merken
PLUS

Es bleibt in der Familie

Die Spuren des Kunstkrimis führen am Ende immer wieder nach Dresden zur Dynastie der Gurlitts.

© TU Dresden

Karin Großmann

Gurlitt ist ein schillernder Name in der Kunstgeschichte. Das beginnt im 19. Jahrhundert mit dem Landschaftsmaler Louis Gurlitt. Seine Gemälde erzielen heute bei Auktionen beachtliche Preise. In dritter Ehe war er mit einer Schwester von Fanny Lewald verheiratet, einer emanzipierten Schriftstellerin mit einem berühmten politisch-literarischen Salon. Sie starb 1889 in Dresden – alle Spuren des Kunstkrimis führen am Ende immer wieder hierher.

Klinik Bavaria Kreischa
Perspektiven Schaffen - Teamgeist (Er-) leben
Perspektiven Schaffen - Teamgeist (Er-) leben

Wir sind die KLINIK BAVARIA Kreischa - eine der führenden medizinischen Rehabilitationseinrichtungen in Ostdeutschland.

Die Lewalds brachten das Judentum in die Familie Gurlitt mit. Das hatte Folgen bis in die Gegenwart.

Der berühmteste Kopf der Dynastie war der Sohn des Landschaftsmalers: Cornelius Gurlitt, die personifizierte Denkmalpflege von Sachsen. Wer sich mit alten Steinen befasst, kommt um ihn nicht herum. Ohne ihn wäre Dresden um manches Barockstück ärmer. Cornelius Gurlitt wertete diesen Stil auf, half Bauwerke zu sichern. In einer Edition von über vierzig Bänden beschrieb er detailliert jedes Denkmal. Als einer der Ersten hielt er an der TH Dresden Vorlesungen über Städtebau. Das Universitätsarchiv erforscht seinen Nachlass. Archivchef Matthias Lienert nennt Gurlitt einen „national denkenden Mann“. Als Gurlitt 1938 starb, band ihm die Öffentlichkeit keinen Kranz. Die jüdische Mutter passte nicht ins Bild.

Offenbar war er auch ein Mann mit Familiensinn und unterstützte als Ratgeber und Kontaktbörse seinen Bruder Fritz Gurlitt, der in Berlin eine angesehene Galerie und einen Verlag betrieb. Hier liegt die Wurzel des Kunsthandels, der so bizarre Blüten trieb, dass ein schlichtes bayerisches Zolldepot nun zur Schatzkammer wird. Mit Fritz Gurlitt beginnt auch das Interesse für die Moderne. Denn das macht den Fall so besonders: Es ging den Gurlitts nie nur um Geld und Marktwert. Sie schätzten die Kunstwerke wirklich.

Zwei Söhne aus dem Nachwuchs der Brüder Fritz und Cornelius Gurlitt spielen im aktuellen Fall in entscheidenden Rollen mit: Wolfgang und Hildebrand. Wolfgang Gurlitt war fünf, als Vater Fritz 1893 starb, und führte später dessen Galerie weiter. Künstler wie Kubin und Kokoschka zählten zum Freundeskreis, die Gattinnen wechselten. Zwei kauften 1940 im österreichischen Bad Aussee eine Villa – und deponierten dort einen Teil der Kunstsammlung.

Wolfgang Gurlitt arbeitete nicht nur im eigenen Auftrag. Für die Nazis verkaufte er Werke, die als entartet beschlagnahmt wurden, und beschaffte Kunst für das sogenannte Führermuseum, das in Linz installiert werden sollte. Es gehört zu den Treppenwitzen der Geschichte, dass Gurlitt in dieser Stadt nach dem Krieg seine eigene Sammlung als Museum etablieren konnte.

Den Maßstab für die Kunstbeschaffung setzte freilich Hildebrand Gurlitt, Sohn des verdienstvollen Dresdner Denkmalpflegers, Vater des Münchner Müllmanns und selbst eine schillernde Person. Weil er mit einer jüdischen Großmutter nicht in den „Arier“-Stammbaum der Nazis passte, verlor er bereits 1933 seinen Job als Direktor des Zwickauer Museums. Noch im selben Jahr ließ er sich als Kunsthändler in Hamburg nieder. Auch war seine Sympathie für das Bauhaus und für avantgardistische Kunst negativ aufgefallen. Gerade diese Sympathie aber und die Spezialkenntnisse machten sich die Nazis zunutze – und Hildebrand Gurlitt ließ sich benutzen. Er war einer von vier Kunsthändlern, die von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels mit der „Verwertung der Produkte entarteter Kunst“ beauftragt wurden. Hitler hatte 1938 den Befehl gegeben, alles aus den Museen rauszuwerfen, was nach Expressionismus, Surrealismus oder Neuer Sachlichkeit aussah: Kirchner, Pechstein, Matisse, Picasso, Klee ... Die Werke der Malerei und Grafik wurden von den Nazis nicht verbrannt wie die Bücher, sondern zu Geld gemacht: eingetauscht oder gegen Devisen ins Ausland verkauft. Kunsthändler Hildebrand Gurlitt erhielt eine Provision zwischen zehn und 25 Prozent.

Aus diesem Fundus durfte Hildebrand Gurlitt auch Werke für die eigene Sammlung erwerben, ein Ausnahmefall – manches könnte sich heute im Münchner Zolldepot wiederfinden.

Daneben erwarb auch er im Ausland Arbeiten für das geplante „Führermuseum“. Allein im Juni 1944 kaufte er in Paris Kunstschätze für über drei Millionen Reichsmark. Insgesamt lieferte Hildebrand Gurlitt 168 Werke ein. Und wieder führen die Spuren nach Dresden.

Der Umschlagplatz für die Kunstwerke, die nach Linz gehen sollten, lag in der hiesigen Gemäldegalerie; Direktor Hans Posse und sein Nachfolger Hermann Voss waren mit dem „Sonderauftrag“ befasst. Beide machten Geschäfte mit den Gurlitt-Cousins. Diese hatten in der Stadt einen familiären Anlaufpunkt. Schon Urahn Louis hatte sich in Dresden wohlgefühlt. Er kam 1869 in die Stadt und starb 1897 in Naundorf bei Schmiedeberg, wo er oft die Sommer verbrachte. Sohn Cornelius, der oberste Denkmalpfleger, wohnte mit seiner Familie in der Kaitzer Straße 26 in einer Erdgeschosswohnung. Als Hildebrand Gurlitt 1941 nach der Zerstörung seiner Hamburger Galerie eine Zuflucht suchte, zog er wieder ins Elternhaus. Zu dieser Zeit war noch die Mutter Elisabeth Marie als Bewohnerin im Adressbuch verzeichnet, als „Prof.- und Geh.Rats-Ww“, als Witwe. Sie soll, sagt Archivchef Matthias Lienert, nach der Zerstörung der Villa im Februar 1945 noch im Keller des Hauses gelebt haben.

Wenige Straßenzüge weiter betrieb Ida Bienert ihren Salon, eine Kunstsammlerin ersten Ranges, engagiert wie der Dresdner Rechtsanwalt Fritz Glaser oder die Unternehmerfamilie Arnhold. Auch der Schatz aus solchen hochkarätigen privaten Sammlungen geriet in die Hände der Gurlitts. Doch die Cousins Wolfgang und Hildebrand vermarkteten die Werke nicht nur gewinnbringend – sie schützten die „Verfallskunst“ damit zugleich vor der Vernichtung. „Sie sind zwischen den Fronten geschwommen“, meint der Dresdner Archivchef Matthias Lienert.

Weiterführende Artikel

Die Spur führt nach Sachsen

Die Spur führt nach Sachsen

Die rund 1.500 Kunstwerkes, die vom Zoll in einem Münchner Apartment gefunden wurden, stammen aus dem Nachlass des Dresdner Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt.

Wie andere wartet er nun auf das, was im Münchner Zolldepot lagert. Es ist noch nicht abzusehen, wie viele Werke aus Dresden stammen. „Ich bin gespannt“, sagt Gilbert Lupfer von den Staatlichen Kunstsammlungen. „Keiner von uns hat vermutet, dass es noch so viele verloren geglaubte Werke gibt. Das ist, als wenn jemand das Bernsteinzimmer gefunden hätte.“ Die Chance, dass die Dresdner Galerie einst als entartet beschlagnahmte Werke zurückerhält, ist freilich gering. Das sehen die Gesetze nicht vor.