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Zwei Leichen im Schacht

Ein neuer Krimi deckt im Erzgebirge Verbrechen der DDR-Zeit auf.

Annaberg-Buchholz liefert die Kulisse für den Krimi.
Annaberg-Buchholz liefert die Kulisse für den Krimi. © Bernd März

Ein Journalist wird vom Zug überrollt. Eine Frau kommt in ihrem Haus zu Tode. Eine andere stürzt aus dem Fenster. Plötzlich sterben alle, mit denen Jan Berghaus spricht. Das kann kein Zufall sein. Misstrauisch wird er beäugt. Der Mann fällt auch sonst auf als stinkstiefliger Charakter. Mit Anfang fünfzig ist er in seine alte Heimat zurückgekehrt, ein erfolgloser Soziologieprofessor, der jeden Mittag im Gasthof Spaghetti mit Tomatensoße isst und die Wirtin nachts heimlich aus dem Gebüsch beobachtet, wenn sie sich auszieht. 

Seine Berufstätigkeit erschöpft sich in arrogantem Gemaule. Nur für die Geschichte der Gegend kann er sich etwas interessieren. Im „Gebirgsboten“ schreibt er darüber. Um der Auflage seines Magazins aufzuhelfen und damit dem Fördergeld, soll es nun „menscheln“. Berghaus rollt einen alten Todesfall auf. Damit weckt er Erinnerungen, die alle Beteiligten nur zu gern im Dunkeln gelassen hätten. „Denkt mal an den Imageschaden!“, warnt der Mittelstandsklub.

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Blick ins Professorenleben

Im Unterschied zu anderen Regionen wird das Erzgebirge im Kriminalroman seltener beleuchtet. Der Autor René Seidenglanz füllt eine Lücke. Er unterrichtet an einer privaten Hochschule in Berlin. Das erklärt die schön bösen Beobachtungen aus dem Studenten- und Professorenalltag. Wichtig sind nur die eingeworbenen Drittmittel. Doch der Autor kennt auch den Spielort seines Krimis genau. Einheimische dürften Annaberg-Buchholz erkennen. Anderen hilft ein Urkundenfund, der den Namen der Stadt erwähnt.

Einer der Betriebe dort stellt heute noch Posamenten her, Borten, Fransen und Quasten, Kordel und Schnüre.  Das Handwerk gehört zum Erzgebirge wie Bergbau und Männelschnitzen.

Kostbare Borten werden heute noch in Annaberg hergestellt.
Kostbare Borten werden heute noch in Annaberg hergestellt. ©  PR

Im Roman setzt die Firma Wimpel diese Tradition seit einem Jahrhundert fort. Die Familie übersteht alle Brüche und Umbrüche bis ins Jahr 1972. Dann werden die noch verbliebenen Privatunternehmen in der DDR verstaatlicht, und was das bedeutet, beschreibt der Roman bemerkenswert sachlich und präzise. Wenn es gut läuft, wird der alte Besitzer neuer Betriebsleiter samt Dienstwagen und Villa. Er erhält eine Entschädigung, die in Raten von einem Sperrkonto ausgezahlt wird. Doch so läuft es selten. Viele Privatunternehmer verweigern die Übergabe, sie werden bedroht, eingeschüchtert, erpresst und in die Enge getrieben, darüber zerbrechen Familien, Belegschaften, Freundeskreise. In diesem Fall geht es bis zum Mord.

Wunden sind nicht vernarbt

Es ist gut, dass der Autor an dieses fast schon vergessene Kapitel ostdeutscher Geschichte erinnert. Wer heute über die Entwertung von Lebensläufen und über Demütigungen spricht, sollte um die Wunden von damals wissen. Da ist nichts vernarbt und vergessen. Im Roman geraten die Leute deshalb in größte Aufregung, als der zugereiste Professor Berghaus nach Leichen im Keller sucht. Im Erzgebirge ist der Keller ein Schacht, das versteht sich von selbst.

Dort verschwand Martina 1972, die aufrührerische Tochter des Firmenchefs Kurt Wimpel. Er hatte sich der Verstaatlichung energisch widersetzt. Zuletzt sollte Martina einen der Männer verführen, die von ihm die „freiwillige“ Übergabe verlangten. Allein im Bezirk Karl-Marx-Stadt waren laut Autor über 9 000 Funktionäre mit handfester Überzeugungsarbeit befasst. Sie suchten nach Vorwänden, um den Zögernden die Pistole auf die Brust zu setzen. Bei Wimpel werden die Instrukteure fündig. Ein Teil der kostbaren Produktion ist spurlos verschwunden. Eine Männerclique, die sich Syndikat nennt, organisiert den Schmuggel von Ost nach West.

Berghaus bringt all die Zusammenhänge nur mühsam ans Licht. Das dauert. Ihn beschäftigt nicht nur die schöne, tote Martina. Neben ihrer konservierten Leiche gibt es eine zweite im Schacht. Ist es ihr Ehemann? Ihr Geliebter? Ist es ein zweifacher Freitod? Oder ein doppelter Mord? Wer war damals am Verschwinden der beiden interessiert?

René Seidenglanz, Professor für Management der Kommunikation, schreibt seinen ersten Roman.
René Seidenglanz, Professor für Management der Kommunikation, schreibt seinen ersten Roman. © Quadriga

Der Autor René Seidenglanz legt hinreichend falsche Spuren, die bis nach Kasachstan führen. Er verwickelt fast zwanzig Figuren in den Fall, und nach bewährter Krimimanier machen sich jene besonders verdächtig, die nur am Anfang eine kurze Rolle spielen. Kein Wunder, dass sich Berghaus ratlos verirrt zwischen all den roten Fäden, die er an seinen brüchigen Stubenwänden von einem Verdächtigen zum anderen zieht. Für einen Systemtheoretiker wie ihn sollten alle Handlungen einem logischen Muster folgen. Seine Tochter weiß es besser: „Es ist diese Wut, Papa.“ Wer wütend ist, handelt nicht rational.

Die Tochter ist ein Glücksfall für den Professor und für das Buch, ein sympathischer, eigensinniger, starker Charakter. Das sieht nach Fortsetzung aus. Der Krimi selbst setzt eine Geschichte fort, die seit Achim von Arnim, Johann Peter Hebel und E. T. A. Hoffmann immer weiter erzählt wird, bis hin zu Franz Fühmann. Es ist die Geschichte von jenem Bergmann, der in der Grube von Falun verschwand und Jahrzehnte später zur Überraschung seiner steinalten Braut vollständig konserviert gefunden wurde. Ein Stoff, der zum weltkulturellen Erbe gehören sollte.

René Seidenglanz: Toter Schacht. Emons Verlag, 351 Seiten, 12,30 Euro

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