merken
PLUS

Erschossen in Dachau

Der Ehrenhain gedenkt heute den 30 000 getöteten sowjetischen Kriegsgefangenen. Es gibt aber noch mehr Opfer, die mit Zeithain in Verbindung stehen.

Von Jens Ostrowski

Zeithain/Dachau. An diesen Funden ist die grausame Brutalität der SS abzulesen: Hunderte bis zu Handteller große Knochen und Schädelfragmente fanden Archäologen 2001 in der Nähe des berüchtigten ehemaligen Konzentrationslagers Dachau. Seit rund vier Jahren ist klar, dass diese menschlichen Überreste zu 4 500 sowjetischen Kriegsgefangenen gehören, die zwischen 1941 und 1942 auf dem bayerischen SS-Schießplatz Hebertshausen ermordet worden sind.

Anzeige
"Was hast du zu essen mit, Mama?"
"Was hast du zu essen mit, Mama?"

Kaum sind die ersten Meter zurückgelegt, ertönt lautstark diese Frage. Denn so schön das Wandern ist, ohne Picknick ist der Spaß nur halb so groß.

Nun haben Historiker der KZ-Gedenkstätte Dachau herausgefunden, dass Hunderte von ihnen über Zeithain und Mühlberg nach Bayern gekommen waren. „Von den derzeit bekannten 1 076 Namen der auf dem Schießplatz Hebertshausen 1941/42 erschossenen sowjetischen Kriegsgefangenen sind insgesamt 131 im Stalag 304 Zeithain und 173 im Stalag Mühlberg registriert worden“, sagt Jens Nagel, Historiker und Gedenkstättenleiter im Ehrenhain Zeithain. Die übrigen kamen überwiegend aus Lagern in Niederschlesien und Niedersachsen.

„Alle waren 1941 in die Wehrkreise XIII Nürnberg und VII München für den Arbeitseinsatz versetzt worden“, erklärt Nagel. Dort seien sie dann durch Einsatzkommandos der Gestapo aus den Arbeitskommandos ausgesondert und von der Wehrmacht formal aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und an die SS überstellt worden. Die Gefangenen seien dann unter anderem in das Konzentrationslager Dachau transportiert worden, um dort ermordet zu werden. „Dies konnte nur durch die aktive Zusammenarbeit und Unterstützung durch die die jeweiligen Arbeitskommandos verwaltenden Stalag-Kommandanturen und deren Nachrichtendienstoffizieren, den sogenannten Abwehroffizieren, gelingen“, sagt Jens Nagel.

Bei den Opfern handelte es sich vorwiegend um Politkommissare, Juden, Offiziere und Intellektuelle. Über drei Millionen Rotarmisten starben insgesamt in deutschen Gefangenenlagern einen qualvollen Hungertod oder an Folgekrankheiten. Zehntausende wurden zur Erschießung an SS und Gestapo ausgeliefert, wie nach Dachau, einem der zentralen Exekutionsorte auf deutschem Reichsgebiet. All diesen Opfern wird der Ehrenhain heute gedenken. Vor genau 69 Jahren wurde das Lager von der Roten Armee befreit.

Zwischen 1941 und 1945 wurden hier Zehntausende Rotarmisten gefangen gehalten, etwa 25 000 bis 30 000 überlebten die Kriegsgefangenschaft nicht. „Daneben starben über 900 Gefangene anderer Nationalität, die überwiegend aus Italien und Polen stammten. Die Toten wurden im Ehrenhain und auf weiteren Kriegsgefangenenfriedhöfen auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Zeithain bestattet“, sagt Jens Nagel.

An die Befreiung des Zeithainer Kriegsgefangenenlagers wird heute mit einer großen Gedenkfeier erinnert.

Erstmals präsentiert werden der Öffentlichkeit dabei die im Ehrenhain und auf dem Kriegsgefangenenfriedhof Jacobsthal aufgestellten Stelen mit den Namen von insgesamt 12 750 sowjetischen Kriegsgefangenen, die von Juli 1941 bis November 1942 im Lager Zeithain verstorben sind.

Beginn der Gedenkfeier ist um 17.30 Uhr im Zeithainer Ehrenhain.