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"Es begann an einem Dampfer-Schornstein"

Der Dresdner Joachim Becker verbindet mit den Elbdampfern schaurige Erinnerungen - und sein größtes Glück.

Margot und Joachim Becker kamen sich vor 65 Jahren auf einem Elbdampfer näher.
Margot und Joachim Becker kamen sich vor 65 Jahren auf einem Elbdampfer näher. © Sven Ellger

Dresden. Die Geschichte der Dresdner Dampfschiffe und seiner Familie hätte eine sehr traurige werden können. Joachim Becker erinnert sich noch gut daran, wie aufgeregt sein Großvater damals nach Hause gekommen sei. Es war das Frühjahr 1945. Der Straßenbahnverkehr war durch die Bombenangriffe im Februar zum Erliegen gekommen und als Notlösung pendelte auf der Elbe zwischen Neustadt und Blasewitz ein Dampfer der "Weißen Flotte", damals noch im grau-grünen Tarnanstrich.

Beckers Großvater wohnte zu dieser Zeit auf dem Weißen Hirsch und nahm diese Möglichkeit häufiger in Anspruch, um in den wenigen verbliebenen Geschäften in der Neustadt einkaufen zu gehen. "Eines Tages wurde die Rückfahrt jedoch dramatisch", erinnert sich der 86-Jährige. Hinter dem Waldschlößchen sei der Dampfer mit seinem Großvater an Bord von einem Bomber angegriffen worden. 

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"Die schutzlos auf dem Deck versammelten Fahrgäste verfolgten mit angehaltenem Atem die Flugbahnen von zwei oder drei Bomben, die im Kielwasser des Schiffes verschwanden." Am Ende habe sein Großvater äußerlich unversehrt seine Wohnung auf der Sonnenleite erreichen können. "Die noch einige Zeit bestehende Schiffsverbindung hat er allerdings nicht mehr genutzt", sagt Becker.

Zehn Jahre später sollte die Dresdner Dampfschifffahrt dann jedoch Joachim Beckers eigenes Leben nachhaltig prägen. Nachdem sein Dienst als Polizist kurzfristig verschoben wurde, fuhr er an einem Herbsttag 1955 mit einem Freund zum Rummel, wo die beiden zwei junge Mädchen kennen lernten. Mit etwas Mühe überredete Becker eine von ihnen zu weiteren Treffen, darunter eine Fahrt mit dem Dampfer.

"Auf der Rückfahrt aus der Sächsischen Schweiz setzte schon die Dämmerung ein", erinnert sich Becker. "Auf dem Oberdeck wurde es empfindlich kühl." Daher suchten er mit seiner Begleitung die Nähe des Schornsteins. "Dessen wohlige Wärme und die Dunkelheit begünstigten wohl mehrere Kuscheleinheiten." In Höhe Pillnitz habe er dem Mädchen schließlich eine Liebeserklärung gemacht, die nicht unerwidert blieb.

Drei Jahre später sollten Joachim und Margot heiraten. Bis heute hält ihre Ehe seit mehr als sechs Jahrzehnten. Sie bekamen einen Sohn, Enkel und Urenkel. "Ohne den Schornstein wäre es vielleicht anders gelaufen", sagt Becker.

Den Schiffen und sich blieben die beiden danach immer treu. Vor drei Jahren schenkte ihnen ihr Sohn eine Jahreskarte für die Elbdampfer, die sie ausgiebig nutzen. "Wir fuhren mit allen Schiffen strom ab- und aufwärts. Der Schornstein von damals wird wohl dabei gewesen sein. Warm waren sie jedenfalls alle."

Heute bangen die beiden um den Erhalt der Dampfschiffahrt auf der Elbe. "Die Dampfer gehören doch zu Dresden und sind damit auch ein Teil von uns selbst", sagt Joachim Becker. Es wäre ein Jammer, wenn künftig nicht auch andere junge Männer und Frauen die Chance erhielten, auf den Dampfern ihr kleines oder großes Glück zu finden.

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