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Erwachen im Advent

In der Adventszeit ist Gelegenheit, sich erneut auf den Weg zu machenzum Menschsein, wieGott es gemeint hat.

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Von Christof Heinze

Jetzt, in der Zeit der vielen Pfefferkuchen, fällt es mir wieder ein, und ich gebe es gern zu: Meine ersten religiösen Eindrücke hatte ich nicht in der Kirche, sondern im Theater. Da war die Humperdinck-Oper „Hänsel und Gretel“, mit diesen erstarrten Pfefferkuchenkindern: „O rühr mich an, dass ich erwachen kann“ – so singen sie vor ihrer Befreiung.

Das rührt mich tief, noch heute, wenn ich es wieder höre. Es war mein erster, kindlicher Eindruck von „Erlösung“. Eingeprägt hat sich mir, als ich Kind war, auch der letzte gesungene Satz in dieser oft unterschätzten Oper: „Wenn die Not auf’s Höchste steigt, Gott der Herr die Hand uns reicht“.

Im Advent will ich mich „anrühren“ lassen, „dass ich erwachen kann“. Ich will heraus aus der harten Kruste, gebacken im Hexenofen der viel zu vielen Dinge, Funktionen und Informationen. Frei werden möchte ich, wie die verhexten Kinder, für das Leben, für das Wesentliche. „Wenn die Not auf’s Höchste steigt…“ – da hat mein Herz geklopft, als ich klein war.

Dieses Klopfen will ich wieder hören, in der Liturgie dieser Tage: „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!“ Oder: „Das Volk, das im Finsteren wandert, hat ein großes Licht gesehen“. Ich will anklopfen lassen an der Tür meiner Seele, damit die Sehnsucht wieder erwacht.

Frieden in sich finden

Und am Ende der Adventstage will ich auf’s Neue glauben: Uns ist ein Kind geboren, „Gott der Herr die Hand uns reicht“.

Eher fernhalten möchte ich mich, so gut es eben geht, vom alljährliche Einkaufsrummel dieser Tage. Eher nehme ich mir vor, das Ursprüngliche und Wesentliche zu suchen. „Wenn ein Mensch in sich selber Frieden gestiftet hat“, sagte der jüdische Rabbi Bunam, „ist er befähigt, ihn in der ganzen Welt zu stiften.“

Sinngemäß will ich mich „anrühren“ lassen im Advent, „dass ich erwachen kann“. Denn ich möchte auch wacher werden für die wachsende Not in unserer Gesellschaft, ohne mich davon lähmen zu lassen. Im März dieses Jahres haben wir in einem Passionsgottesdienst in der Radebeuler Lutherkirche auf die wachsende Kinderarmut in Deutschland aufmerksam gemacht. Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs haben wir kürzlich erfahren, dass sie im Laufe des Jahres noch weiter gestiegen ist. „Wenn die Not auf’s Höchste steigt, Gott der Herr die Hand uns reicht“ – das Märchen von „Hänsel und Gretel“ ist, ebenso wie die Weihnachtsgeschichte, auch eine Geschichte armer Eltern und Kinder.

Mich „anrühren“ lassen, dass ich „erwachen kann“ – das beginnt in meiner Seele, und ohne diesen Beginn kommt es wohl gar nicht zustande. Aber es wird dort nicht stehen bleiben. So ist der Advent eine große Gelegenheit, dass wir uns von Neuem auf den Weg machen. Zum Kind in der Krippe, wenn auch nicht einfach „zurück ins Kinderland“. Eher zur Ursprünglichkeit, zu unserem Menschsein, wie Gott es gemeint hat. Mehr als alles andere vielleicht brauchen wir in Zeiten steigender Not Menschen, die sich berühren lassen. Und die bereit sind, zu erwachen.

Christof Heinze ist Pfarrer in der Lutherkirchgemeinde Radebeul-Ost