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„Es gab keinen Applaus“

Lars Werthmann hat im Sommer 2015 den Aufbau der Zeltstadt in Dresden für Flüchtlinge organisiert. Der Einsatz erinnerte ihn an Zustände im Nahen Osten.

Die Zelte sind in Holzboxen verpackt, die Feldbetten griffbereit. Lars Werthmann ist Krisenmanager beim Roten Kreuz und sieht neue Herausforderungen kommen.
Die Zelte sind in Holzboxen verpackt, die Feldbetten griffbereit. Lars Werthmann ist Krisenmanager beim Roten Kreuz und sieht neue Herausforderungen kommen. © Matthias Rietschel

Die Zelte sind noch da. Verpackt in großen Holzkisten, warten sie in einem Regal auf ihren Einsatz. 50 Quadratmeter groß, können im Krisenfall zehn und mehr Menschen darin unterkommen. Daneben sortierte Feldbetten, Schlafsäcke. Baby-Notfall-Packungen, Stromerzeuger und Instant-Tee. 1.000 Paletten-Stellplätze insgesamt. Alles einsatzbereit für Notunterkünfte von Flüchtlingen oder Hochwasseropfern, aber auch für die Evakuierung von ganzen Stadtteilen nach Fliegerbombenfunden. Für Lars Werthmann bedeutet das Lager viel. Es gibt zumindest ein bisschen Sicherheit. Der 35-jährige Logistikchef und zweitoberste Krisenmanager des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Sachsen hat erlebt, was es heißt, wenn zu wenig von allem da ist und die Krise plötzlich vor der Tür steht.

Werthmann, Rettungsassistent beim DRK Dippoldiswalde, macht im Juli 2015 gerade ein Praktikum beim Landesverband in der Dresdner Friedrichstadt, als an einem Donnerstag um 18 Uhr der Hilferuf der Staatsregierung eintrifft. Sachsen hat es nicht geschafft, genug Notunterkünfte für Asylbewerber zu bauen, die in diesen Tagen zu Zehntausenden über die Balkanroute kommen. Seit Februar war klar, es kommen Flüchtlinge, nun ist man „überrascht“. Hilfsorganisationen müssen ran.

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Notvorrat aufgerüstet

Werthmann steht in einem Gang des Krisenlagers, das er mit eingerichtet hat, hinter ihm Regale mit Schutzmasken und Desinfektionsmitteln, die das DRK in der Corona-Krise unter anderem an Pflegeheime ausliefert. „2015 hat der Notvorrat nur für ein paar Hundert Menschen gereicht“, sagt er. „Heute können wir ad hoc 4.000 Menschen mit dem Nötigsten versorgen.“

Neben seinem Job ist Werthmann Ehrenamtlicher beim Technischen Hilfswerk ((THW) und Spezialist für Trinkwasseraufbereitung. Er hat schon Taifunopfern auf den Philippinen und vom Erdbeben betroffenen Menschen in Haiti geholfen, er war 2010 in Pakistan, hat drei Jahre später im jordanischen Satari ein Flüchtlingslager mit umgebaut, als immer mehr Syrer dorthin strömten. „Da dachte ich noch, dort fehlt ein bisschen die Gründlichkeit, und dann haben wir hier dasselbe Chaos.“

Werthmann sagt, die Menschen kamen 2015 auch deshalb, weil viele Länder damals Entwicklungshilfe und Finanzhilfen für die Lager im Nahen Osten kürzten und die Lage immer schlimmer wurde. „Dann gehen die los, wer würde das nicht tun?“

Polizisten sichern die Zeltstadt in Dresden im August 2015 nach einer Massenschlägerei. Enge und schlechte hygienische Bedingungen hatten die Gewalt mit ausgelöst.
Polizisten sichern die Zeltstadt in Dresden im August 2015 nach einer Massenschlägerei. Enge und schlechte hygienische Bedingungen hatten die Gewalt mit ausgelöst. © Tobias Wolf

Bis in die Nacht richteten damals die THW-Helfer mit Baumaschinen die Brache her – nur ein paar Meter von der DRK-Zentrale entfernt an der Bremer Straße. Unkraut wucherte zwischen Betonplatten und Schotter, Dickicht versperrte Teile des Areals. Erst wurde planiert, dann werden Zelte aufgebaut und mobile Toiletten. Für 1.100 Menschen.

Die ersten Flüchtlinge kommen an, da bauen die Helfer immer noch. Mitten in Dresden steht plötzlich eine Zeltstadt, wie man sie bis dato nur aus dem Fernsehen kannte. Auch die Temperaturen von mehr als 30 Grad ähneln den Umständen im Nahen Osten. Und die Helfer sind wüsten Beschimpfung und gewaltsamen Angriffen ausgesetzt. „Du hast für deine Arbeit in der Flüchtlingskrise keinen Applaus bekommen.“ Kein Dank für teils tagelange Einsätze am Stück. DRK-Mitarbeiter und Freiwillige arbeiten am Limit, buchstäblich am Rande der Verzweiflung. Sie stehen zwischen den Fronten von Asylgegnern und jenen, die sagen: Wir müssen helfen. Die Ankunft der Asylsuchenden polarisiert – nicht nur in Dresden. Die Polizei treibt aggressive NPD-Anhänger vor dem Camp auseinander, nachdem sie Helfer angegriffen und Gegendemonstranten mit Böllern, Warnbaken und Schildern beworfen hatten. Es gibt Verletzte.

Ausgebuht von allen Seiten

„Die eine Seite hat dich ausgebuht, die andere hat gesagt, wie scheiße helft ihr eigentlich.“ Das DRK wird massiv kritisiert. Dabei läuft die Krisenlogistik auf Hochtouren. Hygienebeutel mit Zahnbürsten, Zahnpasta, Duschbad und anderen Utensilien werden im Akkord von DRK und Freiwilligen gepackt. Werthmann steht als Praktikant plötzlich in der ersten Reihe, muss Feldbetten und Schlafsäcke, Toiletten- und Duschcontainer beschaffen und die Versorgung des Camps sichern. „Wir haben Feldbetten aus Kanada beschafft, die statt 25 plötzlich 120 Euro gekostet haben.“ Die Preise für alles, was gebraucht wird, explodieren. Container sind zeitweise europaweit nicht mehr zu bekommen. „Wir haben uns gesagt: In Sachsen darf keiner auf der Straße schlafen“, sagt Werthmann. „Auch wenn es manchmal kurz davor war.“ 800 Menschen stellt das DRK in zwei Monaten neu ein, um der wachsenden Flüchtlingszahlen Herr zu werden. 25.000 Flüchtlinge werden das DRK und seine Helfer von Juli bis Dezember 2015 betreuen.

Das Lager an der Bremer Straße wird zu einer Mini-Stadt mit Rathaus für die Verwaltung, Kleiderkammer, einer Bushaltestelle, Kinderzelt und Sanitätsstation. In den sozialen Medien heißt das Camp fortan „ZeltstaDD“. Parallel eröffnen und betreuen DRK-Helfer neue Notlager, unter anderem in einer Turnhalle der Technischen Universität, in einem weiteren Zeltcamp am Hauptbahnhof und in Heidenau in einem früheren Baumarkt. Überall ist der Logistiker dabei.

Eine „kriegsähnliche Situation“

Die Zeltstadt steht derweil europaweit im Fokus. Die drückende Enge in den Zelten, die hygienische Situation und die medizinische Versorgung im Camp: Im Camp freiwillig helfende Ärzte sprechen von einer „kriegsähnlichen Situation“ und werfen der zuständigen Landesdirektion den Bruch elementarer Rechte vor. Erst nach Wochen funktioniert eine Krankenversorgung, die hiesigen Standards nahekommt. Wegen der Enge gibt es eine Massenschlägerei mit rund 100 Beteiligten. „Ich bin aus unserer Zentrale rübergerannt, weil ich dachte, jetzt geht alles kaputt“, sagt Werthmann. Zwei Einsatzzüge der Bereitschaftspolizei befrieden die Situation.

Werthmann und seine Kollegen stehen damals permanent in der Kritik. „Jeder, der mir jetzt sagt, er hätte das so oder so gemacht, der sollte so eine Situation in so einer Zeit erst einmal erleben.“ Fast überall protestieren Anwohner gegen die Einrichtungen, teils orchestriert von Rechtsextremisten, Pegida und AfD-Mitgliedern. Übergriffe gegen Helfer sind an der Tagesordnung, „Schämt euch“-Rufe die mildeste Form der Beleidigung. Die Hilfsorganisation lässt ihr Banner, ein großes rotes Kreuz, auf Planen drucken. In Konflikt- und Kriegsgebieten ist das ein Schutzzeichen und soll Angreifer abhalten. Aber hier?

In Heidenau, wo in zwei Nächten im August 2015 Rechtsextreme die Flüchtlingsunterkunft und Polizisten angreifen, finden die Helfer Einschusslöcher in den Bannern, am Zeltcamp nahe des Dresdner Hauptbahnhofs sprühen Unbekannte ein Hakenkreuz auf das Schutzzeichen.

Mehr als 20 Menschen mussten damals in den rund 50 Quadatmeter großen Zelten untergebracht werden.
Mehr als 20 Menschen mussten damals in den rund 50 Quadatmeter großen Zelten untergebracht werden. © Tobias Wolf

Lars Werthmann wird in diesen Chaostagen Vater, seine erste Tochter erblickt das Licht der Welt. Der junge Mann ist im Krankenhaus bei seiner Frau, organisiert von dort alles per Handy. „In der siebenten Stunde der Wehen habe ich drei Sanitärcontainer für Heidenau bestellt.“ Die Staatsregierung hatte einen Aufruf unter ihren Mitarbeitern verbreitet. Wer ehrenamtlich helfen wolle, solle sich unter Werthmanns Handynummer melden. Der wundert sich im Kreißsaal über die vielen Anrufe.

Werthmann, im Lager lässig an ein Regal gelehnt, erzählt es so locker, als wäre es das Allerselbstverständlichste der Welt, unter solchen Bedingungen zu arbeiten. Seine gute Laune hat er trotz der manchmal bitteren Momente nie verloren.

Aus der Notlage wird ein zwar dauerhafter, aber deutlich besser gemanagter Normalzustand. 2016 exportieren Werthmann und seine Kollegen die Logistikerfahrungen aus dem Sommer 2015 nach Griechenland. In Idomeni an der Grenze zu Mazedonien herrschen seinerzeit unmenschliche Zustände in wilden Camps.

Was Krisen in Menschen zum Vorschein bringen

Werthmann hat erlebt, dass Krisen das Beste und das Schlechteste in den Menschen hervorbringen kann. „Leute, von denen du das vorher nicht gedacht hattest, werden plötzlich zu tragenden Säulen, und bei anderen passiert das Gegenteil.“ Ohne die vielen Ehrenamtlichen wäre man in Sachsen aufgeschmissen gewesen, sagt Werthmann. Viele Privatleute spenden Geld, Kleidung und Zeit für Kinderbetreuung und Sozialarbeit, teils sind sie organisiert in kleinen Vereinen oder größeren Initiativen wie „Dresden für alle“. Aber es gibt auch unerwartete gesellschaftliche Kälte.

Beim Semperopernball 2016 ist das DRK Wohltätigkeitspartner der Veranstaltung. Die Organisation sammelt dort Geld für die Traumahilfe für Flüchtlingskinder. Geht es um Naturkatastrophen oder jüngst um Corona, sei die Spendenbereitschaft enorm, sagt Werthmann. Aber an jenem Abend bilanziert das DRK: Noch nie gab es bei einer solchen Gelegenheit so wenig Spenden. „Für die geb ich kein Geld.“ Dutzendfach hören sich die DRK-Helfer das an, von Menschen in Abendkleid und Smoking, die das teils demonstrativ vor ihren Tischgästen äußern.

Längst kommen im Vergleich zu 2015 kaum noch Flüchtlinge nach Sachsen. Die Erstaufnahmeeinrichtung in der Dresdner Friedrichstadt gibt es immer noch. Der Schotter ist Asphalt gewichen. Die Zelte von damals sind jetzt Leichtbauhallen, die wie große Zelte aussehen.

Eine plötzliche Leere

2017, nach zwei Jahren, in denen die DRK-Mitarbeiter und Ehrenamtlichen praktisch Tag und Nacht gearbeitet hatten, sei plötzlich eine Leere dagewesen, sagt Werthmann. In der Not, als es brannte, hatte der Freistaat auf die Helfer zurückgegriffen. Jetzt galt plötzlich der ökonomische Wettbewerb, und mit European Homecare übernahm ein umstrittener Dienstleister die Erstaufnahmeeinrichtungen in Dresden. Das Unternehmen hatte in der Krise 2015 seinen Nettogewinn auf 26 Millionen Euro verfünffacht.

„Für uns war die Flüchtlingshilfe kein Geschäft, sondern Nothilfe“, sagt Werthmann. „Ich kann jeden Tag in den Spiegel gucken und bereue nichts.“ Er blicke mit Dankbarkeit auf diese Zeit, auf all die Erfahrungen und die Freunde, die er in dieser Ausnahmesituation gewonnen hat, sagt Werthmann. Einer der Flüchtlinge von damals, ein junger Syrer, wird gerade zum Notfallsanitäter ausgebildet und ist Teil einer Rettungswagenbesatzung in Dippoldiswalde.

Bleiben die Logistikvorräte im DRK-Lager bestehen, wie sie sind, sieht Lars Werthmann die sächsische Katastrophenhilfe gerüstet für kommende Krisen. „Manche Dinge würde ich mit den Erfahrungen von damals vielleicht anders machen, aber das meiste wieder genauso, weil es richtig war.“ Der Konflikt im Jemen könnte neue Flüchtlingsströme auslösen, aber auch die Entwicklung in Belarus beobachet Werthmann mit den Augen des Krisenmanagers. „Wir versuchen, uns darauf vorzubereiten.“ Doch er hofft, dass er die Zelte nicht so schnell wieder brauchen wird.

  • Dem fünfjährigen Jubiläum von Angela Merkels inzwischen berühmten Ausspruch "Wir schaffen das", widmet sächsische.de eine Serie: Wir schaffen das - fünf Jahre danach. Wie geht es Flüchtlingen in Sachsen? Was läuft immer noch falsch? Und: Haben wir es geschafft?

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