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Feuilleton

So lief die Schlagernacht von Dresden

Die Schlagernacht des Jahres 2019 begeisterte mit beeindruckend guten Nummern. Nur einer sorgte für Enttäuschung.

Kerstin Ott war einer der großen Namen der Schlagernacht des Jahres 2019.
Kerstin Ott war einer der großen Namen der Schlagernacht des Jahres 2019. © Norbert Millauer

Plötzlich kreischt Kira Ziesche so laut, dass sich Dutzende sorgenvoll umdrehen. Die 26-Jährige starrt mit aufgerissenen Augen und umringt von fünf Freundinnen auf ihr Smartphone. Doch es gibt Entwarnung: Es handelt sich um einen Schrei der Verzückung, denn auf dem Bildschirm ist sie selbst neben Schlagerstar Kerstin Ott zu sehen, die 2015 mit „Die immer lacht“ der ganzen Republik ihre Ohrwürmer in die Gehörgänge stopfte. 

An diesem Samstag ist Ziesches Junggesellinnenabschied bei der „Schlagernacht des Jahres 2019“. Ihre Trauzeugin Michelle hat ihn heimlich organisiert. Das Foto mit ihrem Idol ist das i-Tüpfelchen. „Sie ist so eine kleine Knutschkugel, so nahbar, eine von uns“, erzählt Ziesche begeistert. Ihr Mann Toby passe zu Hause auf das gemeinsame Baby auf, es sei ihr erster richtig freier Abend seit anderthalb Jahren.

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Die Freundinnen sind aus dem Raum Hoyerswerda angereist. Viele der insgesamt 20.000 Gäste kommen aus dem Dresdner Umland, einige Fans sogar aus Berlin, denen die dortige Schlagernacht letzte Woche offenbar nicht ausgereicht hat. Der Ablauf ist simpel, jede halbe Stunde tritt ein neuer Künstler auf, hat Zeit für etwa fünf Songs, von denen mindestens einer auch von Schlagermuffeln mitsingbar sein sollte. 

DIeses Foto versetzte Kira Ziesche in Extase. Vlnr. Elisabeth, Kerstin Ott, Kira, Sophie und Michelle. Die Dame am linken Rand möchte unerkannt bleiben.
DIeses Foto versetzte Kira Ziesche in Extase. Vlnr. Elisabeth, Kerstin Ott, Kira, Sophie und Michelle. Die Dame am linken Rand möchte unerkannt bleiben. ©  privat

Das macht die ganze Show äußerst kurzweilig, ist aber für Vollblutfans von einzelnen Künstlern etwas oberflächlich. Auch angenehm: Das Stadion ist nicht ganz gefüllt und auf dem beängstigend gebräunten Rasen ist eine Menge Platz zum Tanzen.

Geh mal Bier holen, Mickie singt schon wieder schief

Je weiter der Abend voranschreitet, desto besser wird auch die Stimmung. Mickie Krause muss genau das Gegenteil erfahren, denn er ist als zweiter Musiker an der Reihe. Das Konzept des Ballermann- und Après-Ski-Veteranen sind bekanntlich simple Texte und Alkohol. 

Da an diesem Samstag um 16 Uhr jedoch eindeutig die Promille fehlen, hat es Krause bei seinem Auftritt sehr schwer. Und obwohl er Witze über Frauen und Niederländer macht und sogar seinen Hit „Geh mal Bier holen, du bist schon wieder hässlich“ performt, bleibt die Stimmung eher gemäßigt. Den Vorteil, den der Biernachschub für den Genuss seiner eigenen Darbietung haben könnte, lässt Mickie Krause dabei unerwähnt.

Bei insgesamt 14 Acts ist es schwer, sich hervorzutun. Sonia Liebing, Vicky Leandros, Michelle und auch der komplett pink gekleidete Ross Antony bleiben zwar technisch auf hohem Niveau, aber ebenso überraschungsfrei. An dieser Stelle sollte auch die gute Akustik gelobt werden, denn der Klang ist bei allen Künstlern klar und ausgewogen, ohne den beliebten Stadion-Hall untergehen zu lassen. 

Das kann auch Altmeister Howard Carpendale für sich nutzen, der alle Anwesenden auf seine Weise überrascht. Kurz nachdem er noch witzelt, dass sein Lied „Das Mädchen von Seite Eins“ beinahe fünfzig Jahre alt ist, tritt mitten im Song sein Backgroundsänger Leon Taylor vor und gibt eine gerappte Strophe zum Besten, die es in sich hat. Das Publikum ist erst perplex und dann begeistert.

Leon Taylor nahm vor einigen Jahren bei der Castingshow "Unser Star für Oslo" teil. Seit einer Woche gehört er zur Band Howard Carpendales - es war ihr erster gemeinsamer Auftritt. Zuvor sang Taylor bereits bei Helene Fischer.
Leon Taylor nahm vor einigen Jahren bei der Castingshow "Unser Star für Oslo" teil. Seit einer Woche gehört er zur Band Howard Carpendales - es war ihr erster gemeinsamer Auftritt. Zuvor sang Taylor bereits bei Helene Fischer. © Maximilian Helm

Nur ein Ruf nach Zugabe

Zum Thema Begeisterung: Die größte Euphorie rufen tatsächlich zwei junge Schlagertalente hervor, die bereits erwähnte Kerstin Ott und der Mecklenburger Ben Zucker. Dessen Alleinstellungsmerkmal ist seine Stimme, die Neulingen zunächst etwas sehr gedrückt vorkommen kann. Dazu hat es die Show in sich, der Sound ist breit und Zucker spielt mit allerlei Videoeffekten. Ein kleines Detail ist jedoch, dass die eingespielten Videoschnipsel komplett lippensynchron mit dem Gesang sind, was bei einem echten Liveauftritt ein Ding der Unmöglichkeit wäre. 

Noch einige Dezibel lauter wird es, als Kerstin Ott ihren großen Hit “die immer lacht“ ankündigt. Die kleine Frau mit den tätowierten Armen und Kurzhaarschnitt ist die einzige Künstlerin, die vom Publikum sehr beherzt um eine Zugabe gebeten wird. Sie ist aber auch eine der wenigen, die sofort nach ihrem Auftritt vor die Bühne zu ihren Fans geht. 

20.000 Gäste im Rudolf-Harbig Stadion zusammen, viele genug für eine gute Stimmung und gleichzeitig wenig genug zum Tanzen.
20.000 Gäste im Rudolf-Harbig Stadion zusammen, viele genug für eine gute Stimmung und gleichzeitig wenig genug zum Tanzen. © Maximilian Helm

Doch das Finale gehört zwei bekannten Stars. Nachdem Michelle als vorletzte Künstlerin einen beinah maskenhaft perfekten und damit etwas uninteressanten Auftritt hinlegt, kommt sie beim Finale von Matthias Reim noch einmal auf die Bühne und singt gemeinsam mit dem 61-Jährigen zwei Duette, die wirklich außergewöhnlich stark sind. Michelle zeigt ihre kraftvolle Stimme, schreit, bebt und spuckt ihrem Gesangspartner förmlich vor die Füße. 

Reim kann zwar gesanglich nicht mithalten, hängt sich aber trotzdem merklich rein. Letztes Jahr waren es Roland Kaiser und Maite Kelly, die mit „Warum hast du nicht nein gesagt“, die Massen begeisterten, Reim und Michelle singen nun den gleichen Song, aber insgesamt wesentlich energetischer. Auch ihr zweites gemeinsames Lied „Nicht verdient“ ist ein echter Hit und gemeinsam haben die beiden den besten Auftritt des Abends. Matthias Reim kommentiert zu Recht: „Wie soll ich das jetzt alleine noch toppen?“ Doch sein Dauerbrenner „Verdammt ich lieb dich“ zündet und ist ein würdiger Abschluss. 

Wenn bei anderen Konzerten auf dem Weg nach Hause häufig noch die gerade gehörten Lieder gesungen werden, ist es an diesem Abend eher still. Knapp acht Stunden Schlagernacht haben auch den größten Enthusiasten einigen Tribut abverlangt. Doch die nächste große Schlagerparty findet erst am 20. Juni nächsten Jahres statt. Bis dahin ist die Lust wieder aufgefüllt und wer noch mit dem Genre fremdelt, für den könnte dieser wilde Ritt durch die Welt des Schlagers vielleicht genau das richtige sein.

Die Schlagernacht des Jahres 2020 findet am 20. Juni im Rudolf-Harbig Stadion statt. Bereits zugesagt haben Matthias Reim, Kerstin Ott, Michelle und Mickie Krause.

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