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Es geht Warschau nicht nur um die Wurst

Handel. Während Polenzunehmend in denwesteuropäischen Marktintegriert wird, kommt der Fleischexport nachRussland zum Erliegen.

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Von Thomas Roser

Warschau. Über Politik unterhält sich der sonst so auskunftsfreudige Sprecher von Polens größtem Fleisch-Hersteller Animex eigentlich gar nicht gerne. In der Wirtschaft gebe es „kein Problem, das sich nicht regeln ließe“, seufzt Andrzej Pawelczak, als er in seinem Büro hoch über den Straßenschluchten der Warschauer Innenstadt schließlich doch noch auf das russische Import-Verbot zu sprechen kommt.

Als Russland vor Jahresfrist „von einem Tag auf den anderen“ seine Grenzen für polnisches Fleisch geschlossen habe, sei er überzeugt gewesen, dass die Sache „in wenigen Wochen“ gelöst sei. Doch nun währe das Importverbot schon ein Jahr. „Mit Geschäfts-Logik ist das leider nicht mehr zu erklären“, sagt Pawelczak. Fleisch-Lieferungen mit verfälschten Veterinär-Dokumenten hatten vor Jahresfrist das polnisch-russische Handels-Scharmützel ausgelöst, das mit einjähriger Verspätung nun auch in den Amtsstuben der EU-Kommission in Brüssel zu Kopfzerbrechen führt.

Fünf Prozent des Exports

Per Veto will Polen die Gespräche über ein neues EU-Kooperations-Abkommen mit Russland blockieren, falls Moskau das als politische Schikane empfundene Importverbot nicht aufheben sollte. „Wir müssen die polnischen Landwirte verteidigen,“ bekräftigte Premier Jaroslaw Kaczynski seine Absicht, „hart“ zu bleiben: Moskau müsse sich klarmachen, dass die Epoche zu Ende sei, in der Russland „auch in Warschau regierte“. Während Polen den Konflikt um die russischen Import-Verbote zum Testfall für die europäische Solidarität erklärt, ist der Fleisch-Industrie vor allem an dessen rascher Beilegung gelegen. Polens Fleischproduzenten hätten durch das Embargo fünf Prozent ihres Export-Markts verloren – und enormen Image-Schaden erlitten, klagt Witold Choinski, der Chef des Branchen-Verbands „Polnisches Fleisch“. Das Import-Verbot setze nicht nur die Preise für Schweinefleisch in Polen, sondern in der ganzen EU unter Druck.

Längst habe Polen „alle Forderungen Russlands erfüllt“, um eine Wiederholung aufgetretener Unregelmäßigkeiten zu vermeiden, sagt Choinski. In der EU habe sein Verband ein Jahr lang vergeblich versucht, auf das Embargo-Problem aufmerksam zu machen: „Wir taten, was wir konnten – aber fanden kein Gehör.“ Bis zur Krise 1998 war Russland der wichtigste Abnehmer von polnischem Schweinefleisch. Bei vielen Firmen der Branche habe damals das Russland-Geschäft 20 bis 30 Prozent des Umsatzes ausgemacht, erinnert sich Pawelczak an die 90er Jahre.

Mit der Erhöhung der Einfuhrzölle für verarbeitete Fleisch-Produkte mühte sich Moskau in der Folgezeit, den Ausbau des eigenen Schlacht-Gewerbes zu stützen. Zu einem neuerlichen Rückgang polnischer Fleisch-Importe kam es nach der EU-Erweiterung 2004. Exportierten bis dahin 1200 polnische Produzenten nach Russland, sorgte die Lizenz-Vergabe durch den russischen Veterinärdienst für eine Marktregulierung. Lediglich 15 Unternehmen erhielten nach der Inspektion ihrer Betriebe die begehrte Export-Lizenz.