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"Es gab kein Stechen"

Der Hauptbelastungszeuge im Chemnitzer Tötungsfall kommt mit drei Personenschützern zum Prozess. Frühere Aussagen nimmt er teilweise zurück.

Der Angeklagte im Fall Daniel H., Alaa S., wird in den Gerichtssaal geführt.
Der Angeklagte im Fall Daniel H., Alaa S., wird in den Gerichtssaal geführt. © dpa

Dresden. Die Vernehmung des Zeugen verlief zäh, langwierig und nicht frei von Widersprüchen. Der Koch, der die tödlichen Messerstiche gegen Daniel H. in Chemnitz gesehen haben soll, hat im Prozess entscheidende Passagen seiner polizeilichen Aussage zurückgenommen. 

Er habe in der Nacht zum 26. August 2018 bei der Schlägerei in der Nähe des Dönerladens nach dem Stadtfest keine Stichbewegungen des Angeklagten gesehen, sagte der Mann am Freitag vor dem Landgericht Chemnitz. Auch die protokollierte Aussage, er habe den Angeklagten und einen Mittäter mit blutverschmierten Händen vom Tatort wegrennen sehen, sei nicht korrekt. Zwar habe er das Geschehen beobachten können. Mehr als gegenseitige Faustschläge habe er allerdings nicht beobachtet. „Es gab kein Stechen, nur Faustschläge“, sagte der Libanese wörtlich.

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Die Widersprüche zwischen früheren Vernehmungen und der aktuellen Aussage begründete er mit Missverständnissen mit dem Dolmetscher, auf die er die Vernehmungsbeamten mehrfach hingewiesen habe. Trotz intensiven Bemühens der Vorsitzenden Richterin Simone Herberger blieben Widersprüche in den Aussagen an diesem Verhandlungstag unaufgeklärt. Ursprünglich wollte der Koch des Chemnitzer Dönerladens die Aussage komplett verweigern. Dieses Recht stehe ihm nicht zu, erläuterte Herberger.

Der Zeuge war mit drei Personenschützer an der Seite in den Saal gekommen. Sie saßen während seiner mehrstündigen Vernehmung im Abstand von wenigen Metern in seiner Nähe. Auf Fragen der Richterin sprach der Libanese über zahlreiche Drohungen, die er seit seiner ersten Polizeiaussage erhalten habe. Man werde ihn umbringen und tot in sein Heimatland zurückschaffen, habe jemand gesagt. Einmal sei er in der Nacht in eine Shisha-Bar gelockt worden, wo sieben bis acht Männer verlangt hätten, er solle seine Aussage bei der Polizei ändern. Nur dann könne der Angeklagte Allah S. ein freier Mann sein.

Ein weiterer Zeuge erklärte, er werde nur aussagen, wenn der Staatsanwalt ausgewechselt werde. Er werde alle Fragen zum Tatgeschehen beantworten, sofern Staatsanwalt Stephan Butzkies in dieser Zeit nicht im Saal sein werde, ließ der Zeuge Yousif A. seinen Anwalt vortragen. Andernfalls werde er von seinem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch machen.

Butzkies hatte nach den tödlichen Messerstichen beim Ermittlungsrichter einen Haftbefehl gegen Yousif A. erwirkt. Der Iraker saß vom 27. August bis 18. September vorigen Jahres in Untersuchungshaft. Das Amtsgericht hob den Haftbefehl auf Antrag der Staatsanwaltschaft wieder auf, nachdem sich herausgestellt hatte, dass der Iraker nicht an der Tat beteiligt war. Der Beistand des Zeugen, der Berliner Rechtsanwalt Ulrich Dost-Roxin, nutzte die Erklärung seines Mandanten, um schwere Vorwürfe gegen den Staatsanwalt zu erheben. Der Haftbefehl sei willkürlich beantragt worden. Dost-Roxin hatte vor einigen Wochen Strafanzeige gegen ihn erstattet. Die Staatsanwaltschaft Dresden hat deshalb ein Verfahren gegen Butzkies eingeleitet.

Yousif A. arbeitet als Friseur in Chemnitz, er war bis zu dessen Inhaftierung Arbeitskollege des Angeklagten Alaa S. Diesem wird vorgeworfen, Daniel H. gemeinsam mit dem inzwischen untergetauchten Farhad A. getötet zu haben. Ein Zeuge berichtete am Freitag, Farhad habe ihm gegenüber zugegeben, dass er der Täter sei. Er habe ihn zehn Minuten nach der Auseinandersetzung angerufen. „Ja, ich war es“, habe Farhad A. gesagt.

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Farhad A. und Yousif A. hätten vor der Schlägerei seinen Dönerladen besucht. Farhad sei auffällig wütend und aggressiv gewesen, habe viel geredet und versucht, andere Kunden mit Äußerungen wie „Nazis sind alle Hurensöhne“ zu provozieren. Kurze Zeit später wurde Daniel H. getötet.