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Mein Kind nutzt Schimpfwörter - was tun?

Eltern ist es peinlich, wenn ihr Kind Schimpfwörter benutzt. Aber Strafen oder Weghören machen es noch schlimmer.

Wenn einem die Schaufel geklaut wird, kann man schon mal sauer werden. Auch mit vier Jahren. Foto: dpa
Wenn einem die Schaufel geklaut wird, kann man schon mal sauer werden. Auch mit vier Jahren. Foto: dpa © dpa

Von Ricarda Dieckmann

Werfen schon die süßen Kleinen auf dem Spielplatz mit Schimpfwörtern um sich, würden sich manche Eltern am liebsten verkriechen. Sie wollen ja, dass ihr Kind wertschätzend mit anderen umgeht. Sagen Kinder Sätze wie „Gib das her, du blöde Ziege, das ist meine Schaufel!“, ist das vielen Eltern peinlich, weil sie sich fragen: Was denken jetzt bloß die anderen?

„Kinder haben große Ohren und gehen damit sehr offen und interessiert durch die Welt“, erklärt Dana Mundt von der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. „Quellen für Schimpfwörter gibt es viele: Kita, Schule, ältere Geschwister oder auch die Eltern selbst, etwa wenn sie beim Autofahren fluchen.“

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Bei älteren Kindern und Jugendlichen spielen Medien eine große Rolle. Sie nehmen durch Videos im Internet oder durch Rap-Texte Schimpfwörter auf. Haben kleinere Kinder obszöne Worte für sich entdeckt, testen sie diese meist gleich mehrfach aus. Dana Mundt weiß, was dahinter steckt. „Es sind eigentlich nicht die Wörter an sich, die für die Kinder reizvoll sind, sondern die Reaktionen darauf.“

Schimpfwörter erzeugen sofort eine Rückmeldung, ganz egal, ob sie dem Vater, der Oma oder dem Erzieher zu Ohren kommen. Mit ihren feinen Antennen merken Kinder dann, dass sie offenbar etwas getan haben, was eigentlich tabu ist. Somit sorgen Schimpfwörter für Aufmerksamkeit und sind ein Weg, die eigenen Grenzen auszuloten. Das gilt für kleinere Kinder genauso wie für Jugendliche in der Pubertät.

Warum nutzen Kinder diese Sprache?

Dabei ist den jüngeren Kindern meist gar nicht bewusst, was Schimpfwörter bedeuten. „Ausdrücke wie Blödmann können sich die Kinder noch herleiten: Das ist ein blöder Mann“, sagt Dana Mundt. Anders sieht es bei vielen sexualisierten Ausdrücken aus. Daraus folgt: Kleinere Kinder benutzen diese Wörter meist nicht mit der Absicht, andere zu beleidigen. Für ältere Kinder und Jugendliche dagegen können Schimpfwörter eine Möglichkeit sein, Dampf abzulassen.

Doch was tun, wenn obszöne Worte fallen? „Tief durchatmen – und nicht als persönlichen Angriff werten“, rät die Erziehungswissenschaftlerin Stefanie Wenzlick. Eine pauschale Lösung gibt es nicht. Denn einige Eltern ziehen schon bei milderen Wörtern wie Mist die Augenbrauen hoch, während bei anderen härtere Ausdrücke ganz selbstverständlich verwendet werden. „Eltern können versuchen, ein gutes Vorbild zu sein“, sagt Christina Zehetner, Sozialpädagogin und Erzieherin. Das bedeute nicht, dass sie ihre Wut herunterschlucken sollen. 

Strafen seien jedoch kein gutes Mittel, um Schimpfwörter einzudämmen. Auch das für viele Eltern reizvolle Überhören wird besser nicht zur Normalität. Denn Kinder nutzen Schimpfwörter auch aus dem Grund, um Aufmerksamkeit zu erhalten. „Ignorieren die Eltern das Kind, wird dieses Bedürfnis nicht gestillt“, sagt Wenzlick. Das kann dazu führen, dass Kinder mit noch härteren Wörtern oder aggressivem Verhalten reagieren. Und auf keinen Fall sollten Eltern es ignorieren, wenn ihr Kind Schimpfwörter zu anderen Menschen sagt.

Quatsch- statt Schimpfwörter

Ob das Schimpfwort in der Öffentlichkeit oder am Frühstückstisch fällt: Eltern sollten klarstellen, dass solche Begriffe problematisch sind. „Dabei sollten sie das Wort kritisieren, nicht das Kind“, sagt Wenzlick. Ist das Kind im Kindergartenalter, kann man ihm klarmachen, dass Schimpfwörter nicht nett sind und anderen Menschen wehtun. „Kleinere Kinder verstehen das meist sehr gut“, beobachtet Zehetner. „Das liegt daran, dass sie etwa ab dem Alter von drei Jahren stark in den Kategorien „gut“ und „böse“ denken.“ Bei älteren Kindern und Jugendlichen ist es möglich, die Hintergründe unter die Lupe zu nehmen.

In vielen Schimpfwörtern stecken Frauenverachtung, Homophobie, Rassismus oder Behindertenfeindlichkeit. Wenn das den Jugendlichen bewusst wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie zu diesen Wörtern greifen.

Es ist besser, das Thema mit einem Augenzwinkern als mit einem erhobenen Zeigefinger anzugehen“, empfiehlt Mundt. Dabei können kreative Strategien helfen. Zum Beispiel können harmlose Quatschwörter die Schimpfwörter ersetzen. Vom „peinlichen Pudding-Plumpser“ bis hin zum „Prinzessinnen-Orangenkopf“ ist alles möglich, was Eltern und Kindern einfällt. Für eher impulsive Kinder, die Schimpfwörter zum Abreagieren einsetzen, kann eine festgelegte Wut- oder Schimpfzeit sinnvoll sein. In diesem Zeitfenster kann der Nachwuchs seinen Gefühlen freien Lauf lassen, und all die dreckigen Worte loswerden, die sonst im Alltag nicht so gut ankommen.

Bei älteren Kindern kann eine Schimpfwort-Kasse funktionieren. Lässt ein Familienmitglied ein Schimpfwort fallen, muss es eine kleine Geldsumme einzahlen. Das gilt auch für die Eltern. „Das schafft Bewusstsein, wie viele Schimpfwörter überhaupt benutzt werden“, sagt Zehetner. Und läuft es eine Zeit lang gut mit der Schimpfwort-Vermeidung, kann sich die Familie mit dem vorher Angesparten zum Beispiel einen Besuch im Eiscafé gönnen. (dpa)

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