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Großenhain

Nach sechs Wochen: Wiedersehen mit dem Papa

Bisher durften Senioren in Altenheimen keine Familie empfangen. Jetzt ist das Besuchsrecht gelockert - und Willi Stelzig in Großenhain kann seine Tochter treffen.

Willi Stelzig aus der Seniorenresidenz Pro Civitate in Großenhain bekam nach sechs Wochen das erste Mal Besuch. Nicht nur seine Tochter Kerstin war da. Auch die geliebte Hündin Emmy.
Willi Stelzig aus der Seniorenresidenz Pro Civitate in Großenhain bekam nach sechs Wochen das erste Mal Besuch. Nicht nur seine Tochter Kerstin war da. Auch die geliebte Hündin Emmy. © Anne Hübschmann

Großenhain. Emmy ist eindeutig im Vorteil. Mit flinken Beinchen rennt die zehn Jahre alte Bolonka-Zwetna-Hündin ungestüm auf jenen Tisch zu, an welchem er schon sehnsüchtig wartet. Ohne Mundschutzmaske, keinen tierischen Schimmer von ausgerufenen Abstandflächen und in Corona-Zeiten wie diesen notwendigen Beschränkungen. Ein geschickter Hopser und Emmy sitzt auf den Füßen eines sichtlich überglücklichen Mannes. 

"Das ist das Auto meiner Tochter", hatte Willi Stelzig bereits leise gemurmelt, als das blaue Gefährt an diesem Sonnabendvormittag auf dem Parkplatz der Seniorenresidenz Pro Civitate in Großenhain zum Stehen kommt.

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 Der 87-Jährige, sonst stets charmant und um die richtigen Worte nie verlegen, knetet plötzlich unruhig seine Hände. Auch wenn er es sich nicht anmerken lassen möchte: Nun ist er doch ein wenig aufgeregt. Und eine große Freude steht in seinem Gesicht geschrieben.

Denn da ist sie tatsächlich! Nach sechs Wochen läuft seine Tochter Kerstin jetzt auf ihn zu. Strahlend und mit eiligen Schritten, so als könne auch sie es nicht mehr erwarten. "Mensch Papa", bringt die 58-Jährige sichtlich gerührt hervor und breitet die Arme aus. 

Der Balkon war für den 87-jährigen Willi Stelzig sechs Wochen lang ein Stück Fenster zur Welt. Aufgrund der Beschränkungen konnte der Senior die Großenhainer Residenz nicht verlassen.
Der Balkon war für den 87-jährigen Willi Stelzig sechs Wochen lang ein Stück Fenster zur Welt. Aufgrund der Beschränkungen konnte der Senior die Großenhainer Residenz nicht verlassen. © Foto: privat

Ein Moment wie Weihnachten und Geburtstag auf einen Tag. In Willi Stelzigs Augen schimmert es verdächtig, auch er rudert mit den Armen durch die Luft, um dann mitten in der Bewegung innezuhalten. "Wir dürfen uns doch gar nicht so nahe kommen", fällt Vater und Tochter beinah gleichzeitig ein und Willi Stelzig schüttelt lachend den Kopf. 

Gut sieben Wochen war der ehemalige Verwaltungsdirektor eines Dresdner Krankenhauses gewissermaßen von der Außenwelt abgeschnitten. Konnte er bis dahin einen kleinen Bummel durch die Röderstadt unternehmen, hat sich sein Aktionsradius nun wesentlich verkleinert. 

Mal ein Schritt vor die Eingangstür, auf den Balkon oder ein Aufenthalt im Garten. Mehr ist seit 18. März in der Seniorenresidenz Pro Civitate mit Häusern in Großenhain und Meißen nicht möglich. Zu eindeutig war die Entwicklung im Freistaat mit ansteigenden Covid-19-Infektionen und zu deutlich die Vorgaben der sächsischen Landesregierung.

Zum Thema Coronavirus im Landkreis Meißen berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog!

Dass Bund und Länder sich am Mittwoch für eine deutliche Lockerung der Corona-Auflagen ausgesprochen haben und damit den Besuch in einem Altenpflegeheim beziehungsweise einer Seniorenresidenz wie der Großenhainer gestatten, ist nicht nur für Willy Stelzig ein deutlicher Gewinn an Lebensqualität. 

Zwar habe man sich gut mit der bisherigen Situation arrangiert. Die Versorgung und geradezu liebevolle Betreuung des Personals sei besonders in den vergangenen Wochen - in denen auch die Osterfeiertage leider ohne Kinder und Enkelkinder verbracht werden mussten - sehr wohltuend gewesen. 

Er und seine 67 übrigen Mitbewohner hätten eine gute Rund-um-die-Uhr-Zuwendung erfahren, die so zu Hause gar nicht möglich gewesen wäre. "Was die Mitarbeiter dieser Einrichtung tun, ist uns Angehörigen sehr wohl bewusst und erleichtert uns vieles. Ja, wir sind wirklich sehr dankbar dafür! Aber es ist freilich etwas anderes, den Papa nun selbst sehen und erleben zu dürfen", bekennt Kerstin Stöhr.

Und was sie sieht, stimme die Würschnitzerin überaus froh. Ihr Vater, der nach einem Schlaganfall vor zwei Jahren zunächst einseitig gelähmt war und nicht sprechen konnte, ist tatsächlich in sehr guter Verfassung. Was sie beim täglichen Telefonat bereits herausgehört habe, treffe wirklich zu. 

Der gebürtige Dresdner ist guter Dinge, gesund und durchaus zu Scherzen aufgelegt. Vor allem macht er keinen Hehl daraus, wie viel ihm dieses Wiedersehen - wenn auch mit Mund-Nasen-Schutz und beim Betreten seines Zimmers gleich in hygienisch einwandfreiem Ganzkörperkittel - bedeutet. 

Endlich ist sie da. Eine von zwei Töchtern. Nach sechs Wochen, deren Länge auf einmal so deutlich bewusst wird. Nun, da seine Kerstin mit gebotenem Abstand neben ihm sitzt. Und auch wenn er sein Kind nicht anfassen darf - jeder Satz ist eine liebevolle Umarmung.

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