merken
PLUS

Leben und Stil

Ersetzen Roboter bald die Pfleger?

Auch in Sachsen setzt man große Hoffnungen in die Technik. Doch Fachleute diskutieren vor allem über die ethischen Grenzen.

Die Kommunikationsmanagerin der Mitherstellerfirma Aldebaran, Aurora Chiquot, umarmt am 13. März 2016 auf dem Messegelände der CeBIT Hannover den humanoiden Roboter "Pepper".
Die Kommunikationsmanagerin der Mitherstellerfirma Aldebaran, Aurora Chiquot, umarmt am 13. März 2016 auf dem Messegelände der CeBIT Hannover den humanoiden Roboter "Pepper". © dpa/Ole Spata

Von Joachim Göres

Pepper kann Rätselaufgaben stellen, Märchen erzählen oder zu Bewegungsspielen animieren. Wenn sein Gegenüber traurig ist, versucht er, ihn mit einem Witz aufzuheitern. Er hat die Größe eines Schulkindes und blickt sitzenden Senioren in die Augen. Für sie ist der Anblick ungewohnt: Denn Pepper hat zwar einen Kopf, Arme und Beine, doch auf seiner Brust befindet sich ein Bildschirm zur Bedienung.

Anzeige
Lust auf neue Kunden?

Händler und Gewerbetreibende aufgepasst: Wie Sie mit der sz-Auktion gleich doppelt gewinnen und was Sie dafür tun müssen.

Der weiße Geselle ist ein Pflegeroboter. Seine Herstellerfirma wirbt nach ersten Erfahrungen beim Einsatz: „25 Prozent Zeitersparnis des Pflegepersonals. 30 Prozent durchschnittlich höhere körperliche Aktivitäten der Senioren. 100 Prozent mehr lächelnde Gesichter.“ Wie diese Zahlen ermittelt wurden, bleibt offen, eine Angabe ist aber absolut vertrauenswürdig: Pepper kostet mindestens 35 000 Euro. Mehrere Altenheime haben bereits so einen Pflegeroboter gekauft. Und die Nachfrage wächst.

„Die Personalsuche wird schwieriger. Mehr Technik kann da hilfreich sein“, sagt Klaus Hillringhaus vom Evangelischen Johanneswerk in Bielefeld, zu dem 36 Heime der Altenhilfe gehören. Denn deutschlandweit steigt die Zahl der Pflegebedürftigen.

Derzeit sind allein in Sachsen rund 205 000 Menschen auf Pflege angewiesen. Bis zum Jahr 2030 wird ihr Anteil voraussichtlich um weitere 20 Prozent steigen. Auch im Freistaat wird deshalb an der entsprechenden Technik geforscht. Das Institut für künstliche Intelligenz an der Dresdner Hochschule für Wirtschaft und Technik hat neue Assistenzsysteme entwickelt, die mit Pepper zumindest äußerlich nicht mehr viel gemein haben.

Manches Einsatzgebiet stößt auf Ablehnung

Die erste Projektphase ist inzwischen abgeschlossen, nun geht es um den dauerhaften Einsatz in einem Dresdner Pflegeheim und in der Neurologischen Klinik des Uniklinikums Dresden. Der Fokus richtet sich nicht mehr nur auf Pflegebedürftige, sondern auch auf die Therapie von Demenzkranken. Dafür wurden weitere Firmen gewonnen. Der Freistaat unterstützt das Vorhaben mit europäischen Fördermitteln in Höhe von rund 1,8 Millionen Euro.

Auf einer Tagung des Evangelischen Zentrums für Gesundheitsethik in Hannover ging es Anfang September um ethische Kriterien für den Einsatz. Wichtig sind für Hillringhaus zum Beispiel Selbstständigkeit, Fürsorge, Sicherheit, Gerechtigkeit, Privatheit, Selbstbestimmung und Teilhabe. „Die Würde und Intimsphäre der Bewohner muss gewahrt bleiben“, sagt er. „Es bleibt die Frage der Finanzierbarkeit von technischen Assistenzsystemen. Die Pflegekasse muss mehr Kosten übernehmen.“

Eva Jahn von der Technischen Hochschule Rosenheim arbeitet an einem Forschungsprojekt, in dem mit der TU München bis 2021 ein Pflegeroboter entwickelt werden soll. Dazu wurden Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter von Pflegeheimen befragt. Viele Einsatzgebiete stießen auf Ablehnung. Nicht gewünscht werden die Körperpflege durch einen Roboter, das Verabreichen von Medikamenten, die Begleitung bei Spaziergängen. Auch der Umgang mit Demenzkranken und Small Talk mit Bewohnern werden kritisch gesehen.

Ist Roboter "Pepper" die Zukunft der Pflege?
Ist Roboter "Pepper" die Zukunft der Pflege? © dpa/Carmen Jaspersen

Viel Skepsis

Ziel ist nun ein Roboter mit menschlichen Zügen, der servieren und abräumen, Getränke und Snacks anbieten sowie Bewohner beim Einkaufen unterstützen kann. „Klar ist, dass der Kontakt zu den Pflegekräften nicht geringer werden darf und dass der Roboter den Senioren keine Tätigkeiten abnehmen soll, die sie noch selber ausführen können“, sagt Jahn.

Manfred Hülsken-Giesler, Professor für Pflegewissenschaft an der Uni Osnabrück, sieht Defizite: „Wir brauchen wissenschaftliche Studien, was die Technik in der Pflege praktisch bringt. Innovation darf nicht nur auf die Technik beschränkt bleiben, sondern es ist eine Verbesserung der Pflege nötig. Diese Diskussion findet nicht statt.“ Hülsken-Giesler ist Mitglied der Altersberichtskommission der Bundesregierung, die bis November einen Bericht darüber vorlegen will, welchen Beitrag die Digitalisierung zum Leben im Alter leisten kann.

Galia Assadi von der Evangelischen Hochschule Nürnberg erlebt bei ihren Studenten der Pflegewissenschaft viel Skepsis. „Es wird ihnen gesagt, dass sie durch technische Assistenzsysteme mehr Zeit haben. In den Heimen erleben sie dagegen, dass man sich viel Zeit für die Beschäftigung mit der Technik nehmen muss.“ (mit rnw/sk)

www.pflege-der-zukunft.de