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„Es geht mir um die Wahrheit“

Die Exilchinesin Xu Pei macht das Literaturfest international. An ihrem ersten Roman hat sie 16 Jahre lang gearbeitet.

Von Anna Hoben

Mittwochmorgen in Meißen: Xu Pei schlägt die Sächsische Zeitung vom Vortag auf. „Sie haben auf uns geschossen“, so lautet die Schlagzeile auf der Auslandsseite. Darüber ein Foto von einem Mann, der versucht, eine Panzerkolonie zu stoppen. In dem Artikel geht es um das Massaker vom Tiananmen-Platz in Peking, das sich zum 25. Mal jährt. Xu Pei, 48, zeigt auf das Bild und sagt: „Mein Lieblingsfoto. Ein unbekannter Mann mit Zivilcourage.“

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Gekommen, um zu bleiben: Seit 1988 lebt die Chinesin Xu Pei in Deutschland, sie besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Bis zu ihrem ersten Roman hat sie hauptsächlich Gedichte geschrieben (Kostprobe „Glücklos“ s.u.). Immer wieder macht sie auch mit Prot
Gekommen, um zu bleiben: Seit 1988 lebt die Chinesin Xu Pei in Deutschland, sie besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Bis zu ihrem ersten Roman hat sie hauptsächlich Gedichte geschrieben (Kostprobe „Glücklos“ s.u.). Immer wieder macht sie auch mit Prot © hübschmann

4. Juni 1989: Seit einem halben Jahr ist die Germanistikstudentin Xu Pei zum Austausch in Düsseldorf. Durch das Fernsehen erfährt sie, was in ihrer Heimat geschehen ist. „Ich wollte es nicht glauben, aber ich musste.“ Ein Wendepunkt in ihrem Leben: Sie ahnt, dass sie nicht mehr in China leben will und kann. „Vorher waren die Menschen voller Hoffnung“, sagt sie. „Das Massaker brachte das Land in eine Misere.“

Im Winter zuvor war sie nach Deutschland gekommen. Aus Neugierde, sagt sie, weil sie einmal erleben wollte, wie Weihnachten gefeiert wird. Mit Interflug war sie in Ostberlin gelandet. „Ich konnte DDR und BRD gar nicht unterscheiden“, erinnert sie sich. „Wir waren ja in China nicht informiert.“ Im Dunkeln passierte sie nachts um vier die Berliner Mauer. „Auf der anderen Seite war es so hell, ich war richtig geblendet.“ Bei McDonald’s im Bahnhof aß sie ihren ersten Hamburger, dann ging die Reise weiter nach Düsseldorf.

Dolmetscherin, diesen Beruf hatte ihre Mutter sich einst für sie ausgeguckt. Übersetzer werden immer gebraucht. Vielleicht sah sie die Tochter schon bei wichtigen Anlässen hinter der Staatsführung sitzen. Als „Mitläufer“ beschreibt Xu Pei ihre Eltern. So kam es, dass das Mädchen sich an der Universität für Deutsch einschrieb. Xu Pei war unpolitisch damals, „ein glückliches Schwein“, sagt sie, unwissend, wie in George Orwells Parabel „Farm der Tiere“. Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der Wunsch der Mutter dazu führte, dass Xu Pei heute sagt, sie wolle nicht zurückkehren, bevor die kommunistische Regierung zusammenbricht.

Damals, Ende der 1980er-Jahre, blieb sie einfach in Deutschland. Dort promovierte sie, über Frauenbilder in der Romantik. Sie versuchte noch zwei Mal, nach China zurückzukehren: in den Jahren 1996 und 2001. „Insgesamt war ich noch drei Monate dort, das reichte.“ Durch ihre Bildung habe sie erkannt: „Das ist ein Land wie Nazideutschland. Nach außen boomt die Wirtschaft, aber dahinter herrschen Verbrechen und Propaganda.“

Mit 27 veröffentlicht sie ihren ersten Gedichtband, „Täglich reitet der Herzog aus“. Eines Tages nimmt eine Freundin sie mit zu einer Party in einem Atelier. Der Gastgeber ist der bekannte Maler und Grafiker Markus Lüpertz. Die Gedichte der zierlichen Chinesin gefallen ihm, er illustriert das Bändchen. Über Lüpertz entsteht ein Kontakt zu Georg Baselitz. Xu Pei schreibt Gedichte für einen Katalog mit dessen Bildern, umgekehrt illustriert Baselitz ihren nächsten Gedichtband. Seit 2003 schreibt Xu Pei einen Blog im Internet, zuerst auf Chinesisch, dann auf Deutsch. „Ich fühle mich berufen, aktiv dem Terror-Regime Widerstand zu leisten, weil ich Rot-China als Gefahr für die Welt betrachte“, erklärt sie dort. „Es geht mir um die Wahrheit.“ In China ist ihr Blog gesperrt.

Im vergangenen Jahr hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht. „Der weite Weg des Mädchen Hong“ heißt er und erzählt in Briefen und Kapiteln die Geschichte einer Musikerin, die das kommunistische China verlässt. „Es ist nicht meine Geschichte“, sagt Xu Pei, „aber meine Haltung findet sich darin wieder“. 16 Jahre hat sie an dem Buch geschrieben, die Perspektive wechselt zwischen der Außensicht auf China und einer Innenansicht des Landes. Als Berufsschriftstellerin sieht Xu Pei sich nicht. „Ich lebe nicht vom Schreiben, aber ich lebe fürs Schreiben, für den Austausch.“

Der Austausch im Internet war es, über den sie im vergangenen Jahr die Meißnerin Nancy McDonnell kennen lernte. Beide recherchierten zum Thema Falun Gong, eine religiöse Bewegung, die in China verboten ist und deren Anhänger dort verfolgt werden. McDonnell war es, die sie daraufhin zum Meißner Literaturfest einlud. Und so kam es, dass Xu Pei, die heute in Köln lebt, zum ersten Mal nach Sachsen reiste.

Lesungen von Xu Pei: heute 19.30 Uhr, ElbesommerBeachbar, Sonntag 14.30 Uhr, Lesebühne am Markt.

www.xu-pei.de