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Wirtschaft

Erntehelfer weg - so helfen sich die Landwirte

Damit sächsische Bauern wieder Erntehelfer aus Polen und Rumänien finden, lockert der Staat Regeln.

Saisonarbeiter stechen auf einem Feld unweit von Kremmen bereits den ersten Spargel.
Saisonarbeiter stechen auf einem Feld unweit von Kremmen bereits den ersten Spargel. © dpa/Paul Zinken

Noch ist Udo Jentsch ruhig. Noch hat er „einen Zeitpuffer“, sagt der Geschäftsführer des Landesverbandes Sächsisches Obst in Dohna bei Pirna. Zwar wird Mitte April die Erdbeer-Ernte in den ersten sächsischen Gewächshäusern beginnen, doch größere Mengen an Helfern für die Felder werden erst ab Mitte Mai gebraucht. Vorher benötigen allerdings schon die rund 20 größeren Spargelhöfe in Sachsen ihre Saison-Helfer. 

„Unsicherheit ist da“, weiß Jentsch. Mancher Landwirt überlege schon, die Folien über dem Spargel anzuheben, um mit kühlerer Luft die Ernte hinauszuzögern. Denn in Rumänien gilt eine Ausgangssperre, und manche polnische Erntehelfer trauen sich derzeit nicht nach Deutschland – entweder aus Angst vor dem Coronavirus oder weil sie befürchten, später nicht mehr nach Hause gelassen zu werden.

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Rund 5.000 ausländische Saisonarbeiter sind laut Jentsch regelmäßig in Sachsen im Einsatz, der Landesbauernverband spricht sogar von bis zu 20.000 „übers Jahr verteilt“. Sie übernehmen vor allem Handarbeit. Der Verband lässt gerade Listen anlegen, um den Ministerien den Bedarf für dieses Jahr melden zu können. 

Einige Helfer sind schon da, haben beim Obstbaumschnitt geholfen und sollen bald Erdbeeren pflanzen. Pflanzenschutzmittel muss termingerecht auf das Spalierobst gesprüht werden, sonst fällt die Apfel-Ernte im Herbst aus. Schon voriges Jahr gab es laut Jentsch wegen Hagelschäden weniger sächsische Äpfel als erhofft – und daher ist das große Lager in Röhrsdorf bei Dohna nun „nicht ganz so gut gefüllt“. 

Bedarf an Zehntausenden Erntehelfern

Dabei sei die Nachfrage leicht gestiegen, etwa in Hofläden, die laut Jentsch weiterhin geöffnet sind. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sagte am Montag, schon im März benötige Deutschlands Landwirtschaft üblicherweise 30.000 ausländische Saisonhelfer. Bis Mai steige der Bedarf auf 85.000. Damit sich die Einreise für sie lohnt, soll ihre Arbeit künftig 115 Tage statt bisher 70 Tage im Jahr frei von Sozialabgaben sein. 

Klöckner will damit Hin- und Herreisen verringern. Jentsch findet das gut, weil dann derselbe Helfer von der Spargel- bis zur Apfelernte im Land bleiben kann, wenn er das möchte. Zwischendurch sind die Kirschen zu pflücken, und auch einige Hopfenfelder in Sachsen werden mit Saisonkräften bewirtschaftet.

Ministerin Klöckner kündigte noch mehr Regel-Änderungen an, die Ernte-Einsätze finanziell attraktiv machen sollen: Kurzarbeiter dürfen Nebeneinnahmen als Erntehelfer behalten, jedenfalls bis zur Höhe des Nettolohns aus ihren „eigentlichen“ Beruf. Landwirte können leichter als bisher Leiharbeiter aus anderen Branchen beschäftigen.

Pächter werden geschützt

Noch mehr Regeln sollen fallen, die bisher dem Schutz der Arbeiter dienten: Sechstagewoche und Zehnstundenarbeitstag reichen laut Klöckner „für Notfälle“ nicht immer aus, daher werde an einer „Flexibilisierung“ mit Ausnahmen vom Arbeitszeitgesetz gearbeitet. Innenminister Horst Seehofer (CSU) sei bereit, das Arbeitsverbot für bestimmte Asylbewerber aufzuheben. 

Die Ministerin versprach Bauern außerdem, dass sie ihr Land nicht in der Krise verlieren. So wie Wohnungsmieter vor Kündigungen geschützt werden sollen, dürfen Landpächter bis Ende Juni keine einseitigen Vertragskündigungen bekommen.

Sachsens Bauernverband freut sich, dass neue Internetplattformen Helfer und Betriebe zusammenbringen sollen. Das Portal „Saisonarbeit in Deutschland“ lässt sich jetzt gratis nutzen statt bisher für 102 Euro pro Saison. Zusätzlich vereinbarte Klöckner mit dem Bundesverband der Maschinenringe das neue Portal „Daslandhilft“, und private Vermittler gibt es außerdem. 

„Die Idee finde ich klasse“, sagt Hauptgeschäftsführer Manfred Uhlemann vom Landesbauernverband in Dresden. Schon hätten viele Sachsen angeboten, beim Spargelstechen, Pflanzen oder Bäume verschneiden zu helfen. „Da sind wir wirklich überwältigt“, sagt Uhlemann.

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Auch Studenten seien als Erntehelfer willkommen, in Leipzig meldeten sich schon welche. Allerdings ist Spargelstechen schwieriger als Erdbeeren ernten. Das bekamen schon die Arbeitsagenturen zu hören, als sie zur Zeit der Massenarbeitslosigkeit Erwerbslose auf die Felder schicken wollten. Ungeübten fällt die Ernte nicht nur schwer, sie stechen den Spargel aus Versehen kaputt.