie ist das auf sie wartende Einkommen deutlich höher als in ihren Herkunftsländern – dies gilt in vielen Fällen auch für Berufe, die eine höhere formale Qualifikation erfordern. Zudem verschlechtert sich in Zeiten strikter Ausgangssperren auch die Arbeitsmarktlage in vielen mittel- und osteuropäischen Ländern dramatisch.

Die anhaltenden Ungleichheiten innerhalb der EU kommen derzeit besonders deutlich zum Vorschein: Während sich die Menschen in Deutschland isolieren, um sich vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen, versammeln sich osteuropäische Arbeiter an überfüllten Flughafen-Terminals und warten auf ihre Charterflüge in Richtung Westen. Aufgrund der prekären Zustände am Flughafen stoppte die rumänische Regierung sogar kurzzeitig die Flüge.

In Deutschland wird – in schönstem Beamtendeutsch – erwartet, dass osteuropäische Landarbeiter eine „faktische Quarantäne bei gleichzeitiger Arbeitsmöglichkeit“ durchlaufen. In den ersten zwei Wochen dürfen sie, zumindest auf dem Papier, das Betriebsgelände nicht verlassen. Laut Recherchen der Panorama-Redaktion der ARD kommt es in der Landwirtschaft vielerorts, zum Beispiel in Rheinland-Pfalz, aber zu einer Umgehung der geltenden Regelungen, vor allem was die Größe von Arbeitergruppen und die Unterkunft in Mehrbettzimmern betrifft. Am 11. April wurde in Baden-Württemberg ein 57-jähriger rumänischer Spargelstecher tot aufgefunden. Er hatte sich mit Covid-19 infiziert.

In vielen osteuropäischen Ländern ist die Zahl der Infektionen niedriger als im Westen. Wie in Südeuropa könnte auch in Osteuropa ein Anstieg der Infektionen, zum Beispiel durch die Rückkehr von Erntehelfern, für viele Länder fatal sein, denn die Gesundheitssysteme sind vom deutschen Niveau weit entfernt. Aus vielen mittel- und osteuropäischen Staaten sind zudem junge Medizinabsolventen in den Westen ausgewandert, wo sie nun helfen, die Pandemie zu bekämpfen.

Trotz der beschriebenen Entwicklungen ist die krude Gegenüberstellung eines ausbeuterischen Westens und eines geschundenen Ostens zu einfach: Auch Unternehmer in Tschechien oder Bulgarien suchen ihrerseits im Ausland nach billigeren Arbeitskräften. Den weltberühmten Hopfen aus Tschechien beispielsweise ernten schon seit Jahren Ukrainer. Und auch anderswo in Europa entwickelt sich die Lage der Saisonkräfte zu einem sichtbaren Problem: Südeuropa ist seit Langem nicht nur auf den Zustrom von Erntehelfern aus Osteuropa angewiesen, auch viele afrikanische Migranten arbeiten dort in der Landwirtschaft. Die italienische Landwirtschaftsministerin Teresa Bellanova schlug vor, Einwanderern aus Drittländern eine Arbeitserlaubnis zu erteilen. Die oppositionelle Lega unter Matteo Salvini reagierte erbost.

Neben den Saisonarbeitern sind auch andere Arbeitsmigranten von der aktuellen Krise betroffen, zum Beispiel Pendler, die in Deutschland arbeiten, aber in Polen oder Tschechien wohnen. Für sie gelten bei der Rückkehr oftmals strenge Bestimmungen, die ihnen eine Entscheidung zwischen Beruf und Familie abverlangen. Zwar gibt es in Tschechien seit einigen Tagen keine Quarantänepflicht mehr, die meisten Pendler müssen beim Grenzübertritt jedoch einen aktuellen Corona-Test nachweisen. In Polen folgt erst ab 4. Mai ein Ende der 14-tägigen Quarantänepflicht – medizinisches Personal ist davon ausgenommen. Zuvor gab es bereits Proteste für die Öffnung der Grenze zu Deutschland. Sachsen versucht seit einiger Zeit, Pendler aktiv im Land zu halten: Der Freistaat zahlt tägliche Zuschüsse an Polen und Tschechen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten und sich entscheiden, vorübergehend in Deutschland zu bleiben.

Die Corona-Krise erinnert uns also in vielerlei Hinsicht an die wirtschaftliche Abhängigkeit von Menschen, die in Deutschland arbeiten, aber andernorts leben. Sie zeigt, wie stark Grenzregionen in den letzten Jahren zusammengewachsen sind. Grenzüberschreitendes Pendeln ist für viele zur Normalität geworden. Im Bereich der Landwirtschaft erinnert uns die Krise an die Relevanz von Erntehelfern: Paradoxerweise sind sie nun gar die letzten Vielflieger Europas. Sie können es sich nicht leisten, sich wegen Corona zu Hause zu isolieren.

Über die Autorinnen dieses Textes

Weiterführende Artikel

Eine Flugreise aufs sächsische Spargelfeld

Eine Flugreise aufs sächsische Spargelfeld

Auf dem Gemüsehof Kyhna verkaufen sich Spargel und Erdbeeren gut. Die Ernte erledigen über 70 Helfer – viele sind trotz Corona aus Osteuropa angereist.

  • Manès Weisskircher, Mariana S. Mendes, Kristina Chmelar und Marta Kozłowska sind Politikwissenschaftler am Mercator Forum Migration und Demokratie an der TU Dresden.
  • Julia Rone ist Politikwissenschaftlerin an der Freien Universität Brüssel. 

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

Mehr zum Thema Wirtschaft