merken
PLUS

Erst sammeln, dann sägen

Wie der Wald funktioniert, erkunden Schüler im Müglitztal. Dort dürfen sie sogar Bäume rausholen.

Von Heike Wendt

Ohne Tüte geht nichts. Darauf besteht Karl-Heinz Rehn. Der Naturliebhaber hat sich mit Acht- und Neuntklässlern der Pirnaer Goetheschule von Niederschlottwitz aus auf den Weg gemacht. Ziel ist das Landgut in Großröhrsdorf. Der Nachbarort liegt Luftlinie nur etwa einen Kilometer entfernt. Aber etliche Höhenmeter weiter oben. „Wir haben hier einen Schlucht- und Hangmischwald“, erklärt der Forstwirt a. D. und frühere Mitarbeiter der Naturschutzbehörde im Landkreis. Er zeigt auf den Doktorgraben. In dem wachsen Pflanzen, die typisch sind für Schluchten und hier optimale Bedingungen finden.

Sachsenbessermachen.de
Wir geben Geschichten aus Sachsen eine Bühne.
Wir geben Geschichten aus Sachsen eine Bühne.

Hinsehen, Zuhören, Lösungen finden - gemeinsam. Sachsen besser machen!

Die Schüler wollen erkunden, welche das sind und Probeexemplare sammeln. Eine Liste mit den Bäumen, Sträuchern und Stauden, die zu finden sein müssten, bekommt jeder in die Hand. Bergahorn und Sommerlinde sind schnell entdeckt. Karl-Heinz Rehn hat den Rucksack voller Bestimmungsbücher. Die Tüten mit den Proben füllen sich langsam, der Inhalt wird am Nachmittag noch gebraucht. Der Ausflug durch den Busch ist Bestandteil des Schulwaldprojekts, das vom Landgut Kemper & Schlomski in Großröhrsdorf ins Leben gerufen wurde. „Ich war von der Idee sofort begeistert“, sagt Lehrerin Careen Berthold. In der Schule unterrichtet sie Mathe, Physik und Informatik. Den Neigungskurs Schulwald hat sie gern übernommen. Das hängt auch mit den eigenen Interessen zusammen. Frau Berthold ist es wichtig, dass ihre Schüler raus kommen und sich im Wald bewegen, ihn riechen und anfassen können. „Das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich, dass sich Jugendliche draußen bewegen“, sagt sie. Doch nur so können sie einen Bezug zur Natur herstellen und sie schätzen lernen.

Herzstück ist der Waldgarten

Das werden sie wenige Minuten später erlebt haben. Denn für den zweiten Teil des Ausflugs werden Sägen und Scheren gebraucht. „Ein Teil des Wanderweges ist zugewachsen“, erklärt Bärbel Kemper. Er muss freigeschnitten werden. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Trampelpfade entstehen und schützenswerte Lebensräume zerstört werden. Das leuchtet den Schulwald-Teilnehmern ein. Das Werkzeug ist schnell verteilt, das Freischneiden jedoch nicht ganz einfach. Welche Äste sollen zuerst weg? Wohin mit dem Grünschnitt? Wie breit soll der Weg freigeschnitten werden? Wer darf zuerst schneiden?

Das Sägen und Schneiden mit dem Rucksack auf dem Rücken funktioniert nicht, das steht schnell fest. Die Arbeit wird verteilt: erst die jungen Bäume, dann dickere Äste, zum Schluss die Brombeerranken, die über den Weg wuchern. Das Abgeschnittene landet auf einem Haufen und erfüllt einen neuen Zweck. Im Totholz werden sich schnell Insekten und Pilze ansiedeln und das abgestorbene Geäst verrotten lassen. „Uns ist wichtig, die naturnahe Waldbewirtschaftung erlebbar zu machen“, erklärt Bärbel Kemper.

Herzstück des Schulwaldes ist das 3 500 Quadratmeter große Silvoretum, was Waldgarten bedeutet. In zehn Bereichen ist die typische Vegetation für verschiedene Wälder wie Bergwald, Nordamerikawald oder fruchttragende Waldbäume angelegt. Hier können Projekttage oder Exkursionen stattfinden. Angefangen hat das Landgut mit dem Projekt 2008 mit dem Einzäunen des Areals und der Vorbereitung der Anpflanzungen. Im vorigen Jahr wurde es von der Bildungsagentur als Neigungskurs anerkannt. Großen Anklang fand die Exkursion „Wild und Jagd“ mit anschließendem Wildschweingrillen.

Darüber hinaus sind im Schulwald weitere Jugendliche zugange. Erst im Mai hat die Jugendfeuerwehr von Großröhrsdorf-Biensdorf Fledermausquartiere und Nisttaschen gebaut. Für die Goetheschüler steht an diesem Tag eine weitere Station auf dem Waldstundenplan. Die gesammelten Pflanzen müssen sortiert und in der Pflanzenpresse haltbar gemacht werden. Dann haben die Tüten endlich Schulschluss.

Das Landgut bietet einen Einblick in das Waldgebiet mit Erläuterungen bei geführten Wanderungen, die regelmäßig angeboten werden.

www.lgks.eu