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Es geht darum, am Berzdorfer See das richtige Maß zu finden

Unser Autor liebt den Berzdorfer See. Er erzählt von Kindern, die Drachen steigen lassen, und seiner Angst um das Steilufer.

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Von Volker Richter

Ich hatte schon gedacht, nach dem letzten Sommer an Kondition gewonnen und mit den vielen durchtrainierten Radfahrern nun locker mithalten zu können, aber das erweist sich heute als krasse Fehleinschätzung. Gnadenlos fahren die mir davon und wahrscheinlich sind sie auch noch stolz darauf, mich gedemütigt zurückzulassen. Dann fahrt doch! Mein eigenes Tempo ist für mich sowieso das einzig richtige, philosophiere ich vor mich hin, weil mir keine bessere Ausrede für körperliche Untüchtigkeit einfällt und um dem noch eins draufzusetzen, halte ich an und nehme fürs Erste auf der Bank neben dem Radweg Platz. Und Tschüss, Freunde. Der Tag präsentiert sich als einer der letzten brauchbaren dieses Jahres, kühl jedoch und eben windig. Bis zur Kirche Berzdorf hab ich`s immerhin schon geschafft und die vor mir liegende Richtungsänderung des Rundweges lässt mich von entspannt zu radelndem Rückweg träumen. Myriaden kleiner und großer Wasservögel sind wohl der Meinung, ihren Kommentar zu meinem Pause machen abgeben zu müssen. Ja, ja, gackert nur. Damit kriegt ihr mich hier noch lange nicht weg.

Träume auf die Reise geschickt

Es blieb nichts übrig von dem Dorf, das dem See seinen Namen gab. Von der Kirche auch nicht, wie es scheint nur diese Erinnerungstafel, hier am Ufer. Nun versuche ich, in meinen Erinnerungen zu kramen, stelle aber fest, dass das alles irgendwie vor meiner Zeit passiert und viel zu lange her ist. Für die Berzdorfer baute man Neuberzdorf, so viel fällt mir gerade noch ein, doch auch davon blieb nichts. Es ist verschüttet worden, in meinen Erinnerungen genauso wie unter den Abraumhalden.

Hoffnung Gottes hieß diese Grube einst, das meinte wohl die Hoffnung, Gott möge die Bergleute schützen und in diesem Kontext will ich der Namensgebung gern zustimmen. Später dann, zu meiner Zeit, wurde es profaner. Wenigstens trägt die Gemeinde, auf deren Fluren ich gerade pausiere, Berzdorf als Beinamen. Ein Beispiel, dass der Ort nicht vollständig in seinem eigenen Tagebau versunken ist. Wir graben uns selber den Boden unter den Füßen ab, immer noch und in vielerlei Hinsicht. Aber heute, so sage ich zu mir, wird nicht die Welt gerettet und ich mache mich nun erholt auf meinen Weg. Schließlich weiß ich von den Deutsch-Ossigern, dass die Hoffnung laufen kann. Raus aus dem Loch. Das ist ihre besondere Eigenschaft.

Am Hafen, vielmehr an der Halbinsel davor steigen Drachen in den Spätherbsthimmel. Bunte Flecken vor grau-blauem Hintergrund und glückliche Kinder, die ihre Träume auf Reisen schicken. Hoch hinaus und unaufhaltsam und getragen vom Gegenwind. Ganz anders als die schillernden Seifenblasen, die bestenfalls in einem leichten Lüftchen zu fliegen imstande sind. Einen Moment lang sind auch sie schön anzusehen. Nur eben auch schnell zerplatzt. Und zwar restlos. Beim ersten Wind. So wie die im letzten Sommer über Tauchritz und den Hafen fliegende. Ich bin froh, dass wir die Millionenanlage a la Fleesensee rechtzeitig als Blase identifizieren konnten, nur bleibt leider das Gefühl, noch immer mit leeren Händen dazustehen. Der Hafen ist fertig, okay. Und so toll, dass ich auf die Idee kommen könnte, mir ein Boot zu kaufen. Beinahe.

Smalltalk am Strand. Ein paar Bekannte aus Hagenwerder nutzen wie ich den Herbstrest. Wir plaudern über die vergangene Badesaison und aufkommender Übermut gipfelt in der Idee, noch mal eben ins Wasser zu springen, doch vernünftigerweise bleibt es dabei, bei der Idee. Ich biege dann vom Rundweg ab, fahre rüber zur Neiße und genieße das Alleinsein in der Fluss-aue. Mein Nachbar hatte irgendwann von seiner Vision gesprochen, der gläsernen Röhre im Berzdorfer See und hier am Fluss fällt mir eine meiner Visionen ein, die Brücke nämlich, rüber nach Osiek in Polen, zum Radfahren und Spazierengehen, und von Koslice dann über die alten Pfeiler zurück nach Weinhübel.

Der Abzweig des Flusses, der den Berzdorfer See füllte, hat inzwischen ausgedient. Gut sechs Jahre war der in Betrieb, bis zu dem Hochwasser im August 2010. Und weil Flüsse nun mal gelegentlich Hochwasser führen, werde ich meine Brückenvision wohl vergessen können. Wenigstens gibt es diesen Weg hier, den Grenzweg gewissermaßen, auf dieser Betonwand, die verhindert hatte, dass die Neiße schon vor der Zeit in die Grube fließt. Nicht auszudenken jedoch, wenn ein Hochwasser wie das 2010er den Tagebau getroffen hätte.

Deutsch Ossigs Reste von hier draußen gesehen wirken wie im Dornröschenschlaf versunken. Da braucht es nun schon einige Prinzen mit dieser besonderen Küssfähigkeit. Aus der Nähe betrachtet fällt auf, dass Jahr für Jahr weniger von dem alten Dorf zum Wachküssen verbleibt. Die noch immer geltenden Gesetze des Bergrechtes sind für manches Gewölbe zur Abrissbirne geworden, aber ich gestehe mir ein, dass meine Sorglosigkeit nach verschiedenen Ereignissen in anderen Grubengegenden einem gewissen Bauchgefühl gewichen ist, besonders, wenn ein Weststurm das Wasser ans Deutsch Ossiger Steilufer knallt. Schließlich sind wir nicht im Märchen und der Wasserspiegel soll sogar noch ein gutes Stück ansteigen. Die Mini-Umleitung im Verlauf des Neiße-Radweges, die mich gerade zum Abbremsen zwingt, erinnert schmerzlich an jenes Hochwasser und lässt mich einsehen, dass manchmal Dinge passieren, die ich so überhaupt nicht kalkulieren kann. Wie zur Bestätigung rollt ein Zug über den neu zu Errichten gewesenen Bahndamm. Haltepunkt Deutsch Ossig - eine neue Vision!

Als es ein wenig nach Meer roch

Fast hatte ich den Gegenwind vergessen, aber entlang der alten Fernverkehrsstraße, die von Görlitz kommend zum See führt, greift er wieder nach mir, und zwar mit allem, was er heute zu bieten hat. Der Blick übers Wasser, genau in die Brandung hinein, der entschädigt jedoch für die Anstrengung. Ohne Fleiß kein Preis fällt mir als plumpe Erklärung ein. Und mir fällt der Sommer ein, als es hier so herrlich nach Sonnenöl und fast ein bisschen nach Meer roch. Was hatten die für einen schweren Job, die Jungs, die den Strand und die neue Straße bauen sollten, aber doch viel lieber den Mädels den Rücken gecremt hätten. Gewisse Unkonzentriertheiten waren da schon zu beobachten, aber gut, manchmal gibt es eben Prioritäten.

Fernblick heißt der Schiffsanleger am Nordufer. Stimmt, wir sind nicht die Einzigen, mit unserem Tagebausee. Weitsicht ist der Begriff für das, was ich mir wünsche. Sie ist vielleicht das, was bleibt, von Visionen oder eben auch von Seifenblasen. Immerhin – eine neue Siedlung ist im Gespräch, auf Markersdorfer Besitzungen, nahe des Neundorfer Anlegers, quasi an meinem Strand. „Schau mer mal“ würde der Bayer sagen. Das Maß finden, darum geht es wohl. Irgendwas dazwischen. Irgendwas zwischen zu viel und zu wenig. Darüber muss ich nachdenken, als ich am langen Berg schon wieder nach meinem Maß suche und einen Gang zurück schalte. Oben angekommen sinkt der Abend über See, Land und Berge. Die Sonne glüht in einem Rot, als wolle sie alles verbrennen, was bei drei nicht in seiner Hütte verschwunden ist. Ein letzter Blick noch über Dörfer im letzten Licht, die sich im Wasser spiegeln. Irgendwie klebt alles zusammen. Und vorgestern war noch Rückenwind.