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Erstes Deutsch-Indisches Festival startet in der Johannstadt

Selina Sharma ging zum Studium nach Indien – und blieb. Jetzt will sie ihre Wahlheimat den Dresdnern nahebringen.

© André Wirsig

Von Tobias Wolf

Selina Sharma streicht ihrem Sohn über den Kopf. Der einjährige Shri Lakshman kann inzwischen wieder lachen. Tagelang war der Sohn der Deutsch-Inderin im Krankenhaus, weil er das Dresdner Klima nicht so gut vertragen hat. Jetzt hüpft der quirlige Kleine auf ihrem Schoß herum, während seine Mutter eigentlich ein bisschen Ruhe mit ihren Unterlagen bräuchte. Denn die 38-Jährige steckt mit ihrem Mann Shashank Goswami gerade in den letzten Vorbereitungen für die Deutsch-Indischen Wochen in Dresden. Es ist das erste Festival dieser Art in der Stadt.

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Zum Auftakt gibt es am Sonntag ein Kindertagsfest mit indischen Spielen im Johannstädter Kulturtreff auf der Elisenstraße. Dann fühlen sich auch die beiden Söhne von Selina Sharma ganz wie zu Hause. Denn einen Großteil des Jahres lebt die Familie in Indien. Unter anderem in Vrindavan, der Stadt der 5 000 Tempel, wie der Ort am Yamuna-Fluss, zwei Stunden vom berühmten Taj Mahal entfernt, genannt wird. Vor genau 20 Jahren kam Sharma das erste Mal dorthin. Eine Forschungsarbeit über die musikalischen Traditionen der Tempel hatte sie in die abseits von Touristenpfaden liegende Region geführt. Seinerzeit studierte Sharma in England das Fach Ethnomusikologie. Was für viele Ohren zunächst exotisch klingt, war bei ihr in der Familie sozusagen vorgegeben. Denn der Vater, Konzertmeister bei der Dresdner Philharmonie, und die pianospielende Mutter hatten eine große Bibliothek über indische Kunst, Kultur und Musik. „Von klein auf hab ich mich deshalb für Indien interessiert“, sagt Sharma. Während sie an der Forschungsarbeit für ihre Promotion über traditionelle Tempelmusik arbeitet, lernt sie Shashank Goswami kennen.

Seine Familie lebt in der Nachbarschaft. Weil sie zur hohen Kaste der Brahmanen gehört, sind Goswami und seine Brüder als Hindu-Priester in Vrindavan tätig. Goswami selbst ist auf den Küchendienst spezialisiert, denn Essen gehört in vielen indischen Tempeln zum Beten dazu. Doch erst zehn Jahre nach ihrem ersten Kennenlernen werden Sharma und Goswami ein Paar. Ende 2005 heiraten sie mit allen hinduistischen Ritualen, die so eine indische Hochzeit mit sich bringt. Für Europäer schwer vorstellbar, dauert so ein Fest mit Hunderten Gästen mehrere Tage – von den initialen Gebeten bis zur Vermählungszeremonie, die das Paar königgleich auf einem Thron verbringt.

An das Leben in Indien hat sich Sharma schnell gewöhnt, spricht inzwischen fließen Hindi, den Dialekt Nordindiens und ist auch äußerlich ganz auf dem Subkontinent angekommen. Sie trägt einen Sari, das klassische Gewand der Frauen sowie den bindi, ein roter Punkt auf der Stirn, das Zeichen verheirateter Frauen. Tradition ist wichtig. Ehemann Shashank Goswami fährt deshalb einmal im Jahr nach Varanasi, der heiligen Stadt am Ganges. Für Gebete und rituelle Waschungen. Gattin Sharma ist derweil mit den beiden Söhnen in Delhi, gibt Sprachkurse und koordiniert die Arbeit ihres Instituts für Vraja Kunst und Kultur, das sich vor allem um den Erhalt vom Aussterben bedrohter Tempelmusiken bemüht.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann kommt Sharma jedes Jahr für rund zwei Monate nach Dresden. Er schätzt vor allem das Klima hier. Denn in Delhi oder Vrindavan herrschen derzeit über 40 Grad Celsius im Schatten. „Auch die Ruhe im Verkehr ist wunderbar“, sagt der 42-Jährige. „Hier wird fast gar nicht gehupt.“ Goswami genießt die Zeit in Dresden. Zu den Programmen seiner Frau bereitet er original indisches Essen, damit die Besucher auch einen Blick auf die kulinarische Kultur des Subkontinents werfen können. Zum Beispiel bei den Tempelkochkursen im Johannstädter Kulturtreff.

Neben dem Vereinshaus sind das Internationale Begegnungszentrum des Ausländerrats und die Residenz von Selina Sharma und Shashank Goswami in der Donndorfstraße Veranstaltungsorte der Deutsch-Indischen Wochen. Verteilt über zwei Monate können Besucher Malerei, Musik und Kochkunst aus Indien erleben. Dazu gibt es Vorträge über die Millionenstädte Delhi und Mumbai (früher Bombay) und eine Aufführung des indischen Nationalepos Mahabharata auf der Bühne des Kulturtreffs. Weitere Informationen gibt es unter 4472823 oder im Internet.

www.johannstaedterkulturtreff.de