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Wie der Tourismus im Erzgebirge anläuft

Vor einem Jahr schaffte es die Region auf die Welterbeliste der UNESCO. Diesen Trumpf möchte der Tourismusverband nun ausspielen. Ein Interview.

Ines Hanisch-Lupaschko ist die Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Erzgebirge. Sie arbeitet an einem Aufschwung im Tourismus.
Ines Hanisch-Lupaschko ist die Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Erzgebirge. Sie arbeitet an einem Aufschwung im Tourismus. © Egbert Kamprath

Der Erzgebirgs-Tourismus hoffte auf ein sehr erfolgreiches Jahr. Doch das Coronavirus hat die Pläne der Tourismuswirtschaft durchkreuzt. Wie es um die Hotels und Gaststätten in der Region zwischen Altenberg und Eibenstock steht und was der Tourismusverband Erzgebirge tun wird, um das Geschäft anzukurbeln, sagt die Geschäftsführerin des Verbandes, Ines Hanisch-Lupaschko, im SZ-Interview.

Frau Hanisch-Lupaschko, wie schwer hat der Coronavirus dem Tourismus im Erzgebirge zugesetzt?

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Grundsätzlich hat es für den Tourismus im Erzgebirge nach dem Ausbruch des Coronavirus und den damit verbundenen Restriktionen einen bisher nicht vorstellbaren Einbruch gegeben. Mitte März ist unsere Geschäftsgrundlage, touristische Reisen anbieten zu können, komplett weggebrochen. Nun gibt es seit Mitte Mai erste Lockerungen. Die Hotels haben ihre Hygienekonzepte angepasst und umgesetzt. Der Tourismus ist angelaufen. Wir haben gute Feedbacks von unseren Mitgliedern bekommen, vor allem nach dem Himmelfahrtswochenende. Die Nachfrage ist aber noch verhalten, viele Gäste sind noch verunsichert, da sie nicht wissen, ob die Kurzurlaube oder Wochenendausflüge die Erwartungen erfüllen werden. Die, die gekommen sind, sind sehr eigenverantwortlich mit der Situation umgegangen. Sie sind sehr dankbar, dass die Hoteliers und Gastronomen die Regeln transparent kommunizieren. Es gibt ein Gefühl von Sicherheit, dass jetzt unheimlich wichtig ist.

Haben alle Gaststätten, Hotels und Museen schon wieder geöffnet?

Wir haben auf unserer Webseite eine Übersicht erstellt, auf der alle Einrichtungen gelistet sind, die geöffnet haben. Ein Großteil der Freizeiteinrichtungen und Museen ist wieder geöffnet. In einigen gibt es noch Einschränkungen, so zum Beispiel in Museen, die Wissen auf virtueller Basis vermitteln. Vor allem die Geräte mit Touchscreen, also die mit Fingerberührung gesteuert werden, sind meist außer Betrieb.

Wie haben die Hotels und Gaststätten die Schließzeit überstanden?

Es ist nicht einfach für Gastronomen und Hoteliers, zwei Monate Schließzeit so wegzustecken. Es gab verschiedene Sofort- und Förderprogramme vom Freistaat Sachsen und vom Bund, die die Unternehmen unterstützt haben. Aus unserem Verbandsgebiet ist mir niemand bekannt, der wegen der Corona-Krise nicht mehr öffnet. Die nächsten Wochen werden entscheiden, ob der Tourismus in einer Intensität anläuft, dass man wieder rentabel arbeiten kann. Der große Vorteil im Freistaat Sachsen ist, dass es keine Beschränkungen wie in anderen Bundesländern gibt, wo Hotels zum Beispiel nur bis zu 60 Prozent belegt sein dürfen oder es eingeschränkte Öffnungszeiten gibt.

Wie wird sich die Corona-Krise auf den Tourismus im Erzgebirge auswirken?

Bei den Buchungsumsätzen rechnen wir in diesem Jahr mit einem Rückgang um rund 40 Prozent.

Aber März und April sind doch Monate, in denen nur wenige Urlaub machen, oder?

Das Erzgebirge ist eine sehr aktive Region, hier wird gewandert und Rad gefahren. Damit wird Mitte April begonnen. Erste Lockerungen gab es Mitte Mai. Doch damit kam das Geschäft nicht automatisch zurück. Viele haben ihren Urlaub auf den Sommer und den Herbst verlegt oder auf 2021 verschoben. Nicht zu vergessen ist, dass das ganze Ostergeschäft nicht stattfand.

Eigentlich hätte es für den Tourismus ein gutes Jahr werden sollen. Die Montanregion Erzgebirge wurde auf die Welterbeliste der UNESCO gesetzt. Können Sie damit punkten?

Die Ernennung der Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří zum UNESCO-Welterbe war im letzten Sommer ein sehr großes Ereignis. Für die weltweit größte Touristik-Messe, der ITB im Frühjahr 2020 in Berlin hatten wir unseren großen Aufschlag vorbereitet und wollten eine Kampagne unter dem Titel "Berlin feiert Welterbe – im Erzgebirge" starten. Die Messe fand aufgrund der Corona-Pandemie nicht statt. Die gesamte Kampagne reaktivieren wir nun behutsam, um den UNESCO-Welterbe-Titel in der Region und in den angrenzenden Bundesländern noch bekannter zu machen. International sind wir aufgrund der noch ausgesprochenen Reisewarnung noch zurückhaltend. Mittelfristig werden wir aber auch in den Quellgebieten der Schweiz, in Österreich und in den Niederlanden über eine crossmediale Kommunikationskampagne auf das Welterbe und unsere Region aufmerksam machen, die Kampagne ist bis zum Sommer des nächsten Jahres geplant.

Glaubt man Umfragen, dann werden viele ihren Urlaub in diesem Jahr nicht im Ausland, sondern im Inland verbringen. Könnte das Erzgebirge von diesem Trend profitieren?

Ja. Nach der langen Zeit, die die Leute jetzt zuhause verbringen mussten, ist die Sehnsucht nach Aktivitäten in der Natur sehr stark. Dafür ist unsere Region perfekt. Wir bieten eine UNESCO-Welterberegion mit einer atemberaubenden Kulturlandschaft, ganz authentische Gastgeber, ein perfektes Radwegenetz und preisgekrönte Wanderwege. Wir haben im Erzgebirge den Qualitätsweg Kammweg Erzgebirge-Vogtland, der über 285 Kilometer das gesamte Gebiet durchstreift, von Altenberg/Geising bis nach Blankenstein in Thüringen und einzigartige Ausblicke bietet.

Wie wollen Sie Touristen ins Erzgebirge locken?

Von uns gibt es verschiedene Angebote, die Lust machen, diese Region in ihrer ganzen Vielfalt zu entdecken. Wir haben zunächst Tagestouren und den Kurzurlaub in den Fokus gestellt und Angebote entwickelt für diejenigen, die hier ein verlängertes Wochenende oder zwei, drei Tage Urlaub verbringen wollen. Mit den Hotels bieten wir Reisen für verschiedene Zielgruppen an, sowohl für Familien als auch für Wanderer, für Kultur- und Bergbaugeschichtsinteressierte. Zu finden sind die auf unserer Homepage unter dem Stichwort Frischluftaktivitäten. Für den Sommer planen wir eine Aktion unter dem Titel „Sommerfrische im Erzgebirge“. Dabei geht es uns um ein Angebot für einen einwöchigen Urlaub, wo man von einem Standort aus verschiedenste Empfehlungen im Aktiv-, Kultur- oder Freizeitbereich erhält und so ganz flexibel seinen Urlaub gestalten kann. Verlängerungen sind natürlich nach Verfügbarkeit möglich.

Das Erzgebirge wird dank der E-Bikes von immer mehr Radfahrern entdeckt. Wie berücksichtigen Sie das?

Im Verbandsgebiet gibt es ein sehr gutes und gut ausgeschildertes Radwegenetz. Auf unserer Website haben wir verschiedene Tagestouren für Familien und auch für ambitionierte Fahrer. Dort gibt es auch verschiedene Themenradwege. In den letzten Jahren sind einige attraktive Mountainbike-Angebote im gesamten Erzgebirge entstanden. Als Leuchtturmangebot ist der "Stoneman Miriquidi" zu nennen. Bereits jetzt hat das Erzgebirge im Bereich Mountainbike im Vergleich der deutschen Mittelgebirge ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Mit dem neuen Projekt „Blockline" soll nun ein weiteres Mountainbike-Highlight geschaffen werden, das die Region zwischen Seiffen und Altenberg verbindet. Es ist ein Angebot, welches sich an sportliche Familien mit Kindern ab acht Jahren richtet und in drei Loops zwischen 50 und 70 km gefahren werden kann. Perspektivisch soll es auch entlang der Weißitztalbahn von Kipsdorf nach Freital eine neue Radroute geben, welche auf das bereits vorhandene Radwegenetz setzt.

Viele Kommunen werden durch die Conora-Krise in finanzielle Schwierigkeiten kommen. Sehen Sie die Gefahr, dass Städte und Gemeinden nicht mehr in der Lage sein werden, die Wanderwege zu pflegen? Denn das sind keine Pflichtaufgaben.

Wir sind mit unseren Kommunen im Gespräch und werden mit Sicherheit gute Lösungen finden, damit die touristische Infrastruktur erhalten bleibt. Denn der Tourismus ist im Erzgebirge auch ein entscheidender Wirtschaftsfaktor. Mit über 3,2 Millionen Übernachtungen, rund 900 Millionen Euro Bruttoumsatz und circa 25.000 Beschäftigten trägt er entscheidend zum Erfolg der Region bei. Das Erzgebirge ist als flächenmäßig größtes Reiseziel in Sachsen schon ein Gewicht im Freistaat.

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Ines Hanisch-Lupaschko (50) ist seit einem Jahr Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Erzgebirge. Dieser vertritt die Interessen von 75 Kommunen und über 400 Hotels, Gaststätten und anderen touristischen Anbietern im Erzgebirge. Die gebürtige Chemnitzerin ist Hotelfachfrau und VDR-geprüfte Distribution Managerin und arbeitete unter anderem in Berlin, Düsseldorf und Frankfurt am Main. Zuletzt war sie im Best Western-Hotel in Lichtenwalde tätig.

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